Briefmarken

Papierpilze aus dem Schnoor

Sibylle und Fritz Haase stellen in Wiesbaden ihre neuen Briefmarken vor. Seit den späten Siebzigerjahren haben sie 124 Briefmarken gestaltet
31.07.2018, 12:00
Lesedauer: 4 Min
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Papierpilze aus dem Schnoor
Von Monika Felsing
Papierpilze aus dem Schnoor

Fritz und Sibylle Haase mit zwei ihrer insgesamt vier neuen Briefmarken. Der "Braun Weltempfänger" ist bereits im Handel.

Christina Kuhaupt

Diese Pilze sind essbar, aber nichts für die Pfanne, lange lagerfähig und ganz fix zubereitet: Man nehme einen Maronen-Röhrling, ein paar Echte Pfifferlinge oder Echte Steinpilze, befeuchte die Rückseite leicht, klebe jeweils eine der Sondermarken aus Bremen auf einen nicht zu kleinen, ausreichend adressierten Briefumschlag – und ab geht die Post! Das Bundesministerium der Finanzen stellt die drei neuen Briefmarken von Sibylle und Fritz Haase an diesem Dienstag im Hessischen Landesmuseum für Kunst und Natur in Wiesbaden hochoffiziell vor. Erstausgabetag ist der 9. August.

Schon seit 12. Juli ist außerdem die vierte Marke der Serie "Design aus Deutschland" im Umlauf, ein weiteres Werk aus dem Atelier Haase & Knels am Landherrnamt. Das vorgegebene Thema der beiden Kreativen aus dem Schnoor war der Braun Weltempfänger. Gewidmet ist diese Marke dem Designer Dieter Rams. Zählt man die drei Sondermarken für die Jugend mit, hat das Ehepaar seit den späten Siebzigerjahren 124 Briefmarken gestaltet. Und die Konkurrenz ist deutlich härter als unter Briefmarken- und Pilzsammlern. "Man gewinnt das nicht immer", sagt Fritz Haase. "Es sind immer sechs bis acht beteiligt, jeder darf bis zu drei Entwürfe einreichen." Eine unabhängige Jury entscheidet.

Mit heimischen Speisepilzen kennt sich Sibylle Haase seit ihrer Kindheit aus. Sie verdankt ihnen sogar ihr erstes selbst verdientes Geld. "Ich habe als Kind Pilze gesammelt und verkauft", erzählt die Designerin, die in der Lüneburger Heide aufgewachsen ist. Schon damals wusste sie zu unterscheiden, was in den Korb gehörte und wovon man besser die Finger ließ. Die Modelle für die neuen Marken sind zwar nicht auf dem Teller gelandet, aber einige andere der gleichen Art. "Pfifferlinge essen wir gern", sagen die Haases. "Mit Zwiebeln, Speck und Sahne, und dazu Brot."

Im Original sind die Papierpilze, die das Bundesministerium der Finanzen bei den Haases in Auftrag gegeben hat, allesamt essbar und als Sondermarken "Für die Jugend" doppelt nützlich. Der Echte Pfifferling (Cantharellus cibarius), der seinen Namen dem pfeffrigen Geschmack der rohen Exemplare verdankt, ist als 70er-Marke mit 30 Cent Zuschlag für Briefe gedacht. Der Echte Steinpilz (Boletus edulis), eine 85er mit 40 Cent Zuschlag, gehört in der Natur zu den Dickröhrlingen. Und der Maronen-Röhrling (Imleria badia), eine 1,45er mit 55 Cent Zuschlag, gedeiht künftig auf größeren Briefen.

Am Porto sind sie leicht zu unterscheiden. In der Natur mit etwas Fachwissen auch, wie die Deutsche Gesellschaft für Mykologie im Begleitschreiben des Ministeriums zu den Ersttagsmarken ein bisschen loriothaft erläutert: "Wie die Steinpilze hat die zur Gruppe der Filzröhrlinge gestellte Marone auf der Hutunterseite eine schwammartige Fruchtschicht. Im Unterschied zum Echten Steinpilz, mit dem die Marone verwechselt werden kann, läuft diese nach Druck oder im Anschnitt meist grünblau an.“ Das zu wissen, hat den Haases erst einmal wenig gebracht, denn als 2017 klar war, dass sie den Wettbewerb gewonnen haben und den Auftrag bekommen, war die Pilzsaison gerade zu Ende, und wie bei allen Marken begann eine umfangreiche Vorrecherche. Im Wald und im weltweiten Netz. "Wir tauchen da tief ein", sagen Haases. "Briefmarken macht man nicht einfach so – Deutschland ist ein Land von Experten!"

Einer davon war der Oberlehrer Edmund Michael, wie sich herausgestellt hat. Auf der Suche nach Illustrationen, deren Rechte gesichert sind, sind die Haases auf dessen von Albin Schmalfuß illustrierten „Führer für Pilzfreunde“ gestoßen. Die taschenbuchgroßen Bände, in erster Auflage erschienen im Verlag Förster & Borries 1895 in Zwickau, enthalten Lithografien von hoher Qualität.

"Das war ein Glücksfund", freut sich Fritz Haase über die künstlerische Steilvorlage. "Der Mensch, der war genial! Und das Tolle war, dass er mit drei Farben gedruckt hat!" Damit nicht genug: Als der Bremer Professor bei dem Verlag anrief, meldete sich tatsächlich "ein Herr Förster", als wäre die Zeit stehengeblieben.

Dass sie das nicht tut, dafür sorgen die Haases schon selbst. Für sie ist nach der neuen Marke vor der neuesten Marke. Woran sie gerade arbeiten, ist postgeheim. Welches Motiv sie selbst wählen würden, verraten sie gerne: Mikroben unterm Rasterelektronenmikroskop, Wesen wie von einem anderen Stern. Und sollte den Sachbearbeitern einmal nichts mehr einfallen, könnten auch die Wünsche von anderen wahr werden: "Es gibt ein Vorschlagswesen", sagt Fritz Haase, "beim Bundesministerium für Finanzen, Abteilung Postwertzeichen, in Berlin."

Wie für Botaniker lohnt es sich auch für Philatelisten, genau hinzuschauen. Der Rahmen um den Zehnerblock ist nur noch an zwei Seiten gestaltet – die kurzen Kanten sind den Strichcodes vorbehalten. Für Designer ist die Arbeit am scheinbar nutzlosen Drumherum damit etwas weniger reizvoll geworden. Aber mit der ihnen eigenen Liebe zum Detail haben die Haases auch umzu einen Hingucker geschaffen: Die Naturfotografien über und unter den Pilzen haben sie im Wald des Bruchhausen-Vilser Ortsteils Homfeld gemacht, im idyllischen Forst am Heiligenberg, den sie von vielen Wanderungen kennen.

Im Innenhof ihres Ateliers im Schnoor, zwischen Efeu, Farn und Hasenskulptur, geht das Designerduo für die Fotografin auf Pilzsuche. "Man darf nicht alles so ernst sehen", bekräftigt Fritz Haase und rückt einen alten grünen Filzhut zurecht. Sibylle Haase ist unterdessen längst fündig geworden. Und sie weiß auch schon, was ihre fünf Pfifferlinge wert sind. Die Post nimmt einen Euro dafür.

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