Im Porträt

Peter Lüchinger gibt den Eiswett-Schneider

Gleich zu Beginn des neuen Jahres können sich die Bremerinnen und Bremer auf eine Traditionsveranstaltung freuen: Die Eiswette geht am 6. Januar am Punkendeich über die Bühne.
04.01.2019, 20:20
Lesedauer: 4 Min
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Peter Lüchinger gibt den Eiswett-Schneider
Von Sigrid Schuer
Peter Lüchinger gibt den Eiswett-Schneider

Selbst ist der Mann: Der Eiswett-Schneider alias Peter Lüchinger bügelt seinen Biedermeier-Frack vor der Traditionsveranstaltung am 6. Januar selbst auf.

Christina Kuhaupt

„Wer wissen will, was Bremen so ausmacht, der muss einfach am 6. Januar zur Eiswette gehen“, sagt Peter Lüchinger und betont: „Ich liebe ja solche Traditionsveranstaltungen! Sie gehören zu unserer Geschichte und sind ein Zeichen unserer Vielfalt“. Ein wesentlicher Bestandteil der Eiswette, die nunmehr seit 190 Jahren am Weserufer ausgetragen wird, ist seit fünf Jahren in fester Hand der Bremer Shakespeare Company. Denn seitdem gibt Peter Lüchinger immer am Heiligen Drei Königs-Tag den Eiswett-Schneider. So auch an diesem Sonntag pünktlich um 12 Uhr wieder, am Punkendeich, Höhe Sielwall.

Der Schweizer Schauspieler, der an der Schauspiel-Akademie Zürich ausgebildet wurde und am dortigen Schauspielhaus auch sein erstes Engagement hatte, ist 2019 seit 30 Jahren Mitglied der Bremer Shakespeare Company und schon lange Vorstandsmitglied. Der Schneider mit seinen spitzzüngigen, kabarettistischen Einlagen ist neben den Herren des Präsidiums der Star der Eiswette, bei der es darum geht, ob die Werser geiht oder steiht, also ob die Weser zugefroren ist oder eben nicht.

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Eine Rolle mit hohem Wiedererkennungswert: „Selbst im Hochsommer begegnen mir Leute, die mich mit den Worten begrüßen: Ach, der Eiswett-Schneider, das ist ja schön, dass Sie das machen!“, erzählt er. Und so ist der Publikums-Andrang am Punkendeich immer groß, nicht nur, weil es Pröbchen des Eiswett- und Bremer Nationalgerichts Kohl und Pinkel zu kosten gibt.

Aber der Schauspieler hat am 6. Januar auch die Heiligen drei Könige im Schlepptau, die in diesem Jahr von seinen Kollegen Tobias Dürr, Markus Seuß und Michael Meyer verkörpert werden. Und da letzterer Ukulele spielt und alle drei ihre Gesangskünste schon in der Bremer Shakespeare Company unter Beweis gestellt haben, werden sie am Sonntag auch eine Gesangseinlage geben.

Stadtmusikanten und die Eiswette

Den Medicus gibt übrigens der Company-Schauspieler Christian Bergmann. Ein Blick in die Schneiderei des Theaters am Leibnizplatz verrät, worum es sich thematisch bei der diesjährigen Eiswett-Veranstaltung unter anderem drehen wird: 200 Jahre Bremer Stadtmusikanten. Von einem der Schränke blinzelt ein besonders hübsches Exemplar von einem Esels-Kopf unter langen Wimpern mit großen Kulleraugen herunter. Und selbstverständlich trägt das Eselchen wie der Schneider auch einen eigenen, kleinen Zylinder. Peter Lüchinger wird am 6. Januar in die Rolle des Esels schlüpfen.

Und der ist zwar schon stur, aber alles andere als dumm. So wird er unter anderem die Planungen als Eseleien entlarven, die in der Stadt so schief laufen. Hergestellt wurde der Esels-Kopf in der Company, genauso wie die anderen Requisiten aus den vergangenen Jahren, die heute im Theater am Leibnizplatz aufbewahrt werden.

So trug Peter Lüchinger bereits eine Base-Cap mit der Aufschrift: „Schneider first“ oder machte sich vor drei Jahren über die Selfie-Sucht vieler Zeitgenossen mit einem Mini-Bügeleisen samt eingebauter Smartphone-Attrappe lustig. Und auch eine Mini-Ausgabe der Freiheitsstatue spielte bei der Eiswette schon eine Rolle. „Lady Liberty“ ging es nach der Amtsübernahme von Donald Trump als US-Präsident so schlecht, dass sie die Flucht nach Bremen antrat.

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Denn in der Freien und Hansestadt wisse man schließlich um das höchste Gut der Freiheit, so der Schauspieler. Mit Lüchingers Amtsantritt wurde der Schneider auch komplett neu eingekleidet. Der Biedermeier-Frack in tiefem Himmelblau, die dazugehörige Schleife und die Karo-Hose mit dem hohen Bund sind Kreationen von Kostüm- und Bühnenbildnerin Heike Neugebauer und Gewandmeisterin Galina Rikkert, die in Zusammenarbeit mit Peter Lüchinger entstanden. Der Schauspieler ist eigentlich von Haus aus prädestiniert für den Job des Schneiders. „Klar kann ich Knöpfe annähen, meine Mutter war schließlich Schneiderin!“ betont er.

Eiswett-Schneider mit Migrationshintergrund

Die neue Farb-Facette, die Peter Lüchinger in den ersten Jahren mit in seine Rolle einbrachte: Er trat als Eiswett-Schneider mit Migrationshintergrund und Schwyzerdütschem Dialekt auf. Sein Vorgänger Burckhard Göbel hatte dagegen zuvor immer die plattdütsche Karte gezogen. Wichtig sei der Blick von außen auf Bremen, sagt Lüchinger. "Der Schneider ist ja ein Fahrender und Fabulierer.

Er hat auch schon etwas von einer volksnahen Shakespeareschen Narrenfigur, die ihren Mitmenschen den Spiegel vorhält. Das ist das Spannende", sagt Lüchinger. "Und es wird mit der feinen Klinge gefochten, es wird niemand in die Pfanne gehauen". Denn die Hansestadt ist als Haushaltsnotlageland der Dreh- und Angelpunkt für die kabarettistischen Einlagen des Schneiders, die internationale Politik spielt nur am Rande eine Rolle.

Und so zog der Schauspieler als Schneider vor zwei Jahren einen ganzen Bollerwagen mit Papier-Geldscheinen hinter sich her und sah sich plötzlich von einer Schar Kindergarten-Kinder umringt, die ihn fragten: „Wer bist Du denn eigentlich?“ Klar, dass die Kleinen etwas vom Geldsegen abhaben wollten und damit seinen Auftritt crashten.

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Mit dem Amt des Schneiders ist es wie mit dem des Novizen: Die Kandidaten werden vom Eiswett-Präsidium vorgeschlagen. Sollte sich jemand bewerben, ist er schon raus aus dem Rennen. Die Aufnahme-Zeremonie erfolgt dann am dritten Januar-Sonnabend des Neuen Jahres, also 2019 am 19. Januar, beim Eiswettfest im Congress Centrum auf der Bürgerweide. „Dann müssen sie ihren Eid auf mein dampfendes Bügeleisen und die Frau Weser ablegen“, erzählt Lüchinger, der selbst vor 20 Jahren das erste Mal beim Eiswettfest dabei war.

Der Abend des 6. Januar gehört in einer intimen Privatveranstaltung der Show der Eiswett-Novizen, in diesem Jahr sind es sieben. An den verschiedensten Orten wie vor zwei Jahren im Bremer Antikenmuseum oder im Focke-Museum, aber auch schon mal auf der Seuten Deern in Bremerhaven, bewerben sie sich mit zuvor ausgetüftelten individuellen Darbietungen um das Novizen-Amt. Und aus solchen Abenden sind schon Freundschaften fürs Leben entstanden, wie es überhaupt das Selbstverständnis der Eiswett-Genossen ist, jedes Jahr aufs Neue ein Fest unter Freunden zu feiern.

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