Christopher Street Day

Polizist: „Schwul ist noch immer ein Schimpfwort“

Homosexuelle erfahren viel Hass und Gewalt. Polizist Sven Rottenberg erzählt von seiner Arbeit als Ansprechpartner für gleichgeschlechtliche Lebensweisen.
30.08.2019, 06:00
Lesedauer: 4 Min
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Polizist: „Schwul ist noch immer ein Schimpfwort“
Von Elena Matera
Polizist: „Schwul ist noch immer ein Schimpfwort“

Sven Rottenberg

Frank Thomas Koch
Herr Rottenberg, Sie waren vier Jahre lang Ansprechpartner für gleichgeschlechtliche Lebensweisen bei der Polizei Bremen. Warum sind Sie zurückgetreten?

Sven Rottenberg: Aus gesundheitlichen Gründen wegen eines Burnouts. Irgendwann konnte ich nicht mehr abschalten und habe die Arbeit gedanklich mit nach Hause genommen. Ich muss mich jetzt erst einmal wieder auf mich konzentrieren, gesund werden. Es fällt mir sehr schwer, die Stelle aufzugeben. Das Projekt war mein Baby. Ich habe es aufgebaut, viel Zeit und Kraft hineingesteckt. Wir suchen gerade einen passenden Nachfolger. Die Stelle muss es auch weiterhin geben.

Warum ist Ihnen das so wichtig?

Bis 1994 gab es ja noch den Paragrafen 175 im Strafgesetzbuch: Männer wurden verhaftet, wenn sie bei sexuellen Handlungen mit dem gleichen Geschlecht entdeckt wurden. Wir Polizisten waren jahrelang die Verfolger. Das steckt noch in vielen Köpfen drin. Diese Angst wird auch auf Jüngere übertragen. Gewalt gegen Homosexuelle kommt oft nicht ans Licht. Immer noch werden viele Straftaten nicht angezeigt. Die Betroffenen brauchen unbedingt eine Person bei der Polizei, der sie voll und ganz vertrauen können. Ich war ihr Ansprechpartner in den vergangenen vier Jahren und ich habe gesehen: Der Bedarf ist da.

Erfahren Homosexuelle denn viel Hass und Gewalt in Bremen?

Das kann man so pauschal nicht sagen. Es gab diesen Fall, über den sogar bundesweit berichtet wurde. Da hat ein Mann mehrere Homosexuelle gestalkt, tyrannisiert. Anfang des Jahres hat eine Gruppe Jugendlicher Schwule im Bürgerpark gejagt. Auch die verbale Aggressivität gegenüber homosexuellen Personen hat gefühlt zugenommen. Ich finde es sehr erschreckend, dass so etwas überhaupt in unserem kleinen, liberalen Bremen vorkommt.

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Gab es einen Fall in den vergangenen vier Jahren, der Sie persönlich besonders mitgenommen hat?

Ja, sogar zwei. Ein Mann wurde wegen seiner sexuellen Orientierung so verprügelt, dass er auf die Intensivstation eingeliefert werden musste. So etwas ist unfassbar. Bei dem anderen Fall wollte sich ein Syrer von seinem deutschen Freund trennen. Dieser hat den Syrer zum Bleiben erpresst, indem er mit einem Zwangsouting bei dessen Familie gedroht hat. Dazu muss man wissen, dass in solchen Fällen der schwule Sohn von der Familie verstoßen oder gar umgebracht wird. Der Betroffene kam gerade noch rechtzeitig zu mir. Wir konnten dann eingreifen.

Wären diese Betroffenen auch zur Polizei gekommen, wenn es Sie in diesen Situationen nicht gegeben hätte?

Viele sagen, dass sie ohne mich keine Anzeige erstattet hätten. Genaue Zahlen habe ich nicht dazu. Ich glaube aber, dass sich die Situation verbessert hat. Insgesamt hat sich die Beziehung zwischen der Polizei und der queeren Community in den vergangenen Jahren verbessert. Anfangs war es auch für mich schwierig, als Polizist akzeptiert zu werden. Mittlerweile sind wir vom vermeintlichen Verfolger zum Freund geworden.

Sie sind selbst homosexuell. Wie gehen Ihre Kollegen damit um?

Mittlerweile sehr gut. Ich hatte mein Coming-out bereits in der Ausbildung bei der Polizei Bremen. Alle waren damals sehr verständnisvoll. Aber gerade ältere Kollegen wussten anfangs nicht, wie sie mit mir umgehen sollen. Ich musste dann mit ihnen sprechen und erklären, dass ich ganz normal bin, über alles reden kann. Noch immer kommen oft Kollegen zu mir und fragen mich, wie sie mit anderen homosexuellen Kollegen umgehen können. Viele sind da einfach verunsichert.

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Gibt es denn in der Polizei viele Homosexuelle?

Wir haben Lesben, Schwule und auch mehrere Transmenschen. Wir sind ein Querschnitt der Gesellschaft. Aber es ist nicht alles problemfrei bei uns. Es gibt homosexuelle Kollegen, die sich mir anvertraut haben, sich aber nicht auf der Arbeit outen wollen. Sie haben schlichtweg Angst. Es gibt eben noch diese unbewusste Diskriminierung. Äußerungen wie „schwul“, „lesbisch“ werden in einem negativen Zusammenhang verwendet. Außerdem wird ein Polizist als typischer Männerberuf angesehen. Das ist Klischeedenken. Diese Art der Diskriminierung ist nicht nur bei der Polizei ein großes Problem. „Schwul“ ist immer noch das beliebteste Schimpfwort auf Deutschlands Schulhöfen

Haben Sie selbst schon einmal unter solchen Sprüchen gelitten?

Ja, das war bei der Bundeswehr. Ich war vier Jahre lang bei der Marine in Wilhelmshaven. Die haben oft homophobe Sachen gemacht. Ich habe da manchmal gedacht: Die hauen mir in die Fresse, wenn ich mich oute. Das hat sich auch in mein Privatleben hineingezogen. Ich hatte damals einen Freund und ständig Angst, mit ihm in der Stadt gesehen zu werden. Es ist mir daher auch ein persönliches Anliegen, homosexuellen Menschen zu helfen, dass sie sich outen können. Dieses Versteckspiel ist einfach ungesund. Oft sind die Äußerungen gar nicht böse gemeint. Aber sie verletzen, machen den Betroffenen Angst. Mit

unserer Arbeit wollen wir ihnen zeigen: Kommt zu uns. Wir sind für euch da.

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Wie gelingt es Ihnen, die Menschen zu erreichen?

Wir klären auf, leisten Präventionsarbeit, stellen uns auf Veranstaltungen vor. Dafür arbeiten wir auch eng mit dem Rat-und-Tat-Zentrum zusammen. Und wir nehmen am Christopher Street Day teil. Wir waren übrigens die erste Polizei deutschlandweit, die diesen Schritt gewagt hat – mit Regenbogenflagge auf dem Polizeiwagen und dem Spruch: Proud to be your friend. Das hat bisher nur ein weiteres Bundesland übernommen. Es zeigt: Wir haben uns geändert, wir sind keine „Verfolger“ mehr. Da bin ich sehr stolz drauf.

Die Fragen stellte Elena Matera.

Info

Zur Person

Sven Rottenberg (41)

war seit 2015 Ansprechpartner für gleichgeschlechtliche Lebensweisen bei der Polizei Bremen. An Rottenberg konnten sich Opfer homophober Gewalt wenden, aber auch Kollegen, die Hilfe brauchten. Im Juli hat der Polizist den Posten verlassen.

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