Wettbewerb der Gewoba Bremen Preisverleihung für zukunftsgerechte Stadtentwicklung

Studentinnen befassen sich mit Fragen zukunftsgerechter Stadtentwicklung aus der Perspektive von Kindern. Preisträgerinnenaus Hamburg und Kassel erhalten Preisgeld der Gewoba, Auszeichnung für Bremerinnen.
30.11.2018, 21:39
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Preisverleihung für zukunftsgerechte Stadtentwicklung
Von Justus Randt

Schwer zu sagen, wie sich der idyllische Märchenort Bullerbü über die Jahrzehnte städtebaulich entwickelt hätte. Aber seine Erfinderin, die Kinderbuchautorin Astrid Lindgren, hatte mit den „Kindern aus der Krachmacherstraße“ auch die urbane Variante im Repertoire. Unter dem Titel „Krachmacherstraße 2.0 – wie wohnen Kinder heute und in Zukunft?“ hat die Gewoba in Kooperation mit der Universität Bremen, der Hochschule Bremen und der Jacobs University einen Wettbewerb für zukunftsgerechte Stadtentwicklung ausgelobt. Eines der Ziele war es, Studierenden der Sozialwissenschaften die Themen Stadtentwicklung und Wohnen näher zu bringen. Die Gewinnerinnen haben am Freitag ihre Auszeichnungen entgegengenommen.

Im Gegenzug erhoffte – und erhielt – der Gewoba-Vorstandsvorsitzende Peter Stubbe allerhand Anregungen und auch unerwartete Impulse. „Wohnungen sind nicht nur ein technisches Gut“, sagte er, sondern müssten den unterschiedlichen Vorstellungen, wie Menschen sich zu Hause fühlen, entsprechen. „Die Unternehmen der Wohnungswirtschaft haben alle keine Forschungs- und Entwicklungsabteilungen, wir haben das an Sie outgesourct, die Studierenden.“

Wandelbare Welt des Wohnens

Wie wandelbar die Welt des Wohnens auch in den rund 42 000 Bremer Gewoba-Wohnungen ist, machte Stubbe mit einer einzigen Zahl deutlich: Nur noch elf Prozent der Bewohner lebten im althergebrachten Familienverband von „Vater, Mutter, Kind plus Kind“. Die Stadt wachse, die sozialen Strukturen müssten „nachziehen“, sagte Claudia Bogedan (SPD), Senatorin für Kinder und Bildung. Dass bei alldem die Perspektive der Kinder nicht außer Acht geriet, war ein Job der Wettbewerbsteilnehmer. Sieben Bewerbungen hätten vorgelegen, teilte die Gewoba mit. Zwei Gewinnerinnen – eine Gruppe aus Hamburg und Frida Ludwig, die an der Universität Kassel Urbanistik studiert – wurden mit jeweils 2500 Euro Preisgeld ausgezeichnet.

Julia Lossau, Professorin mit dem Forschungsbereich Stadtgeografie an der Universität Bremen und Vorsitzende der Jury, kam noch einmal auf den Titel „Krachmacherstraße 2.0“ zu sprechen, der auf ein „Mensa-Brainstorming“ zurückgehe. Der Begriff nehme klaren Bezug auf Lindgrens „heile Welt der Nachkriegszeit“, ein „Utopia“, in dem „Elternfreiheit“ geherrscht habe und Erwachsene „eine weitgehend untergeordnete Rolle“ gespielt hätten. „2.0 deutet allerdings an, dass das Vergangenheit ist und dass Kinder heute, im digitalen Zeitalter, mehr Zumutungen ausgesetzt sind – auch die analogen sind kein Zuckerschlecken“, sagte Lossau und nannte als Schlagwörter „Helikoptereltern und Vernachlässigung“ – Phänomene, deren Beobachtung Aufgabe der Sozialwissenschaften sei.

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Amelie Stötzel, Clara Sophie Cramer und Talina Zähl von der Jacobs University erhielten eine Anerkennung für ihre Arbeiten. Die Studien über das Verhältnis von Beaufsichtigung nach der Schule und dem Konsum digitaler Medien sowie der Vergleich körperlicher Aktivität von Kindern in weniger gut gestellten und in wohlhabenderen Stadtteilen, sei „von hoher sozialer Relevanz“, sagte Ulrich Kühnen, Professor an der Jacobs-University. Er unterstrich die Einflüsse auf die körperliche Entwicklung von Kindern und dass soziale Ungleichheiten sichtbar würden. Konkreter wurde der Laudator nicht, hätte sich „in einer idealen Welt aber größere Stichproben“ gewünscht. Beteiligt waren die Gesamtschule West (Gröpelingen), die private International School of Bremen (Horn-Lehe) und das Nebelthau-Gymnasium in Burglesum.

Frida Ludwig zählte schon beim ersten Gewoba-Preis 2016 zu den Gewinnern, als es um die Wohnsituation geflüchteter Menschen ging. Jetzt hat sie sich in einem Nürnberger Quartier umgesehen, das seit fast 20 Jahren im städtebaulichen Förderprogramm „Soziale Stadt“ ist. Die Jury-Vorsitzende Julia Lossau lobte die Methodenvielfalt, mit der Frida Ludwig zu Werke gegangen sei: Sie habe dem Blick der beteiligten Fünf- bis Zwölfjährigen als Experten in eigener Sache Geltung verschafft. Ausgestattet mit einer „Entdeckertasche“ samt Stadtplan und Fotoapparat unternahmen die Kinder Stadtteilspaziergänge und vermittelten „sehr authentische Einblicke“.

Selbstgewählte Lieblingsplätze

Dabei wurde deutlich, dass die Kinder im Viertel Nordostbahnhof „oft nichts anzufangen wissen mit von den Erwachsenen ersonnenen“ Plätzen und Orten, wie Sabine Wagenblass, Professorin an der Hochschule Bremen, feststellte. Zu den Lieblingsplätzen der Kinder zählten „ein kleiner grüner Hügel“ und ein Schulhof. Die Kinder hätten erörtert, „dass im Winter das Spielen im Freien nur eingeschränkt möglich sei und formulierten die Idee, Turnhallen zu öffnen“, heißt es in Frida Ludwigs Ausarbeitung über die „Anforderungen von Kindern an das Wohnumfeld“.

„Wie Urbanisierung und gesellschaftlicher Wandel die Praktiken und Räume von Hamburger Kindertagesstätten bedingen“, nahm die Gruppe Josepha Lia Aufleger, Anna Lorscheider, Elena Chikulaeva und Sureija Gotzmann in den Blick. Zu den Quintessenzen gehörte für Laudatorin Christiane Thalgott, Professorin an der Technischen Universität München, dass die organisierte Kinderbetreuung auch verblüffende Effekte haben könne: „Hat ein Kindergarten genug eigene freie Fläche, verlassen die Kinder das Gelände nicht mehr, wird die Stadterkundung nachrangig. Andersherum hat die Waldgruppe des Kindergartens Hafencity beispielsweise am meisten über das Stadtleben gelernt – weil der Weg in den Wald so weit war.“

Julia Lossau hält die Kinderperspektive für eine „mutige Wahl, weil die Stadtforschung den Fokus eher auf Alte legt“. Dass ausschließlich Frauen den Wettbewerb gewonnen haben, werfe ein Licht auf die Frage, wer sich überhaupt mit Kindern beschäftige: „Wäre schön, wenn das nicht nur Frauensache wäre“, sagte Lossau. Christiane Thalgott formulierte es so: „Eine Stadt ohne Kinder ist ein Graus und ohne Zukunft.“

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