Ein gutes Jahr für Nager auch in Bremen

Ratten stören Anwohner in der Bremer Vahr

Ratten und vor allem Mäuse haben sich im milden Winter und dem trockenen Sommer stärker vermehren können. Erfahrungsgemäß ist das ein Anstieg auf Zeit, und doch nerven vor allem die Ratten – aktuell in der Vahr.
13.10.2019, 15:44
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Ratten stören Anwohner in der Bremer Vahr
Von Justus Randt
Ratten stören Anwohner in der Bremer Vahr

In der Vahr in Bremen beklagen sich Anwohner über Ratten.

Bernd von Jutrczenka/dpa

Angefangen hat es vor ungefähr einem halben Jahr, und ein Ende ist für Marlene Kudrov und ihre Nachbarn in der Vahr nicht in Sicht: „Damals fing es an, dass hier übelst viele Ratten rumliefen.“ Hier, das ist die Siedlung aus Reihenhäusern im Barbarossapark. Und richtig viel heißt für die junge Mutter: „Gefühlt sehe ich immer noch jeden Tag eine Ratte, manchmal auch tote Ratten im Garten.“

Obwohl die Anwohnergemeinschaft einen professionellen Schädlingsbekämpfer eingeschaltet habe, sei es „inzwischen sogar wieder mehr geworden“ – so zumindest der subjektive Eindruck. Dennoch: Anders als in der bekannten Hameln-Sage gibt es in Bremen keine Rattenplage. Das bestätigen die Gesundheitsbehörde und andere, die die Nager von Berufs wegen im Blick haben.

Dass die eigentlich scheuen Ratten dennoch zu beobachten sind, kommt immer wieder vor: Zuletzt gab es im Sommer Hinweise auf eine Zunahme der Tiere im Leibnizpark in den Neustädter Wallanlagen. Im vergangenen Jahr kamen Hinweise aus Horn-Lehe, dem Fesenfeld, aus Schwachhausen, Tenever und Kattenturm. „Es gibt keine besonderen Hochburgen“ sagt Christina Selzer, Sprecherin von Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard (Linke). „Das ist kein spezifisches Großstadtproblem“, auf dem Land hätten zum Beispiel Bauernhöfe in ihren Tierfutterlagern mit den Schädlingen zu tun.

Es gibt sie nicht, die Kanalratte

Der Grund, weshalb Ratten aus ihren Löchern kommen, ist in der Regel das Fressen. Selten gelangen die Nager durch defekte Abwasseranschlüsse in Gebäude. Mit der Legende hat Hansewasser schon bei früheren Meldungen aufgeräumt: Es gibt sie nicht, die Kanalratte, auch wenn die Tiere die Kanalisation als Wegenetz nutzen. In der Stadt sind Wanderratten unterwegs. Wenn sich deren Verbreitung „aufgrund eines guten Nahrungsangebots stark vergrößert, ist eine Bekämpfung erforderlich“, sagt Selzer. Auf privatem Grund, wie in der Vahrer Siedlung, sind die Eigentümer gefordert – andernorts können das auch Wohnungsbaugesellschaften sein. Die Stadtgemeinde hat für Straßen, Plätze, Freiflächen sowie ihre Gebäude zu sorgen. Dafür ist laut Gesundheitsressort ein privates Unternehmen engagiert.

Lesen Sie auch

Immobilien Bremen, sagt deren Sprecher Peter Schulz, habe seit 2017 „konstant hohe Fallzahlen, um die 500 jährlich“. Darin enthalten seien rund 100 Dauerbekämpfungsmaßnahmen an Brennpunkten“ an Bremischen Liegenschaften. „Das kostet die Stadt jährlich 160 000 Euro“, sagt Schulz. Aktuell sei „eine leicht steigende Tendenz“ festzustellen. „In der Nähe von Schulen und Kitas, wo schon mal Butterbrote im Gebüsch landen, ist das Problem immer wieder festzustellen„, betont der Sprecher. “Wenn einer nachlässig mit seiner Mülltonne oder seinem gelben Sack umgeht, reicht das schon. Die Biester sind schlau und merken sich das.“

Sind Bremer, denen Ratten über den Weg laufen, etwa selbst schuld? Bernd Rose würde das so nicht sagen. „Es gibt immer mal Befallsschwerpunkte“, stellt er fest. Und zwar eben nicht nur das Weserstadion, in dessen Umgebung mitunter „enorme Mengen Bratwurst und Brötchen“ herumlägen. Rose ist Schädlingsbekämpfer und firmiert als „Der Rattenjäger“ in Bremen. Die Branche habe gut zu tun, aber nicht mehr als in den Jahren zuvor. „Hausratten, die Urform der Laborratte, habe ich in Bremen noch gar nicht gehabt“, sagt Rose. „Die sind viel schwerer zu bekämpfen, weil sie sich in Gebäuden einnisten.“

Kein Trend

Immerhin gelten Ratten als mögliche Überträger von Bakterien, Viren, Pilzen und Parasiten. Deshalb rät das Umweltbundesamt (UBA), Kadaver nur mit Handschuhen oder einer Plastiktüte aufzunehmen. „Die Entsorgung kann bei den üblichen Mengen über den Hausmüll erfolgen“, sagt Juliane Fischer, Expertin für Gesundheitsschädlinge und ihre Bekämpfung beim UBA. Normalerweise zögen sich die Tiere zurück, sobald das Gift zu wirken beginne. Was die Verbreitung der Ratten betrifft, zeichnet sich nach Einschätzung der Berliner Behörde bundesweit „kein Trend für eine Entwicklung“ ab.

„Die Population fängt meist mit einer schwangeren Ratte an. Die findet dann einen Komposthaufen oder ein Vogelhaus und siedelt sich an dieser Futterquelle an“, sagt Schädlingsbekämpfer Rose. „Wenn man dann nichts unternimmt, kann es ein Problem geben: Die Tiere sind nach etwa einem Vierteljahr empfängnisbereit, pro Wurf ist mit mindestens fünf Jungtieren zu rechnen – das potenziert sich.“ Einer seiner Berufskollegen habe hochgerechnet, dass aus zwei Ratten innerhalb eines Jahres 1000 werden könnten.

Lesen Sie auch

Mehr als den Tipp, die Mülltonnen geschlossen zu halten und keine Kekse im Garten liegen zu lassen, können die Bewohner der Barbarossasiedlung also nicht erhoffen. Einziger Trost: Wo verstärkt Ratten aufgetreten und bekämpft worden sind, waren sie irgendwann auch wieder weg – natürlich nicht alle. „Ratten leben mit uns“, sagt Behördensprecherin Selzer. Da beißt die Maus keinen Faden ab. In der Vahrer Siedlung gibt es sogar „besonders viele Mäuse“, hat Anwohnerin Kudrov festgestellt. „Die stören aber nicht.“

Die Rattenbekämpfung ist auf jeden Fall Profisache. Allein schon wegen der Substanzen, die dabei eingesetzt werden: Laien haben keinen Zugang zum Rattengift der zweiten Generation; das sind Antikoagulanzien, Blutgerinnungshemmer, die Ratten nach einigen Tagen innerlich verbluten lassen. Das Umweltbundesamt hat „Rückstände der Chemikalien unter anderem in Füchsen, Wieseln, Eulen, Greif- und Singvögeln sowie in Fischen gefunden“. Ohnehin existieren umfangreiche „Anwendungsbestimmungen“.

Deshalb – „und weil es in keinem Verhältnis zu den Kosten stünde“ – würde Rose damit auch keine Mäuse bekämpfen. „Wegen der trockenen Sommer in diesem und dem vergangenen Jahr haben wir außergewöhnlich viele Feldmäuse, bestätigt er Kudrovs Eindruck. Dies könnte auch eine Erklärung für die leichte Zunahme der Rattenmeldungen bei Immobilien Bremen sein.

Obacht im Umgang mit Speiseresten sei daher das oberste der Gebote zur Vorbeugung. Das empfiehlt auch das Gesundheitsamt Bremen, das außerdem beispielsweise privaten Tierhaltern empfiehlt, nach dem Füttern Reste zu entfernen. Und: Um Ratten so wenig Unterschlupf wie möglich zu bieten, sei es hilfreich, im Garten „die Bodendecker regelmäßig zu kürzen“.

Weitere Informationen

Das Beratungstelefon des Gesundheitsamtes ist montags bis freitags von 10 bis 12 Uhr zu erreichen: 0421/361-15551.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+