Waller Politikerin aus Beirat ausgeschieden

„Richtig grün geworden bin ich 1980“

Fast 28 Jahre lang hat Cecilie Ecker-von Gleich die Grünen im Waller Beirat vertreten und dabei unter anderem die Entwicklung der Überseestadt begleitet. Nun hört sie auf.
26.06.2019, 18:08
Lesedauer: 5 Min
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„Richtig grün geworden bin ich 1980“
Von Anne Gerling
„Richtig grün geworden bin ich 1980“
Roland Scheitz

Im November 1991 haben Sie Ihre erste Verpflichtungserklärung für den Waller Beirat unterschrieben. Wie sind Sie zu den damals noch ganz jungen Grünen ­gekommen?

Cecilie Eckler-von Gleich: Ich bin schon während meines Studiums politisch gewesen, damals gehörten wir zum Sozialistischen Büro Offenbach und fühlten uns als undogmatische Linke, orientierten uns also nicht an China oder der Sowjetunion. An der Uni hatten wir uns mit dem Thema Naturzerstörung beschäftigt. Ende der 1970er-Jahre waren Atomindustrie und chemische Industrie Thema bei uns und als sich dann die Grünen gründeten, waren wir automatisch dabei. Richtig grün geworden bin ich 1980, als ich mein erstes Kind bekam. Damals war gerade mit PCB – also Polychlorierten Biphenylen – belastete Muttermilch ein großes Thema.

Anstatt sich über den Beirat innerhalb der Parteistrukturen „hochzuarbeiten“, sind Sie von der Landesebene aus in die Stadtteilpolitik gegangen. Wie kam es dazu?

Ich hatte in der Uni gelernt, auf Vollversammlungen zu reden, und war von 1989 bis 1992 Sprecherin des Bremer Landesvorstands der Grünen. In dieser Funktion fuhr ich auch auf Bundesparteitage oder Bundesdelegiertenkonferenzen, wo ich auch nicht so schöne ­Grabenkämpfe, etwa mit Jutta Ditfurth, miterlebt habe. Hinzu kam Frustration mit der Landespolitik: Wir hatten Stimmen verloren und es gab Verhandlungen für eine Ampel-­Koalition mit SPD und FDP. Drei Monate lang bin ich jeden Tag ins Rathaus gefahren. Die Wahl war im September, es kam der Freimarkt und schließlich der Weihnachtsmarkt – und wir haben immer noch verhandelt. Als wir endlich fertig waren, entschieden sich die Grünen mit einer Stimme Mehrheit gegen den Vertrag.

Das war für Sie sicherlich sehr enttäuschend?

Das Gefühl, sich total angestrengt zu haben und dann abgestraft zu werden, ging ganz tief rein. Ich habe dann entschieden, dass wir die Abstimmung wiederholen. Danach hatte ich zumindest vorübergehend von der Landespolitik genug und mir gedacht: Ich mache Stadtteilpolitik da, wo ich wohne und wo ich mich gut auskenne. Die Arbeit im Beirat schien mir wesentlich sachorientierter als auf Landesebene. Und über den Brodelpott war ich ja auch gut vernetzt, dazu passte es, dass ich im Beirat sitze.

Sehen Sie Ihre Erwartungen von damals nach fast 28 Jahren Beiratsarbeit bestätigt?

Auf Beiratsebene ist alles ein bisschen abgeschwächter, freundlicher und bürgernah – das ist der Vorteil. Der Nachteil ist, dass man auf Landesebene nicht unbedingt ernst genommen wird beziehungsweise nicht wirklich Entscheidungskompetenz hat. Ein Beispiel hierfür ist der Zebrastreifen an der Cuxhavener Straße, den wir als Beirat seit Langem fordern, was aber in der Behörde blockiert wird.

Und im Beirat haben Sie sich dann sofort mit allen gut verstanden?

Na ja – nicht mit allen und nicht sofort, aber ähnlich wie auf Landesebene haben wir, wenn es von den Mehrheitsverhältnissen möglich war, eine Kooperation mit der SPD angestrebt. Damals hatten wir den ausgesprochen kämpferischen Ortsamtsleiter Bernd Peters. Das war schon ein spannender Einstieg in die Lokalpolitik. Später kam dann die Zukunftswerkstatt Osterfeuerberg, die wir als Grüne angeschoben und mit der SPD organisiert haben. Das war ein besonderes Projekt. Und auch den Dedesdorfer Platz haben wir gemeinsam über viele Jahre politisch begleitet und mitgestaltet.

Beim Dedesdorfer Platz – der Waller Mitte, die die gleichnamige Bürgerinitiative zunächst als Freifläche für den Stadtteil forderte – hatten Sie sich als einziges Beiratsmitglied schon früh für eine Teilbebauung ausgesprochen. War es für Sie einfach, eine so unpopuläre Position zu vertreten?

Ich bin damals dafür sehr geprügelt worden und das hat mir auch etwas ausgemacht. Das hat dazu geführt, dass ich mich da dann rausgezogen habe. Aber ich habe immer das gesagt, was ich für richtig halte.

Innerhalb der Fraktionen ging der Annäherungsprozess indes scheinbar immer weiter. Vor vier Jahren hat dann ja sogar die SPD-Fraktion vorgeschlagen, die Vegesacker Straße zur Fahrradstraße zu machen ...

Da wollten wir als Waller Grüne allerdings nicht mitmachen, denn die Straße war kurz vorher erst zurückgebaut worden: Der Gehweg war verbreitert worden, es wurden Hochpflasterungen eingebaut, die Ampeln rausgenommen und die Rechts-vor-Links-Regelung eingeführt. Das war ein Erfolg des Beirats und ich fand, dass das Ganze dort auch gut funktioniert.

Kam es durch Ihre ablehnende Haltung zu Konflikten innerhalb des Beirats?

Nein, denn natürlich darf man auch mal strittige Themen haben und sich auch mal andere Mehrheiten suchen. Aber der Schulterschluss mit allen ist wichtig, um auf Landesebene etwas zu erreichen.

Sollte in diesen Schulterschluss Ihrer Meinung nach auch die AfD einbezogen werden, die nun zum zweiten Mal mit einem Sitz im Waller Beirat vertreten ist?

Nein, aber ich sehe da ein ziemliches Spannungsverhältnis zwischen demokratischen Strukturen und Ausgrenzung. Man muss sich schon mit deren Inhalten auseinandersetzen – wobei es in der letzten Amtsperiode an wirklich inhaltlicher Auseinandersetzung nicht viel gab, sondern eher formale Fragen im ­Vordergrund standen. Das neue Beirätegesetz war für uns aber auch eine Herausforderung, und es sind Fehler passiert. Daraus haben wir gelernt – aber es war misslich. Dass eine ­Partei, die zutiefst undemokratisch ist, uns so beschäftigen konnte, war ein schmerzhafter Prozess. Der Populismus, der gerade zunimmt, führt zu einem Auseinander-Divi­dieren. Der Zusammenhalt der demokratischen Kräfte darf deshalb nicht aus dem Blick geraten.

Was hat sich mit dem 2010 in Kraft getretenen überarbeiteten Beirätegesetz Ihrer Meinung nach verändert?

Wir haben damals lange diskutiert, was wir machen, wenn die Fachausschusssitzungen öffentlich werden. Heute finde ich: Die Arbeit des Beirats ist dadurch sichtbarer geworden, es kommen verhältnismäßig mehr Bürger in die Ausschusssitzungen als nur zu den Beiratssitzungen. Viele Ausschüsse sind gut besucht und gehen auch immer mal vor Ort in die Einrichtungen – das hat sich sehr positiv entwickelt. Und es gibt informative Berichte in den Medien.

Nach 28 Jahren im Beirat haben Sie nun einen Schlussstrich gezogen und sind nicht mehr zur Wiederwahl angetreten. Wie geht es für Sie persönlich jetzt weiter?

Ich freue mich, jetzt mehr Zeit für die Familie und den Garten zu haben. Momentan arbeite ich außerdem noch an einem Buchprojekt über die Entwicklung vom Freihafen zur Überseestadt. Dort laufen sozusagen die Fäden von Geschichtsarbeit im Brodelpott und Beiratstätigkeit zusammen. Denn ich habe zugesehen, als der Überseehafen 1998 zugeschüttet wurde, und anschließend die Entwicklung der Überseestadt begleitet.

Das Gespräch führte Anne Gerling.

Info

Zur Person

Cecilie Eckler-von Gleich (66)

hat in Tübingen Politikwissenschaft und Germanistik studiert und kam 1980 mit fünf Kommilitonen zurück in ihre Heimatstadt Bremen, um im ehemaligen Arbeiterstadtteil Walle eine Wohngemeinschaft zu gründen. Als arbeitslose Lehrerin bekam sie Kontakt zur Kulturinitiative Brodelpott, aus der schließlich das Waller Kulturhaus entstand, das Eckler-von Gleich bis Anfang 2017 geleitet hat. Seit den Anfängen der Partei war die Wallerin bei den Bremer Grünen und scheidet nach fast 28 Jahren mit der neuen Amtsperiode nun aus dem Waller Beirat aus.

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