Rückzug

Rückzug ins Kloster

Manche Menschen suchen freiwillig die Einsamkeit, um sich zu besinnen. Dazu gehörte der ehemalige grüne Bürgerschaftsabgeordnete Martin Thomas. Er besuchte regelmäßig das Benediktinerkloster Maria Laach.
02.08.2019, 19:00
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Rückzug ins Kloster
Von Silke Hellwig
Rückzug ins Kloster

Martin Thomas, ehemals Politiker der Grünen, zog sich regelmäßig ins Kloster Maria Laach zurück, um allein zu sein.

Christina Kuhaupt

Martin Thomas hat die Einsamkeit gesucht, vor allem in einer besonderen Phase seines Lebens – als er hauptamtlich politisch tätig war. Der ehemalige Grüne und heutige Rentner war von 1986 bis 1999 Mitglied der Bremischen Bürgerschaft, zuvor war er als wissenschaftlicher Mitarbeiter für die Fraktion der Grünen tätig.

Seit Ende der 1980er-Jahre nahm sich Thomas regelmäßig eine Auszeit. Er zog sich ein bis zwei Mal im Jahr für ein oder zwei Wochen ins Benediktinerkloster Maria Laach in der Eifel zurück, um viel Zeit allein zu verbringen, sich zu besinnen und zu meditieren. „Ich habe festgestellt, dass ich einen Ort brauchte, um aus meinem Alltag als Politiker herauszukommen.“ Sein Beruf habe ihm kaum Gelegenheit zum Innehalten geboten. Als Politiker müsse man immer erreichbar sein und werde mit einer Flut von Informationen überschüttet. Dabei seien Ausmaß und Tempo der Nach­richtenvermittlung zu seiner Zeit noch harmlos gewesen im Vergleich zu heute, räumt Thomas ein, wo soziale Netzwerke den Takt ­bestimmen.

Der Gastflügel des Klosters steht Gästen offen: „Der gleichmäßige Tagesrhythmus, der Wechsel von Gottesdiensten und Mahlzeiten, persönlicher Zurückgezogenheit und freundlichem Kontakt wird von Gästen als wohltuend und heilsam erlebt“, heißt es auf der entsprechenden Homepage. Er habe sich im Kloster sehr zurückgezogen, sei viel allein spazieren gegangen, erzählt Thomas.

Außer gemeinsamen Mahlzeiten mit anderen Gästen und Mönchen gehe jeder seiner Wege. Er habe es darauf angelegt, den Kontakt zu begrenzen. „Ich wollte auf mich selbst zurückgeworfen sein und mich dieser Stille aussetzen.“ Ablenkungen habe es kaum geben – weder Fernsehen, noch irgendwelche elektronische Unterhaltungsgeräte. Die Räumlichkeiten seien bewusst karg, Stille überwiege. „Man muss dort schweigen können. Man entschleunigt stark. Einen solchen Ort kann man heute außerhalb eines Klosters kaum noch finden.“ Manche Besucher hätten es nicht gut ausgehalten, viel Zeit nur mit sich zu verbringen, und seien bereits nach ein oder zwei Tagen vom Gästetrakt ins Seehotel gewechselt, das zu den Betrieben des Klosters zählt.

„Das Spannende für mich war, dass das viele Alleinsein und die Atmosphäre hinter den Klostermauern innere Sinnfragen aufgeworfen haben. Man fängt an, über sein Leben nachzudenken, über den Weg, den man gerade beschreitet, und sich zu fragen, ob man damit wirklich zufrieden ist.“ Die „Tiefenwirkung“, die die Einsamkeit im Kloster hinterlasse, „ist nicht zu unterschätzen. Man verliert in unserer Gesellschaft den Kontakt zu sich selbst.“ In Krisenzeiten hätten ihn die Erkenntnisse aus seinen einsamen Tagen gefestigt. Die Aufenthalte in Maria Laach hätten ihm geholfen, Abstand zu sich und zum politischen Geschäft zu finden, auch wenn es schwer gewesen sei, „dem Sog des Alltags“ zu widerstehen, zumal in der Politik. „Der Beruf spielte eine große Rolle. Politik frisst einen auf.“

Thomas hat sich schon vor etlichen Jahren aus der Politik zurückgezogen und auch der Partei den Rücken gekehrt. Dennoch brauche er weiterhin regelmäßig einsame Lebensphasen. Zwei Mal im Jahr zieht er sich für einige Wochen nach Spanien zurück, vollkommen allein „und immer auch ein Stück einsam“. Das habe er aus dem Kloster mitgenommen: „Dass ich Tage der Einsamkeit und der inneren Einkehr brauche. Ich empfinde es als Glück, dass ich gut mit mir allein sein kann.“

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