Kunststipendiatin Emese Kazár stellt aus

Der Mensch und sein Bild

Emese Kazár ist die neunte Kunststipendiatin der Bremischen Evangelischen Kirche. Ihre Stipendiatinnenausstellung „Ecce homo - der Mensch und sein Bild“ ist bis 8. Oktober in der Kulturkirche zu sehen.
13.08.2020, 05:00
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Von Sigrid Schuer
Der Mensch und sein Bild

Emese Kazár, neunte Kunststipendiatin der Bremischen Evangelischen Kirche, vor ihrem Triptychon "Beweinung" nach Andrea Mantegna.

FOTOS: Roland Scheitz

Es dauert einen Moment, bis sich das Auge an die Dunkelheit im Ausgangsraum des ehemaligen Südschiffes der Kulturkirche gewöhnt hat. Dann nimmt es langsam das Bildnis des eigenen Ichs wahr, das durch das Spiegelmosaik „Ille ego sum“ (Jener bin ich) gebrochen und auf den Betrachtenden zurück geworfen wird. Er oder sie erkennt in dem stilisierten Jesus-Antlitz die vielen, verschiedenen Facetten des eigenen Bildes.

Emese Kazár, neunte Kunststipendiatin der Bremischen Evangelischen Kirche, hat dieses in viele verschiedene Teile fragmentierte Spiegelbild einem mittelalterlichen Mosaik nachempfunden. Es war bis zu seiner Zerstörung im 19. Jahrhundert in der Lateransbasilika in Rom zu sehen. Vielleicht illustriert dieses Spiegelmosaik am eindrucksvollsten den Titel ihrer Stipendiatinnen-Ausstellung „Ecce homo – der Mensch und sein Bild“, die noch bis zum 8. Oktober in der Kulturkirche St. Stephani zu sehen ist. Die Vernissage musste coronabedingt auf diesen Donnerstag, 13. August, verschoben werden.

Viel gelesen habe sie im Zuge der Erarbeitung des Konzeptes, sagt Kazár, die ihre Ausstellung vom 1. April 2019 bis zum 31. Januar 2020 erarbeitete. „Ich habe mich schon immer von diesem Kirchenraum angesprochen gefühlt und war überglücklich, hier diese Ausstellung realisieren zu können“, betont Kazár, die Freie Kunst an der Hochschule für Künste studiert hat, 2014 mit einem Diplom abschloss und dort seit drei Jahren einen Lehrauftrag für Aktzeichnen hat.

Die intensive, intellektuelle Arbeit ist der Schau anzumerken. Die Künstlerin setzt sich mit der Königsdisziplin der Malerei, der Darstellung von Christus-Abbildungen auf Altarbildern auseinander. Beginnend mit der Geburt, endend mit dem Tod.

„Normalerweise male ich nicht nach Vorlagen“, sagt sie. Für „Ecce homo“ wählte sie Ausschnitte von mehr oder minder berühmten Renaissance-Malern, die in der Zeit zwischen 1435 und 1550 entstanden. Es sind konkrete Bildzitate nach Werken von Rogier van der Weyden, Andrea Mantegna, Giovanni Bellini (und Werkstatt), Antonello da Messina, Vittore Carpaccio, Raffael, Hans Holbein dem Jüngeren und Marten van Heemskerck.

Anders als im islamischen oder jüdischen Glauben, in dem durchgehend das Bilderverbot vorherrscht, wechselt dieses Gebot im Christentum durch die Jahrhunderte. So heißt es zwar einerseits: „Du sollst dir kein Bildnis machen.“ Andererseits wird genau das in der christlichen Ikonografie getan. „Das macht die Spannung in der christlichen Kunst aus“, sagt Emese Kazár.

So hat sich das Christus-Bild über die Jahrhunderte hinweg gewandelt, von dem König der Welt bis zum Gekreuzigten mit menschlichem Antlitz, der den Tod am Kreuz starb, um die Menschheit zu erlösen. „Was bedeutet uns das Bild Jesu heute? Was ist das Bild des Menschen? Mit dieser Frage stellt sich Emese Kazár einem großen Thema der Kunstgeschichte“, betont Diemut Meyer, leitende Pastorin der Kulturkirche. Sie nimmt dabei Bezug auf das Pilatus-Wort, das im Johannes-Evangelium überliefert ist und das später von dem Reformator Martin Luther, aber auch von dem Philosophen Friedrich Nietzsche aufgegriffen wurde: „Ecce homo – seht, welch ein Mensch!“

Kurator Frank Laukötter fügt erläuternd hinzu: „Emese Kazár malt Figuren, die aus monochromen Bildgründen hervortreten. Wesentlich für ihre Malerei ist die Formulierung einer menschlichen Figur und deren latente Auflösung, ihr Hervortreten und beinahes Verschwinden. Ihre Malerei schillert zwischen den Polen Figuration und Abstraktion beziehungsweise Konkretion“. Laukötter nennt diese künstlerische Herangehensweise „Bild-Archäologie“.

Kazár legt bewusst den Fokus auf Details, die sie zudem noch verfremdet und ihnen damit noch umso stärkere Aufmerksamkeit sichert. Von der berühmten Madonna mit Kind von Raffael ist lediglich das Augenpaar des Christuskindes übrig, die Körperkonturen sind dagegen verwischt.

Als Installation inszeniert ist das Christus-Bildnis mit einem aufgezogenen, grünen Samtvorhang. Immer wieder richtet Kazár den Blick ihres künstlerischen Schaffens auf den Faltenwurf in der Renaissance-Malerei. Besonders eindrucksvoll auf dem Triptychon „Beweinung“ im Altarraum zu sehen. Hier hat sich die Malerin im Bild von Andrea Mantegna auf das Tuch, das die Lenden des toten Christus bedeckt, konzentriert.

Ähnlich, wenn auch zarter, vielleicht auch verspielter und durchscheinender, in der „Pietà“ nach Antonello da Messina. Das Motiv nimmt die Künstlerin auch in dem Ausschnitt aus Holbeins Darstellung des toten Christus „Im Grabe“ auf, das sie auf ein Holzfundstück gemalt hat. Hinter einem weißen, geöffneten Vorhang verbirgt sich die Installation eines dreidimensionalen Faltenwurfes aus weißem Stoff.

In anderen Arbeiten ist das Teilbild des nackten Körpers des Jesus-Kindes durch einen realen, schimmernden Schleier verhüllt. „Sie lässt ein Geheimnis erahnen, gibt dem Verborgenen ungeheuere Präsenz und bewahrt dessen zauberhafte Kraft“, betont Diemut Meyer. Die Teilnahme an der Vernissage zur Ausstellung „Ecce homo – der Mensch und sein Bild“, am Donnerstag, 13. August, um 19 Uhr, ist auf 30 Personen begrenzt. Eine Anmeldung ist coronabedingt bei der Kulturkirche unter info@kulturkirche-bremen.de oder telefonisch unter 3 03 22 94 zwingend erforderlich. Das gilt auch für die Führung am Sonntag, 23. August, um 12 Uhr, zu der zehn Personen zugelassen sind. In der Matinee „Gott, Kunst, Welt“ am Sonntag, 6. September, um 11.30 Uhr, wird der Katalog zur Ausstellung in einem Gespräch aus theologischer, künstlerischer und kunsthistorischer Sicht vorgestellt. Er kostet zehn Euro. Die Ausstellung ist bis Dienstag, 8. Oktober, zu sehen. Am Sonntag, 6. Oktober, hält der Cineast Karl Heinz Schmidt einen Vortrag unter dem Titel „Seht Menschen gut oder böse“ mit Filmausschnitten und anschließender Diskussion. In der Finissage am 8. Oktober wird der Film „Teorema“ von Pier Paolo Pasolini gezeigt. Die Ausstellung ist dienstags bis sonntags von 11 bis 17 Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei, Spenden sind erbeten.

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