Vor 40 Jahren

Schnee in Massen: Bremer Katastrophenwinter 1978/79

Vor 40 Jahren wurde Bremen von der Schneelast fast erdrückt: Im Katastrophenwinter 1978/79 setzten Schneestürme und -verwehungen bis zu fünf Meter Höhe der Stadt zu, 17 Menschen kamen ums Leben.
13.01.2019, 19:49
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Von Kornelia Hattermann
Schnee in Massen: Bremer Katastrophenwinter 1978/79

Schweres Gerät wie dieser Radlader war erforderlich, um die Obernstraße zu räumen.

Joseph Krusche

Schnee ohne Ende, der sich meterhoch türmt, schwer auf Dächer drückt, eingeschlossene Ortschaften und feststeckende Fahrzeuge – womit die Bewohner in den Alpenregionen derzeit kämpfen, das haben die Norddeutschen vor 40 Jahren im Katastrophenwinter 1978/79 erlebt. Zwei Schneestürme, der erste am 29. Dezember 1978 und der zweite am 13. Februar 1979, legten weite Teile Norddeutschlands lahm. 17 Menschen kamen ums Leben. Tausende blieben mit ihren Fahrzeugen oder Zügen stecken, Vieh verendete. Die Schneeverwehungen erreichten in Bremen und Niedersachsen Höhen von mehr als fünf Metern, die teilweise nur mit Hilfe von schweren Bundeswehrfahrzeugen beseitigt werden konnten.

Extremer Temperatursturz

Dem wohl schwersten Schneesturm des Jahrhunderts zum Jahreswechsel 1978/79 war ein massives Weihnachtstauwetter vorausgegangen. Im Süden am Oberrhein wurden am 29. Dezember noch zehn Grad plus gemessen, während der äußerste Norden bei eisigem Nordoststurm bereits von sibirischer Kälte überrollt wurde. Es kam zu einem extremen Temperatursturz, das Aufeinandertreffen der Luftmassen verursachte schweren Sturm und Schneefall, die tagelang anhielten.

Vor dem Bremer Hauptbahnhof türmten sich die Schneemassen. Alle hofften auf Tauwetter im Katastrophenwinter 1978/79.

Vor dem Bremer Hauptbahnhof türmten sich die Schneemassen. Alle hofften auf Tauwetter im Katastrophenwinter 1978/79.

Foto: Joseph Krusche

Beim ersten Schneesturm versank der äußerste Norden im Schnee. In Bremen erfror ein Mann auf einer Parzelle, berichtete der WESER-KURIER am 2. Januar 1979, das Thermometer war in der Neujahrsnacht auf unter minus 18 Grad gefallen. In den Schneemassen in den Straßen steckten Autos, Busse und Straßenbahnen fest, Züge fielen aus, in einigen Stadtteilen brach zeitweilig die Strom- oder Gasversorgung zusammen. In Kattenturm waren 1600 Wohnungen zehn Stunden ohne Heizung. Kaum jemand dachte daran, dass es noch schlimmer kommen könnte.

Doch das eiskalte Winterwetter hielt an, am 9. Januar war die Weser im Landkreis Verden zwischen Intschede und Hoya zugefroren. Eisbrecher kamen zum Einsatz. Und dann fegten, nach zwischenzeitlichem Tauwetter, ab 13. Februar Sturmböen aus Ost bis Nordost über Norddeutschland und brachten noch größere Schneemassen.

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Jetzt steckten in Bremen erneut Straßenbahnen und Züge fest, Autos waren eingeschneit. An allen Ecken wurde Schnee geräumt, auch wenn der Wind alles umgehend wieder zuwehte. Unter der Last des Schnees stürzte das Dach eines Lebensmittelgeschäfts an der Wachmannstraße in Schwachhausen ein, in Bremerhaven brach das Dach der Fischauktionshalle 10 im Fischereihafen zusammen. Zweieinhalb Meter Schnee waren einfach zu viel. In Niedersachsen waren Ortschaften und Höfe von der Außenwelt abgeschnitten. Katastrophenalarm wurde ausgerufen.

Tausende Bremer packten mit an

Die Schule fiel aus, die Post konnte nicht ausliefern, und auch der WESER-KURIER konnte „wegen der katastrophalen Witterungs- und Verkehrsverhältnisse“ zwei Tage lang nicht erscheinen. Straßen und Wege in Bremen und Niedersachsen waren tagelang unpassierbar oder gesperrt. Die Bundeswehr musste Straßen mit schwerem Räumgerät frei schieben, an den Rändern türmten sich danach Mauern aus Schnee auf.

Weil Tausende Bremer mit anpackten und Schnee schaufelten, „konnte es sich der Senat erlauben, den Katastrophenfall nur als Unwetter zu deklarieren“, heißt es im WESER-KURIER am 17. Februar. Diese Zurückhaltung begründete der Bausenator Hans Stefan Seifriz mit der Solidarität der Bremer gegenüber den weitaus heftiger betroffenen Regionen in Schleswig-Holstein und Niedersachsen.

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Das Aufräumen ging auch in Bremen tagelang weiter. Der üppige Schnee wurde allerdings auch zu einem einzigartigen Vergnügen genutzt: Am Sonntag, 18. Februar, veranstaltete der Bremer Ski-Club zum ersten Mal einen Volks-Skilanglauf im verschneiten Bürgerpark. 700 Erwachsene und Kinder starteten auf der Wiese hinter dem Parkhotel. Das Wetter im Frühjahr 1979 bescherte den Norddeutschen Mitte März noch eine dritte Schneewelle, bevor es Ende März/Anfang April taute und beträchtliches Hochwasser folgte.

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