Bahnhof Apotheke feiert 100-jähriges Bestehen

Tradition in vierter Hand

Die Bahnhof Apotheke feiert 100-jähriges Bestehen. Ein Geschäft im Wandel der Zeit, denn in dem Quartier hat sich seit damals viel verändert.
06.05.2021, 05:00
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Tradition in vierter Hand
Von Sigrid Schuer
Tradition in vierter Hand

Corona-konform mit Abstand vor der Bahnhof-Apotheke: Kenneth F. Babila (rechts) mit seinem Team.

Roland Scheitz

Vor 100 Jahren, da sah die Bahnhofstraße und das angrenzende Herdentor noch ganz anders aus. Dominiert wurde das Areal von dem 1847 erbauten, hochherrschaftlichen Hillmanns Hotel, in dem die Bremer Patrizier rauschende Feste feierten. Erst 1945 wurde der durch Bombentreffer schwerbeschädigte Prachtbau auf Befehl der Militärregierung gesprengt. Gut möglich also, dass die geneigten Ballgäste zu den Glanzzeiten des Nobelhotels auf der Suche nach einem geeigneten Kopfschmerzmittel die Bahnhof-Apotheke vis à vis aufsuchten. So wie das seit jeher im Hotel Sacher der Brauch ist. Auch dort ist nach rauschenden Ballnächten oftmals die schnelle Hilfe der Wiener Apotheker gefragt. Ob es nun in der Bremer Bahnhof-Straße genauso gewesen ist, lässt sich nicht mehr exakt rekonstruieren. Fest steht jedoch eines: Die Bahnhof-Apotheke in der Bahnhofstraße 37 kann in diesem Jahr ihr 100-jähriges Bestehen feiern. Und das ist in Zeiten von Online-Apotheken und Rabatt-Schlachten schon ein ganz besonderes Jubiläum.

Bahnhof-Apotheke hat vier Inhaber in 100 Jahren

Seit ihrer Gründung 1921 hat die Bahnhof-Apotheke vier Inhaber gehabt. Auf Erich Schaub folgte Apothekerin Gertrud Twisterling, die das Geschäft bis Ende Januar 1979 führte, gefolgt von Falk Renz, der bis 30. September 2010 Inhaber war. Seit Anfang Oktober 2010 ist nun Kenneth F. Babila Inhaber der traditionsreichen Apotheke. Zwei Mal wurde die Apotheke in dieser Zeit umgebaut. Babila führt aber auch die Ginkgo-Apotheke gleich gegenüber des Bahnhofes. Für den Apotheker ist klar: „Loyale Mitarbeiter und loyale Kunden sind der Schlüssel zum erfolgreichen Führen eines Geschäftes“. Dafür spricht auch, dass in der Bahnhof-Apotheke zwei pharmazeutisch-kaufmännische Assistentinnen über Jahrzehnte hinweg tätig sind: Claudia Kramer arbeitet seit 1976 in der Bahnhof-Apotheke, ihre Kollegin Ursel Pichottka begann ihre Tätigkeit sogar noch ein Jahr früher und arbeitet trotz Ruhestand noch zwei Mal in der Woche.

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Nach so vielen Jahren sei es doch schwierig, von jetzt auf gleich den Beruf, der zugleich Berufung ist, aufzugeben, sagt sie. Der persönliche Kontakt zur Stammkundschaft ist ihr genauso wichtig wie dem übrigen Team der Bahnhof-Apotheke. Und in diesem Vertrauensverhältnis liege auch die Stärke einer Präsenz-Apotheke, betonen Kramer und Pichottka. Mit der Schnelligkeit und der fundierten Beratung könnten Online-Apotheken nicht konkurrieren. Babilas Team ist mehrsprachig aufgestellt. So sprechen etwa die Mitarbeiterinnen Isabella Odhiambo und Evelyne Obonyo perfekt Französisch. Bereits Ende 2016 wurden sowohl die Bahnhof-Apotheke als auch die Ginkgo Apotheke als erste Apotheken in Bremen durch das Deutsche Institut für Qualität und Zertifizierung für ihre geprüfte Kundenzufriedenheit ausgezeichnet. „Das ist eine große Anerkennung für die Leistungen unserer Mitarbeiter“, so Babila vor fünf Jahren.

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Den traditionsreichen Apotheken machten allerdings die Dumping Preise, die die Online-Konkurrenten vor allem bei den nicht verschreibungspflichtigen Medikamenten aufriefen, zu schaffen, räumt Claudia Kramer ein. Die Menge der Bestellungen würde es da machen. Dafür seien Präsenz-Apotheken Tag und Nacht und auch am Wochenende für ihre Kundschaft da. Claudia Kramer erinnert sich sehr genau, wie sich das Umfeld in der Bahnhofstraße verändert hat. Bis Ende der 1990er-Jahre stand noch gleich um die Ecke mit dem Europa eines der größten Bremer Kinos, in dem sich heute ein Drogeriemarkt befindet. Das von Joseph Ostwald Mitte der 1920er-Jahre entworfene Kino Europapalast war 1944 zerstört worden. „Und dann gab es an der Stelle, wo heute die Sparkasse ihren Sitz hat, das traditionsreiche Café Rippe und gleich gegenüber ein gehobenes Bekleidungsgeschäft“, erinnert sie sich. Wie es überhaupt viele Einzelhandelsfachgeschäfte und auch Arztpraxen in der Straße gegeben habe. Das ganze Ambiente sei stilvoll und hanseatisch gewesen. Aus und vorbei. Einzig das Juweliergeschäft ist als Relikt aus vergangenen Jahren übrig geblieben.

Immer mehr Leerstand in der Bahnhofstraße

„Es ist schon sehr ärgerlich, dass sich das ganze Umfeld hier doch sehr verändert hat. Die Entwicklung hin zum Leerstand ist dramatisch“, resümiert die pharmazeutisch-kaufmännische Assistentin und scheut sich auch nicht, die Drogendealer-Problematik rund um den Bahnhof zu monieren. Eine Situation, die sich durch die Corona-Pandemie noch zugespitzt habe, sagt sie. Mit ihrer Kollegin kann sie sich noch sehr gut an die alte Registrierkasse, die schwer wie ein Tresor war, erinnern und an die riesigen Bücher, in denen die Preisänderungen akribisch vermerkt werden mussten. Das erledige heute das Computersystem über Nacht.

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Von Blutdruck bis Bachblüten

Das Beratungsangebot in der Bahnhof-Apotheke ist umfangreich: Es reicht von Ernährungsberatung über Blutuntersuchungen, Haaranalyse, Messung von Blutdruck, Körperfett und Bodymaß-Index bis hin zum Thema Reiseimpfung und Reiseapotheke. Aber auch Milchpumpen und Babywaagen werden verliehen. Zudem werden nach Wunsch und Indikation verschiedene Bachblütenmischungen zusammengestellt.

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