„Sicherheitspartnerschaft Bahnhof“

Konzepte gegen die Eskalation am Bremer Hauptbahnhof

In der Corona-Krise liegen zunehmend die Nerven blank, das gilt auch für das Bahnhofsumfeld. Dort gab es zuletzt vermehrt Beschwerden von Anrainern wegen Störungen durch Alkohol- und Drogen-Abhängige.
05.11.2020, 05:00
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Konzepte gegen die Eskalation am Bremer Hauptbahnhof
Von Sigrid Schuer

Die Corona-Krise wirkt wie ein Brennglas bereits bestehender Probleme. Das sagen Sozialwissenschaftler und Psychologen. Zu beobachten ist das gegenwärtig auch rund um den Bahnhof, auch wenn sich im Zuge der 2018 vom Innenressort angestoßenen „Sicherheitspartnerschaft Hauptbahnhof“ schon einiges getan hat. Bevor in der jüngsten, virtuellen Sitzung des Beirates Mitte die besonders neuralgischen Punkte zur Sprache kamen, wies Nils Körber, Koordinator der „Sicherheitspartnerschaft“ auf die bereits erzielten Erfolge hin: Das Beleuchtungskonzept, der vermehrte Einsatz der Stadtreinigung, um Uringerüche zu beseitigen, die Kampagne gegen weggeworfene Kippen et cetera.

Besonders hart getroffen von den Folgen der Corona-Pandemie sind diejenigen Menschen, die sich kaum schützen können, weil sie nicht einmal ein Dach über dem Kopf haben. Erschwerend hinzu käme, sagen Katharina Kähler von der Inneren Mission und Cornelia Barth von der Drogenberatungsstelle Comeback, dass im Zuge des Lockdowns diverse Hilfs- und Aufenthaltseinrichtungen rund um den Bahnhof geschlossen werden mussten. Nach einer kurzen Phase des Aufatmens ist das nun wieder der Fall. Auch der Szenetreff vor dem Intercity-Hotel ist seit Mitte März wegen Corona geschlossen.

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Das Konzept des Szenetreffs habe sich nie richtig etabliert, kritisiert Markus Urban vom Aktionsbündnis Wohnen, dem widerspricht Katharina Kähler und verweist auf ihre Stammkundschaft. Urban betonte, dass sich die verschiedenen Szenen, die Alkohol- und die Sucht-Kranken nicht vertrügen. Kähler muss allerdings auch einräumen, dass es von Seiten ihrer Kundschaft zu aggressiven Übergriffen auf Streetworker gekommen ist und es zunehmend schwierig werde, neues Personal zu akquirieren. Zudem sei es unter der Brücke des Gustav-Detjen-Tunnels zu Brandstiftungen und Vandalismus gekommen.

Nun liegen die Nerven durch die Corona-Pandemie ja allgemein blank. Davon sind die Anrainer des Bahnhofsplatzes nicht ausgenommen. Und die Obdachlosen sowie die Suchtkranken schon gar nicht. Markus Urban wies darauf hin, dass nun die geringfügigen Möglichkeiten, überhaupt ein kleines bisschen legal Geld zu verdienen, inzwischen versiegt seien. Dadurch werde der Ton bei einigen zunehmend aggressiver.

Vandalismus und Drogenkonsum

Auch Nils Körber hat beobachtet, dass die Beschwerden deutlich zugenommen haben. Von Reibereien mit dem privaten Sicherheitsdienst des City Gates berichten sowohl Markus Urban als auch Janine Hildebrand, Sprecherin des City Gates. „Wir wissen uns einfach nicht mehr zu helfen. Es kommt immer wieder zu Vandalismus und Drogenkonsum. Wir kommen mit den Renovierungsarbeiten nicht mehr hinterher. Das verschreckt und verärgert unsere Anker-Mieter und deren Kundschaft. Dabei gibt es absolut aggressive Leute, die nicht mit sich reden lassen, aber auch solche, die sich an die Spielregeln halten“, unterscheidet sie.

Auch die BSAG beklagt, dass sich sowohl Fahrer als auch Fahrgäste an den Bahnsteigen B und C, dem neuen, „alten“ Wohnzimmer einer gewissen Klientel, zunehmend unwohl fühlten. Als ein weiteres, virulentes Problem wird der zunehmende Handel mit Drogen empfunden. So monierten Ingrid Kreiser-Saunders (CDU) und ihre Tochter, die in der Karolina-Straße, schräg gegenüber des Alten Gymnasiums wohnen, dass in der an das Bahnhofsgebiet angrenzenden Falkenstraße zunehmend offen gedealt werden würde und es auch zu Überfällen käme. Derk Dreyer, Leiter der Polizeidirektion Mitte, räumte ein, dass momentan viele Polizeikräfte durch Corona-Kontrollen gebunden seien.

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Fazit von Nils Körber: Für die spezielle Klientel in prekären Lebenslagen müssten auch dezentrale Anlaufpunkte geschaffen werden: „Der Bahnhof kann nicht der einzige Anlaufpunkt beziehungsweise das Sammelbecken sein“. Kähler und Urban wiesen darauf hin, wie schwierig es wäre, wenn diesen Menschen immer wieder vermittelt werde, dass sie nirgendwo gewollt werden würden. Barth bat den Beirat denn auch darum, „einen schicken Beschluss“ zur Verbesserung der Lebenssituation dieses Klientels zu fassen. Dafür plädierten auch die grünen Stadtteil-Parlamentarier Jonas Friedrich und Joachim Musch.

Schließfächer für Obdachlose

Für Ortsamtsleiterin Hellena Harttung hat es absolute Priorität, dass am Bahnhof eine kostenlose, betreute Toilette geschaffen wird. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die kostenlose Toilette im Szenetreff als Druckraum und für Prostitution missbraucht wurde. Weitere Punkte, die in den Beschluss miteinfließen sollen: Da keine Lager von Obdachlosen mehr geduldet werden, sollen nun Schließfächer eingerichtet werden, in denen sie ihre Habseligkeiten deponieren können.

In dem Beschluss spricht sich der Beirat ebenfalls für die Wiedereröffnung des Szenetreffs, aber auch für die Schaffung sogenannter Toleranzräume aus. Danach will das Sozialressort weiterhin intensiv forschen. Dort könnten diejenigen Obdachlosen, die Angst davor haben, in den mit mehreren Personen belegten Notunterkünften zu nächtigen, in kleinen Holzhäuschen kampieren. Aber solche Flächen zu finden, sei selbst auf städtischem Grund und Boden extrem schwierig, sagte Kirsten Kreuzer vom Sozialressort.

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