Aktion von zwei Bremer Gymnasiastinnen Sie bilden eine Brücke nach Asien

Im vergangenen Jahr haben zwei Bremer Gymnasiastinnen einen vom Ostasiatischen Verein finanzierten Stipendienaufenthalt in Vietnam verbracht.
22.02.2019, 10:00
Lesedauer: 4 Min
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Sie bilden eine Brücke nach Asien
Von Sigrid Schuer

Marie-Sophie Dießelberg ist in ihren jungen Jahren bereits viel in der Welt herum gekommen. „Ich habe ja schon einige andere Kulturen kennengelernt. Aber Vietnam toppt alles. Vietnam ist der Hammer“, strahlt die Gymnasiastin, die im Frühjahr 2018 mit ihrer Klassenkameradin Meret Stockhecker für vier Wochen in Vietnam gewesen ist. Beeindruckt haben sie vor allem die Zugewandheit und Freundlichkeit, aber auch die Quirligkeit der Menschen in einem Land, das sich gerade in der großen Wirtschaftsmetropole Ho-Chi-Minh-City rasant entwickelt. Ermöglicht wurde der Aufenthalt durch den Ostasiatischen Verein Bremen (OAV), der seit 1996 so gut wie jährlich ein Stipendium für Schülerinnen und Schüler im Alter von 15 bis 17 Jahren auslobt, sagt Bernd Hansing, Leiter des Hilfswerks Ostasien, das dafür mit dem Landesinstitut für Schule kooperiert.

„Brücke nach Asien“: Der Name ist Programm. Auf diese Weise konnten schon rund 40 junge Bremerinnen und Bremer Ostasien kennenlernen. In einer Zeit, die durch das Wiedererstarken nationalistischer Bestrebungen und populistischer Propaganda geprägt ist, setzt der OAV mehr denn je auf Völkerverständigung. Denn die guten Beziehungen zwischen der Hansestadt und „East of Suez“ haben ohnehin eine mehr als 200-jährige Tradition. Mittlerweile gehen die beiden Stipendiatinnen in Riesenschritten auf das Abitur zu. Aber eines steht für sie fest: Sie möchten zurück nach Asien, unbedingt. „Der Aufenthalt in Vietnam ist für uns sehr prägend und eindrucksvoll gewesen“, betonen die beiden jungen Frauen unisono. Marie-Sophie zieht es zwar nach dem Abitur erst einmal, wieder mit einem Stipendium, nach Namibia. „Meret hatte Vietnam eigentlich von Anfang an im Blick, sie ist das wandelnde Wissensbuch“, erzählt sie mit einem Schmunzeln. Und so drehten die beiden Schülerinnen zusätzlich zu dem von ihnen verfassten Motivationsschreiben gleich noch ein Bewerbungsvideo. Und sie stellten in Aussicht, dass sie den Reiseblog „Bremen goes Vietnam“ schreiben würden. Inzwischen haben die beiden schon Vorträge im Gymnasium Horn gehalten und einen Teil ihrer Mitschülerinnen und Mitschüler mit dem „Vietnam-Virus“ infiziert.

Meret hat indes besonders Feuer gefangen, die Gymnasiastin hat damit begonnen, am Konfuzius-Institut Chinesisch zu lernen. Über diese Verbindung sei es möglich, Kontakt nach Peking zu bekommen. „Ich könnte mir gut vorstellen, dort zu studieren“, sagt sie. Die Karrierechancen sind für junge Bremerinnen und Bremer gut in Ostasien: So hat es dort schon so manch 29-Jähriger zum Geschäftsführer einer Dependance des 1806 in Bremen gegründeten Asien-Handelshauses Melchers geschafft. Bernd Hansing teilt die Faszination für Vietnam. „Ich bin schon viele Male dort gewesen“, sagt der Bremer Kaufmann, der Jahre seines Lebens in „East of Suez“ verbracht hat. Von Burma bis Japan hat er in der Schifffahrt Projekte begleitet. Bezaubern ließ er sich immer wieder vom Facettenreichtum Vietnams, zwischen dem historischen Charme der einstigen französischen Kolonie Indochina und der wirtschaftlich boomenden Ho-Chi-Minh-Stadt. Ähnlich wie in Shanghai würden dort in kürzester Zeit immer neue Hochhäuser hochgezogen und ganze Straßenzüge plötzlich verschwinden.

„Vietnam ist ja ein langes Land und verfügt dementsprechend über verschiedene Klimazonen. Außerdem ist der Norden mit Hanoi als politischem Zentrum noch deutlich kommunistischer geprägt, als das im Süden in Ho-Chi-Minh-City, dem Wirtschaftszentrum, der Fall ist. Die Unterschiede sind schon frappierend“, erzählen die beiden Stipendiatinnen. So wurden in Nord-Vietnam anlässlich des Jahrestages des Abzugs der US-amerikanischen Truppen große Paraden abgehalten. Ho-Chi-Minh-City ist nach dem Premier und späteren Präsidenten der Sozialistischen Republik Vietnam benannt. Ein Erlebnis hat die beiden jungen Bremerinnen ganz besonders beeindruckt: „Wir durften dort eine knappe Woche die Arbeit in einer ehrenamtlich betriebenen Restaurantausbildungsschule für Jugendliche begleiten, die als Straßenkinder und Waisen zum großen Teil aus bitterarmen Verhältnissen stammen. Gegründet wurde die Fachschule mit dualem Ausbildungssystem von einem Vietnamesen, der einst als Boat-People-Flüchtling nach Deutschland kam und dann wieder in seine Heimat zurückkehrte“, erzählt Meret. „Sein Engagement hat uns bewegt. Um die 17 Absolventen, denen der Leiter während ihrer dreijährigen Ausbildung auch Praktika in Deutschland vermittelt hat, haben sich um die Fünf-Sterne-Restaurants gerissen“, sagt Marie-Sophie. Die Gymnasiastinnen hatten aber auch die Möglichkeit, Einblick in eine Fabrik zu bekommen, in der Kakao von der einheimischen Bevölkerung zu fairen Löhnen nachhaltig produziert wird.

Besonders erlebnisreich dürfte der Ostasien-Aufenthalt für ihre Nachfolgerinnen werden: Zwei 15-Jährige, die die Jury besonders dadurch zu beeindrucken wussten, dass die eine außerhalb der Schule Koreanisch und die andere Japanisch lernt. Die Kandidatinnen, die für dieses Jahr vom OAV ausgewählt wurden, fliegen Ende März in eine Grenzstadt, die zwischen Malaysia und Singapur liegt. „Die deutsche Gast-Familie möchte ihnen auch Malaysias Hauptstadt Kuala Lumpur zeigen und wird sie auf einen fünftägigen Urlaub nach Korea mitnehmen“, erzählt Bernd Hansing, der seit einem Vierteljahrhundert Mitglied im OAV ist.

Aber auch andere, karitative Brücken werden vom Hilfswerk Ostasien, einem Zweig des OAV, nach „East of Suez“ gebaut. So flossen Spendengelder nach Naturkatastrophen schnell und unbürokratisch beispielsweise auf die 2013 von einem Taifun verwüsteten Philippinen sowie nach Nepal, das zwei Jahre später von einem schweren Erdbeben heimgesucht wurde. Langfristige Unterstützung gewährt das Hilfswerk auch denjenigen, die in Indonesien erst im vergangenen Jahr von einem verheerenden Erdbeben mit nachfolgendem Tsunami betroffen worden waren. In Kooperation mit der lokalen Stiftung Yayasan Rahmania Fortuna betreibt das Hilfswerk den Aufbau eines Kindergartens / Traumazentrums in dem Bergdorf Parigi Moutong, Sulawesi.

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