Interview über Nichtwähler

„Sie fühlen sich nicht wahrgenommen“

Der Kirchliche Dienst in der Arbeitswelt (KDA) und das Diakonische Welt laden zu einer Veranstaltung zum Wahlverhalten von Erwerbslosen ein. Inge Danielzick, Leiterin des KDA, spricht über die Motive.
24.03.2019, 18:00
Lesedauer: 4 Min
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„Sie fühlen sich nicht wahrgenommen“
Von Silke Hellwig
„Sie fühlen sich nicht wahrgenommen“

Die Studie zeigt, dass sich Langzeitarbeitslose nicht wahrgenommen fühlen.

Silas Stein/dpa

Frau Danielzick, wie sind Sie auf die Studie „Gib mir was, was ich wählen kann“ aufmerksam geworden?

Inge Danielzick: Die Studie ist Teil eines Projekts der Denkfabrik in Stuttgart. Sie versteht sich als Forum für Menschen am Rande. Für die Studie wurden bundesweit 70 Langzeitarbeitslose ausführlich befragt. Wir als Kirchlicher Dienst in der Arbeitswelt befassen uns schon seit Jahrzehnten mit dem Thema Erwerbslosigkeit, es ist einer unserer Schwerpunkte. In diesem Zusammenhang beschäftigen wir uns auch mit dem Phänomen der Nichtwähler.

Zu dem Stuttgarter Projekt organisieren Sie Anfang April eine zweitägige Veranstaltung. Können Sie bitte das Programm schildern?

Zunächst gibt es ein Treffen von Menschen aus der Bremischen Evangelischen Kirche und der Diakonie, die sich mit dem Projekt beschäftigen. Am nächsten Morgen werden wir in der Neuen Vahr einen Workshop mit Erwerbslosen veranstalten, der sich mit ihrem Wahlverhalten beschäftigt. Die Ergebnisse dieses Workshops werden wir den arbeitsmarktpolitischen Sprecherinnen und Sprechern der Fraktionen sowie anderen Multiplikatorinnen und Multiplikatoren vorstellen und mit ihnen besprechen. In dieser Runde werden wir auch die Studie „Gib mir was, was ich wählen kann“ präsentieren.

Der Titel der Studie ist durchaus diskussionswürdig. Daraus könnte man schlussfolgern, dass die Parteien, die sich zur Wahl stellen, nicht wählbar sind.

Sie und ich sind in der glücklichen Situation, dass wir uns in den meisten Parteien wiederfinden, weil sie unsere Bedürfnisse erfüllen oder unsere Interessen und Anliegen vertreten. Das sieht bei Menschen, die lange erwerbslos sind, oft anders aus.

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Die Demokratie ist kein Selbstbedienungsladen. Es gibt gewissermaßen keine Partei als Produkt, die für einen bestimmten Kundenkreis kreiert wird, sondern ein begrenztes Angebot. Ohne Kompromisse geht es nicht, das gilt für alle Milieus.

Das mag für uns so sein. Aber wir können denjenigen, die den Eindruck haben, dass für sie keine Partei infrage kommt, auch nicht vorschreiben, es anders zu sehen. Die Studie zeigt, dass sich Langzeitarbeitslose nicht wahrgenommen fühlen. Sie haben den Eindruck, dass sie in der aktuellen Politik nicht, nicht mehr oder nicht genug vorkommen oder gehört werden. Sie erleben, dass Wahlversprechen nicht umgesetzt werden oder dass es an Anteilnahme für ihre schwierige Lage fehlt.

Heißt das, dass sich Politiker nicht genug mit diesen Menschen beschäftigen?

Da ist bestimmt etwas dran, obwohl Bürgermeister Carsten Sieling und andere Spitzenkandidaten jetzt vor der Wahl in allen Ortsteilen mit Menschen in Kontakt treten, auch mit solchen, die sich benachteiligt fühlen. Aber es ist ein himmelweiter Unterschied, ob man in Gröpelingen zu Gast ist und sein politisches Programm vorstellt oder ob man dort tagein, tagaus lebt, mit dem Dreck, der wochenlang in der Straße liegt, mit einer schwierigen Nachbarschaft und dem grundsätzlichen Gefühl, in einem Getto zu leben, das nicht weiter beachtet wird.

Haben Sie den Eindruck, dass sich Politiker zu weit von denen entfernt haben, die eher am Rand der Gesellschaft stehen und ihnen damit unbegreiflich bleiben muss, wie man mit Hartz IV lebt?

Das glaube ich auf jeden Fall. Das gilt aber nicht nur für Politiker, sondern auch für Lehrer, Pfarrer oder Journalisten. Ein Grund dafür ist die fortschreitende Segregation. Ich bin in einer Straße groß geworden, in der sowohl gut situierte als auch arme Leute gelebt haben. Wir Kinder haben miteinander gespielt und damit erfahren, wie unterschiedlich ein Zuhause sein kann. Das hilft sehr, um sich in andere hineinzuversetzen. Solche Straßen gibt es heute aber kaum noch. Das ist ein großes Problem: Arme und Reiche bleiben unter sich. Das beeinträchtigt den Realitätssinn.

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Aber muss der Wähler nicht auch seinen Beitrag zur Demokratie leisten, einerlei wo und wie er lebt, und vielleicht gerade, wenn er unzufrieden ist?

Sicher. Es ist auch nicht so, dass alle Menschen, die sozial benachteiligt sind, unpolitisch sind. Sie interessieren sich für Politik, aber fühlen sich außen vor gelassen. Die einen wenden sich irgendwann enttäuscht ab, andere wählen AfD.

Das heißt, dass das Motto „Gib mir was, was ich wählen kann“ ein Appell an die Parteien ist, sich dieser Klientel intensiver zuzuwenden?

Auf jeden Fall. Es ist im Grunde ein Aufruf: Sieh mich! Sieh mein Leben, sieh was darin schief läuft und was der Staat, die Politik und die Wirtschaft dagegen tun können.

Als Politiker könnte man allerdings dagegenhalten: Sieh, was ich alles tue und versuche, damit es dir besser geht. Es gibt wohl keine Partei, die in ihrem Wahlprogramm Arbeitsmarktpolitik auslässt. Müsste man nicht auch an chronische Nichtwähler appellieren, sich mit den Parteien auch wirklich auseinanderzusetzen, bevor sie sie in Bausch und Bogen ablehnen?

Wir bringen diese Forderung leicht über die Lippen. Aber Menschen, die sich mit Formalitäten schwertun, haben schon mit den Wahlscheinen Schwierigkeiten, mit Wahlprogrammen erst recht. Da muss noch viel passieren, um Menschen zum Wählen zu motivieren.

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Provokant formuliert: Menschen können Handyverträge abschließen, aber keinen Wahlschein ausfüllen?

Sicher, das mag ein Widerspruch sein. Aber es liegt auch in der Verantwortung der Kandidaten und künftigen Abgeordneten, dass das Wahlergebnis den Willen möglichst vieler Bürger spiegelt und nicht nur den derjenigen, denen die Auseinandersetzung mit Politik leicht fällt. Unser Workshop ist eine Einladung an Erwerbslose, sich mit der politischen Landschaft und der Wahl auseinanderzusetzen. Das setzt etwas in Gang. Man kann von einer Art Selbstermächtigung sprechen. Daraus kann erwachsen, dass sich der eine oder andere das AfD-Programm einmal genauer ansieht und überprüft, ob man diese Partei wirklich unterstützen will.

Glauben Sie daran, dass man mit Initiativen wie Ihrer die Wahlbeteiligung tatsächlich steigern kann?

Auf lange Sicht glaube ich daran, sonst würde ich das nicht machen. Mir geht es aber auch darum, dass diese Menschen nicht vergessen werden und dass sich Bremen nicht damit abfindet, dass hier rund 38 000 Frauen und Männer leben, die erwerbslos sind.

In Mecklenburg-Vorpommern und Thüringen existieren seit einigen Jahren Erwerbslosenparlamente – wäre das nicht auch etwas für das Land Bremen?

Auf jeden Fall. Es gibt schon ähnliche Aktivitäten von Stadtteilgruppen. Aber natürlich wäre ein Erwerbslosenparlament, das regelmäßig in der Bürgerschaft tagt, eine super Idee für Bremen.

Das Gespräch führte Silke Hellwig.

Info

Zur Person

Inge Danielzick ist Sozialpädagogin, leitet seit 2007 den Kirchlichen Dienst in der Arbeitswelt (KDA) der Bremischen Evangelischen Kirche und ist Mitglied der Strategiegruppe in der Bremer Armutskonferenz.

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