Wahlparty der CDU

Siegesfeier mit gebremstem Schaum

Die Bremer CDU hat ihren Wahlsieg am Sonntagabend in Markthalle 8 gefeiert. Doch man merkte der Stimmung an: Keiner weiß, ob das eigentliche Ziel - der Machtwechsel - wirklich nähergerückt ist.
26.05.2019, 22:21
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Siegesfeier mit gebremstem Schaum
Von Jürgen Theiner
Siegesfeier mit gebremstem Schaum

Daumen hoch: Carsten Meyer-Heder lässt sich in der Markthalle 8 von der CDU-Basis feiern.

Christina Kuhaupt

Was ist dieser Sieg wert? Bei allem Jubel, den der knappe Vorsprung vor der SPD bei der 18-Uhr-Prognose entfacht, hängt diese offene Frage bei der CDU-Wahlparty am Domshof doch irgendwie störend im Raum. Den ganzen Abend über ist nicht wirklich klar, ob das zweifellos historische Ergebnis irgendetwas ändern wird am CDU-Abonnement auf die Oppositionsbänke. Gefeiert wird also, aber doch mit gebremstem Schaum.

An der Parteibasis hat man dem greifbar nahen Triumph über die SPD in den vergangenen Wochen entgegengefiebert. Entsprechend groß ist schon am frühen Abend der Andrang zur Wahlparty in der Markthalle 8. Funktionäre und einfache Mitglieder, Aktivisten der Jungen Union und Sympathisanten drängen sich schon gegen 17.30 Uhr am Einlass – alle durchweg in der Erwartung, dass die CDU nicht nur ein Stückchen, sondern deutlich vor den Sozialdemokraten ins Ziel kommen wird. Die drei Prozent aus der letzten ARD-Umfrage sollten's schon mindestens sein.

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„Wenn es diesmal nicht klappt, ist den Bremern nicht mehr zu helfen“, sagt der Vegesacker CDU-Beiratspolitiker Torsten Bullmahn in einer Mischung aus Zuversicht und Trotz, als es langsam auf 18 Uhr zugeht und die Anspannung an den Tischen rund um den alten Kiefert-Pavillon spürbar zunimmt. Sein Blumenthaler Kollege Ralf Schwarz ergänzt: „28 Prozent wären ein klarer Regierungsauftrag an uns.“ Wäre. Aber man weiß ja noch nichts in diesen letzten Minuten vor der Prognose, die gleich auf einem Riesenbildschirm zu sehen sein wird.

Dann ist es so weit: Die ARD gibt die Zahlen bekannt, zunächst die für die Europawahl. Das eigene Ergebnis ist natürlich nicht berauschend, es wird mehr oder minder ignoriert, dann aber großes Gejohle, als der rote Balken für die SPD heftig niedersaust. Ein bisschen Sitzverteilungsmathematik muss die CDU-Basis noch über sich ergehen lassen, und dann – es ist 18.04 Uhr – kommt endlich die Prognose für Bremen an die Reihe. 25,5 Prozent für die CDU werden von der ARD vorhergesagt. Ein Jubelschrei aus vielen hundert Kehlen, gefolgt von „Carsten, Carsten“-Sprechchören.

Nicht zu wenig für den Anspruch auf Regierungsbildung

Doch die Euphorie hält sich nicht allzu lang im Oval der Markthalle, das ist deutlich spürbar. „Das wird echt knapp, ich hatte mir mehr erwartet“, sagt der Huchtinger CDU-Chef Hartmut Bodeit. „Scheiße, das ist zu wenig“, drückt es ein Vegesacker Funktionär, der so wohl nicht zitiert werden möchte, noch drastischer aus. Zu wenig sind 25,5 Prozent nicht, um Anspruch auf die Regierungsbildung zu erheben oder wenigstens auf den Versuch – aber vielleicht zu wenig gemessen an einigen Umfragen, die die CDU schon in Richtung 30 Prozent davonziehen sahen. Das eine Prozent, das Union und Sozialdemokraten in der ARD-Prognose trennt, genügt jedenfalls nicht, um entscheidenden Druck auf die Grünen aufzubauen, sich von der SPD loszureißen. Das ahnen viele im Raum.

Immerhin: Die CDU liegt vorn, und dieses Erfolgserlebnis wollen sich die meisten Besucher der Wahlparty auch nicht kleinreden lassen. Die Stimmungskurve zeigt wieder nach oben, als sich die Ankunft des Spitzenkandidaten ankündigt. Es ist 18.10 Uhr, als Carsten Meyer-Heder und seine Frau Anja über den Domshof geschlendert kommen. JU-Aktivisten, die sich vor dem Eingang der Markthalle postiert haben, stimmen erneut „Carsten, Carsten“-Sprechchöre an.

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Meyer-Heder hält kurz inne, um sein Handy zu zücken und ein Foto vom Empfangskomitee zu machen, dann zieht er in einer Wolke aus orangefarbenen CDU-Werbepappen in die Markthalle ein. Aus den Boxen dröhnt „Alles neu“ von Peter Fox, und nun herrscht für einige Minuten echte Begeisterung im Saal. Meyer-Heder muss sich Schritt für Schritt seinen Weg auf die Treppe bahnen, die von der Markthalle rüber zu Manufactum führt und jetzt als Empore für den Auftritt eines Siegers dient. Meyer-Heder nimmt die Huldigung der Basis entgegen, er ist sichtlich gerührt von der Zuneigung, die ihm entgegenbrandet.

Nach ein, zwei Minuten kommt der 58-Jährige zu Wort. Seine Adresse fällt – nun ja – ein wenig konventionell aus. Viel artiger Dank „an die Partei, die so geschlossen wie noch nie“ für das Wahlziel geackert habe, die SPD aus dem Rathaus zu vertreiben. Dank auch an seine Frau und an einzelne wichtige Akteure aus dem Wahlkampfteam. Und schließlich eine Widmung. Der jetzt errungene Erfolg sei nicht zuletzt das Verdienst Jörg Kastendieks, des kürzlich verstorbenen CDU-Landesvorsitzenden, der den Mut aufgebracht habe, einen Quereinsteiger an die Spitze der Kampagne zu stellen. Dann empfiehlt sich Meyer-Heder Richtung Bürgerschaft, wo er durch die Wahlstudios der Fernsehsender gereicht wird.

CDU braucht parlamentarische Mehrheit

Alex Römer kann nun seine Handykamera abstellen. Der Chef der Berliner Werbeagentur Römer Wildberger hat Meyer-Heders Ansprache aufgezeichnet. Vielleicht wird er die kurze Sequenz demnächst den Referenzen seiner Firma hinzufügen. Die Wahlkampagne für die Bremer CDU war der erste Ausflug des Werbeunternehmens in die Politik, und er war erfolgreich. Bildsprache, Typographie und Textbotschaften hatten so gar nichts mit der Corporate Identity der Bundes-CDU zu tun, erfüllten aber ihren Zweck.

„Es ist uns gelungen, die mangelnde Bekanntheit des Spitzenkandidaten zu drehen und die Neugier der Menschen an Carsten Meyer-Heder zu wecken“, sagt Römer. Das sei sogar messbar gewesen, unter anderem an der Anzahl von Anfragen in Internet-Suchmaschinen. „Wir haben Carsten authentisch transportiert und inszeniert.“

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Was der authentische Carsten jetzt noch braucht, um Bürgermeister zu werden, ist eine parlamentarische Mehrheit. Bürgerschaftsfraktionschef Thomas Röwekamp weiß, dass der Weg ins Rathaus über eine Verständigung mit den Grünen führt, „für die wir nicht gerade der natürliche Koalitionspartner sind“. Es sei anzuerkennen, dass auch die Grünen Stimmen hinzugewonnen haben. Um ein Jamaika-Bündnis aus CDU, Grünen und FDP zu schmieden, sei es daher notwendig, „dass wir uns bewegen“.

Als Beispiel nennt Röwekamp einen beschleunigten Ausstieg aus der Kohleverstromung. Auf die Grünen zugehen: Das ist auch aus Sicht von Bürgerschaftsvizepräsident Frank Imhoff das Gebot der Stunde. „Wir sind für Arbeitsplätze und Bildung gewählt worden, die Grünen für mehr Umweltschutz. Das muss sich doch irgendwie zusammenführen lassen“, findet Imhoff.

Wir haben für Sie die Diskussion zur Bürgerschaftswahl 2019 unterhalb des Liveblogs gebündelt. Dort können Sie gerne kommentieren. Wir freuen uns über Ihren Beitrag unter www.weser-kurier.de/bremenwahl-liveblog

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