Notfalleinsatz bei Badeunfällen

So arbeiten die Retter aus der Luft

Wenn ein Mensch zu ertrinken droht oder regungslos auf dem Wasser treibt, zählt jede Sekunde. Notärzte und Sanitäter der DRF Luftrettung im Hubschrauber "Christoph Weser" sind oft als Erste vor Ort.
10.08.2018, 06:00
Lesedauer: 4 Min
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So arbeiten die Retter aus der Luft
Von Sabine Doll
So arbeiten die Retter aus der Luft

Mitte Juli ertrank ein fünfjähriger Junge im Blumenthaler Freibad, das Team von "Christoph Weser" war mit Notarzt und Rettungssanitäter vor Ort.

Christian Kosak

"Christoph Weser" ist jederzeit einsatzbereit: Nur wenige Sekunden, nachdem die Leitstelle der Feuerwehr einen Notruf an das Team der DRF-Luftrettung meldet, hebt der rot-weiße Rettungshubschrauber am Bremer Flughafen ab. Im Sommer, wenn Ferien sind und Badewetter ist, gilt höchste Alarmbereitschaft. Sechs tödliche Badeunfälle hat es in diesem Jahr in Bremen bereits gegeben, zuletzt ertrank ein 26-jähriger Mann im Werdersee. Bei fast allen Noteinsätzen waren die Retter aus der Luft vor Ort. "Bei Badeunfällen zählt jede Sekunde. Der Hubschrauber ist in der Regel das Rettungsmittel, das am schnellsten vor Ort sein kann, deshalb werden wir alarmiert", sagt der leitende Arzt der Bremer Station der DRF-Luftrettung, Jonas Boelsen. Ein Notarzt, ein Rettungssanitäter mit besonderen Zusatzqualifikationen und der Pilot gehören zum Team. Der Hubschrauber ist ausgestattet wie eine fliegende Intensivstation.

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"Der Einsatz des Rettungshubschraubers hat einen weiteren Vorteil", sagt Boelsen. "Von oben haben wir eine besonders gute Sicht auf das Gewässer, in dem jemand zu ertrinken droht. Wir können sehen, wo sich der Mensch befindet, ob er abtreibt und entsprechend die Rettungskräfte am Boden, auf dem Boot im Wasser oder auch die Taucher koordinieren." Ist der Ertrinkende aus dem Wasser geborgen und nicht mehr bei Bewusstsein, beginnen Notarzt und Rettungssanitäter mit den Wiederbelebungsmaßnahmen.

Mehrere tödliche Badeunfälle in Bremen

So wie Mitte Juli bei einem fünfjährigen Jungen, den ein Badegast leblos treibend auf der Wasseroberfläche des Nichtschwimmerbeckens im Blumenthaler Freibad entdeckt hatte. Ihn konnten die Retter nicht mehr reanimieren, er war zu lange unter Wasser und zu lange ohne Sauerstoff. Nur wenige Tage später landete "Christoph Weser" am Sodenmattsee: Zwei 15 und 16 Jahre alte Mädchen waren untergegangen, sie konnten nicht schwimmen. "Die Taucher haben die Mädchen mehrere Meter unter der Wasseroberfläche gefunden, und sie konnten zunächst reanimiert werden", sagt Boelsen. Das 15-jährige Mädchen starb jedoch später im Krankenhaus.

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"Das sind für uns keine normalen Einsätze", sagt der Notarzt. "Gerade weil sehr häufig Kinder und junge Menschen betroffen sind. Das ist emotional und psychisch belastend. Allen Beteiligten geht es so." Besonders dramatisch sei die Situation, wenn die Unfallopfer unter Wasser seien. Taucher oder Rettungsschwimmer müssen dann nach ihnen suchen. Immer mit der Gewissheit: Jede Sekunde unter Wasser und ohne Sauerstoff ist potenziell tödlich. "Die beiden Mädchen im Sodenmattsee sind von Rettungsschwimmern der DLRG gefunden worden. Das muss alles sehr, sehr schnell gehen", so Boelsen. Am Café Sand, wo vor Kurzem ein Vierjähriger ertrank, seien Taucher der Berufsfeuerwehr im Einsatz gewesen.

Statistisch können vom Alarm bis zum Eintreffen zehn Minuten vergehen

Sauerstoffmangel ist nicht lange auszuhalten, sagt der Notarzt. Bei Kindern noch weniger als bei Erwachsenen. Drei bis fünf Minuten ohne Sauerstoff, das sei das Zeitfenster. Sei es geschlossen, bleibe das Herz stehen. Vorher, beschreibt der Arzt, trete Bewusstlosigkeit ein. Boelsen: "Bei Sauerstoffunterversorgung werden die Zellen, insbesondere die Nervenzellen, geschädigt. Man kann etwa sagen: Jede Minute verringert die Überlebenswahrscheinlichkeit um rund zehn Prozent, wenn das Herz stehen bleibt." Es bleibe also nur eine kurze Zeit, um die Unfallopfer aus dem Wasser zu bergen und sofort die Wiederbelebung einzuleiten. Wiederbelebung heißt: Herzdruckmassage. Sie diene dazu, den Sauerstoff im Körper zu verteilen und so die Zellen am Leben zu erhalten.

"Als Notärzte leiten wir noch erweiterte Maßnahmen ein. Weil meist auch Wasser eingeatmet wurde, wird ein Beatmungsschlauch eingeführt, um den Sauerstoffmangel zu bekämpfen. Über Infusionen werden Medikamente gegeben, die die Kreislaufreaktion anregen sollen", erklärt Boelsen. Doch nicht immer sind die professionellen Helfer gleich vor Ort, wenn ein Mensch regungslos von anderen Badegästen aus dem Wasser gezogen wird. Doch auch dann muss die Erste Hilfe, sprich: Herz-Lungen-Wiederbelebung, anlaufen. Die Rettungskette sei besonders wichtig, denn statistisch können nach Angaben des Notarztes vom Alarm bis zum Eintreffen des Rettungsdienstes bis zu zehn Minuten vergehen.

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Viele Menschen wissen nicht, wie eine Herzdruckmassage funktioniert oder sie trauen sich das nicht zu. Boelsen: "Dafür gibt es die Möglichkeit der Telefon-Reanimation. Wenn Laien bei der 112 anrufen und einen Herzstillstand melden, werden sie von speziell geschulten Mitarbeitern in der Feuerwehr-Leitstelle durch die Wiederbelebung gelotst. Der Leitstellen-Disponent bleibt solange am Telefon, bis die professionellen Helfer vor Ort sind." Allein in den ersten sechs Monaten dieses Jahres habe es 80 bis 90 solcher Telefon-Reanimationen gegeben.

Der rot-weiße Hubschrauber der DRF-Luftrettung war im ersten Halbjahr bereits 504 Mal im Einsatz. Neben dem Bremer Stadtgebiet wird "Christoph Weser" auch für Notfälle in den angrenzenden Landkreisen und bis zu den nord- und ostfriesischen Inseln geschickt. Orte im Umkreis von 60 Kilometern könnten mit dem Hubschrauber in maximal 15 Minuten erreicht werden. Drei Viertel der Einsätze seien Notfälle, der Rest Intensivtransporte, so Boelsen. Neben der DRF-Luftrettung hat auch der ADAC mit "Christoph 6" einen weiteren Rettungshubschrauber in Bremen im Einsatz.

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Das ist bei einem Badeunfall zu tun

Wenn Badegäste einen Menschen entdecken, der zu ertrinken droht oder bereits regungslos auf dem Wasser treibt, sollten sie umgehend handeln. Notarzt Jonas Boelsen nennt die wichtigsten Schritte: Sofort andere Badegäste um Hilfe rufen; umgehend unter 112 den Rettungsdienst alarmieren und schildern, was passiert ist und wo; Rettungsversuche mit Rettungsringen oder Stangen unternehmen, aber sich selbst auf keinen Fall in Gefahr bringen; wird das Unfallopfer regungslos aus dem Wasser gezogen, umgehend mit der Wiederbelebung beginnen.

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