180 Werke, 102 Künstler, 2500 Quadratmeter So geht die Weserburg in die zweite Runde von „So wie wir sind“

Die Weserburg geht in die zweite Runde ihres seriellen Ausstellungskonzepts „So wie wir sind“. Auf zwei Etagen zeigt das Museum rund ein Jahr lang 180 Arbeiten von mehr als 100 Künstlern.
12.02.2020, 19:46
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So geht die Weserburg in die zweite Runde von „So wie wir sind“
Von Alexandra Knief

Schon der Name des Raumes lässt hellhörig werden: „Ästhetischer Widerspruch“. Aha! Hier gibt es Spannendes zu entdecken, das weiß der erfahrene Besucher sofort. Verborgenes zu enthüllen, Gesellschaftskritik und vermeintliche Unvereinbarkeit aufzuspüren. Bei der Arbeit von Katja Aufleger zum Beispiel: Geschwungene Glasgefäße stehen auf mehreren hohen Sockeln, winden sich ineinander, fast, als würden sie tanzen. Gefüllt sind sie mit farbigen und klaren Substanzen, die in ihrer Zusammenstellung eine spannende Komposition ergeben und schön anzusehen sind.

Doch schaut man sich den Titel der Arbeit an, kippt die Stimmung. „Bang!“ lautet dieser, bei den Substanzen in den Gefäßen handelt es sich um Chemikalien, die, wenn sie zusammengefügt werden – so suggeriert der Titel – unschöne Reaktionen mit Knall auslösen. Als Besucher bewegt man sich direkt langsamer um die hohen Sockel herum, vergrößert den Abstand. Aus einem „ach, wie hübsch“, wird ein „mit Vorsicht zu genießen“.

Auch Alicja Kwades Arbeit „Kohle (1 T Rekord)“ ist nicht, was sie auf den ersten Blick zu seien scheint. Hinter der Skulptur, die aussieht wie ein riesiger Berg Goldbarren, aufgetürmt auf einer Palette, verbirgt sich in Wirklichkeit eine Tonne Kohlebriketts, in Bronze abgegossen und mit Blattgold bedeckt.

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Kunst auf 2500 Quadratmetern

Insgesamt gibt es in der Ausstellung „So wie wir sind 2.0“ in der Weserburg auf 2500 Quadratmetern acht Themenareale zu erkunden – mit 180 Werken von mehr als 100 Künstlern. Es ist die zweite Runde des seriellen Ausstellungskonzeptes, das Weserburg-Direktorin Janneke de Vries vergangenes Jahr ins Leben gerufen hat: In einer Dauerausstellung auf zwei Ebenen präsentiert das Museum Werke aus unterschiedlichsten Sammlungen, Kontexten und Jahrzehnten und setzt sie in thematische Zusammenhänge. Einmal im Jahr wird neu gemischt, Bilder verschwinden aus der Ausstellung oder werden in neue Kontexte gebracht, andere Arbeiten kommen hinzu.

„Die zweite Version von ‘So wie wir sind’ hat einen deutlich gesellschaftspolitischen Schwerpunkt“, so de Vries. „Es macht große Freude zu sehen, wie die Gegenüberstellung mit jüngeren Arbeiten älteren Werken eine ganz neue Brisanz verleiht – und umgekehrt.“ Einige Themenbereiche, darunter „Alltag“, „Landschaft“, oder „Zufall“, waren schon im ersten Teil des Ausstellungskonzeptes zu finden, wurden nun aber noch einmal anders in Szene gesetzt. Neu sind Räume zu den Themen „Ästhetischer Widerspruch“ und „Identitäten“.

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In zwei zusätzlichen Künstlerräumen werden Arbeiten von Wade Guyton und Kapwani Kiwanga gezeigt. Letztere stammt aus Kanada und widmet sich in ihren Werken „Glow“ und „Greenbook“ der strukturellen Unterdrückung von Schwarzen. „Glow“, eine Skulptur aus schwarzem Marmor und einer LED-Leuchte, bezieht sich auf das 1713 in New York in Kraft getretene Laternengesetz. Es besagte, dass schwarze oder indigene Sklaven im Dunkeln nur mit einer Laterne oder in Begleitung auf der Straße unterwegs sein dürfen.

„Greenbook“ ist als eine Art Gegenposition zu begreifen. Die Arbeit setzt sich aus 14 Drucken zusammen, auf denen sich Adressen in verschiedenen amerikanischen Bundesstaaten befinden. Sie stammen aus dem „Negro Motorist Green Book“ aus dem Jahr 1961, einem Reiseführer, der schwarzen Reisenden Orte aufzeigte, die für sie als sicher galten.

Fester Schwontkowski-Raum

Ein dritter Künstlerraum hat ab sofort einen dauerhaften Platz im Museum. Er ist der Kunst von Norbert Schwontkowski gewidmet. Aktuell liegt der Schwerpunkt auf dessen Papierarbeiten. Auch die Kunsthalle Bremen zeigt ab dem 21. März eine Schwontkowski-Ausstellung. „Wir sehen unseren Raum als Ergänzung zur Kunsthalle, nicht als Konkurrenz“, betont Janneke de Vries. Für Schmunzler in den Ausstellungsräumen sorgt die Künstlerin Puppies Puppies (Jade Kuriki Olivo).

Einmal mit ihrem Video „Boneless“, in dem sie eine schlaksige, scheinbar knochen- und geschlechtslose Figur mit ungewöhnlichen Bewegungen durch eine amerikanische Stadtlandschaft laufen lässt. Das sieht urkomisch aus, stellt aber gleichzeitig auch Fragen nach gesellschaftlichen Normen und dem Fremdsein. Zwischen Witz und Ernst bewegt sich auch ihre zweite Arbeit, mir der sie auf reale und gefühlte Bedrohungen im öffentlichen Raum aufmerksam machen will: Mitten ins Museum hängt sie einen Desinfektionsspender, wie man ihn aus Krankenhäusern kennt.

Georg Herold beschäftigt sich in seiner Kunst humorvoll wie kritisch mit den Gesetzmäßigkeiten des Kunstbetriebs. In seiner in der Weserburg zum Thema „Körper“ gezeigten Arbeit bezieht er sich auf die „Concetti Spaziale“ von Lucio Fontana. Der Künstler schlitzte ab den 1950er-Jahren Leinwände auf, um Darstellungskonventionen infrage zu stellen. Herold tut es ihm nach, näht die Schlitze dann allerdings notdürftig wieder zusammen und nennt das ganze „Wiedergutmachung“. „So wie wir sind 2.0“ ist eine abwechslungsreiche, leicht zugängliche Ausstellung, für die man sich Zeit nehmen sollte. Denn nicht nur bei den „Ästhetischen Widersprüchen“ gibt es Spannendes zu entdecken.

Weitere Informationen

„So wie wir sind 2.0.“ ist vom 15. Februar 2020 bis zum 10. Januar 2021 in der Weserburg, Teerhof 20, zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Sonntag 11 bis 18 Uhr.

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