Blick hinter die Kulissen

So sieht es im Bundesbankgebäude heute aus

Besuch im Bundesbankgebäude: Wo Bremens Barschaft verwahrt wurde und der Tresor so groß wie ein Haus ist.
02.08.2018, 18:00
Lesedauer: 5 Min
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So sieht es im Bundesbankgebäude heute aus
Von Jürgen Hinrichs
So sieht es im Bundesbankgebäude heute aus

Der Tresor erstreckt sich über vier Etagen und wird nach unten hin immer größer.

Frank Thomas Koch

Sie haben nichts dagelassen, keine müde Mark, keinen teuren Euro, nichts, überhaupt nichts, keinen Schein und keine Münze, alles weg, der Tresor ist leer. Dabei waren es Millionen, vielleicht Milliarden, die hier gelagert wurden, so viel Geld wie Bremen eben brauchte, um den Kreislauf in Gang zu halten. Banknoten, in Päckchen verschweißt und auf Paletten gestapelt. Tonnenschwere Stahlkisten, die bis zum Rand mit Münzrollen gefüllt waren. Überall im Tresor diese ungeheuren Mengen Geld, und jetzt? Nichts. Allenfalls eine Vorstellung, wie das damals gewesen sein könnte, und ein bisschen auch die Erinnerung, aber dazu später.

Ein Zettel an der Eingangstür: "Diese Bundesbankfiliale ist geschlossen." Seit knapp drei Jahren herrscht Ruhe in dem Haus. Der Vorstand in Frankfurt hatte entschieden, das 35 Jahre alte Gebäude in der Kohlhökerstraße aufzugeben. Der Betrieb sei zu teuer, hieß es zur Begründung, die Bundesbank wollte sich in der Region auf die Filiale in Oldenburg beschränken. Und so hatten sie den Speicher geräumt und waren mit dem Geld umgezogen.

170 Wohnungen geplant

Mittlerweile ist der Komplex in einer der schönsten Wohnstraßen Bremens an den Hamburger Projektentwickler Evoreal verkauft worden. Er will dort rund 170 Wohnungen bauen. Das Bankgebäude, in dem ursprünglich die Landeszentralbank zu Hause war, später zusammen mit der Bundesbank auch der Landesrechnungshof und ein paar Schiffsmakler, wird verschwinden.

Noch ist es aber da, bepackt mit so viel Stahl und Beton, so stark bewehrt und beschützt, dass die Bauleute nicht zu beneiden sind. Abbrechen, wo nicht eingebrochen werden sollte, keine leichte Aufgabe. Sie müssen einen Panzer knacken.

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Zwei Untergeschosse, ein Erdgeschoss und oben drauf noch fünf Etagen, jemand hat das mal ausgerechnet: insgesamt sind es ungefähr 90.000 Kubikmeter umbauter Raum auf einem Grundstück, das 7000 Quadratmeter groß ist. Dicht und kompakt, ein Trumm von Haus, das wie eine Burg ist, die Brücke über dem Graben meist hochgezogen. Der Mensch kam zwar hinein, wenn er Geld tauschen wollte, die müde Mark zum Beispiel in den teuren Euro, doch hinter der Kassenhalle im ersten Obergeschoss war Schluss: Hochsicherheitstrakt!

Seit drei Jahren verwaist

Drei Jahre, und kein Betrieb mehr. Im Foyer liegt Laub auf dem Boden. Der Glaskasten, in dem die Pförtner saßen, ist verwaist, die Überwachungskameras sind abgebaut. Wenn sich überhaupt noch einmal der Schlüssel in der Eingangstür dreht, ist es der Hausmeister, der drei Stunden in der Woche nach dem Rechten schaut. Und die Polizei.

Im Treppenhaus und auf den Fluren hat sie Spuren hinterlassen, Patronen von Schusswaffen, die beim Abfeuern aus den Pistolen und Gewehren geworfen werden. An den Türen und Wänden vereinzelt Farbkleckse, rot und grün. Es werden Beamte des Spezialeinsatzkommandos der Polizei sein, die das leere Haus zum Üben nutzen. Geiselnahme im Bankgebäude, so ein Szenario vielleicht, und weit weg von der Realität ist das in diesem Fall ja nicht, wenn man bedenkt, welche Vergangenheit die Räumlichkeiten haben.

Bundesbank Bremen in der Kohlhöker Straße -

Das Bundsbank-Gebäude in der Kohlhökerstraße wird abgerissen.

Foto: Frank Thomas Koch

Irgendwo in den Katakomben hatten sich die Bundesbanker einen Schießstand einrichten lassen. Sie sollten für den Fall der Fälle selbst mit der Waffe umgehen können, aber das ist lange her. Bewaffnet waren zuletzt nur noch die Fahrer der Transporter und ihre Begleiter. Jeden Tag wurde Geld gebracht oder welches abgeholt. Vier Schleusen in der Filiale, die dazu dienten, die Transfers abzuwickeln. Die Fahrzeuge machten ihre Tour in der Stadt, von Geschäft zu Geschäft, um die Kassen zu leeren oder sie wieder aufzufüllen.

Deutlich seltener kamen die Transporter der Bundesbank. Das war immer ein großes Theater, mit den Nachbarn der Filiale als Zuschauer. Die Lastwagen sahen wie Wasserwerfer aus, gepanzert und mit schwerem Geschütz bestückt. Ähnlich robust trat die Polizei auf. Vermummte Beamte mit Maschinenpistolen im Anschlag, die dafür sorgten, dass die rollenden Geldbomben auf den letzten Metern in einer kleinen Wohnstraße sicher ihr Ziel erreichen konnten. Diese Szene, unvergessen: Eine ältere Dame wendet sich freundlich an einen der Polizisten in Kampfmontur. Ob sie durch dürfe, sie wohne in der Straße. Der Beamte mustert die Frau und brummt mit dunkler, sehr fester Stimme: "Besser nicht!"

Extra Treppenhaus für die Flucht

Es gibt ein Treppenhaus in dem ehemaligen Bankgebäude, das allein dafür gedacht war, den Mitarbeitern bei einem Überfall die Flucht zu ermöglichen. Doch diese Gefahr blieb die ganze Zeit über abstrakt, das Bremer Fort Knox war nie ernsthaft im Visier von Verbrechern. Keiner, außer den Bankern, der den Tresor von innen gesehen hat. Niemand Unbefugtes im Tempel des Mammon.

Keiner? Niemand? Nicht ganz, denn einmal war doch jemand drin, den man dort nicht haben wollte. Er hat darüber berichtet und tut es hier noch einmal. Die Erinnerung an einen besonderen Moment.

Bundesbank Bremen in der Kohlhöker Straße - Tresor

So dick sind die Türen des Tresors. Sie werden ausgebaut.

Foto: Frank Thomas Koch

Es war der Wunsch, den Ort zu besuchen, an dem das Bargeld für Bremen aufbewahrt wird. Unmöglich, wurde dem Journalisten beschieden, das habe es noch nie gegeben. Die Sicherheit! Alles geheim! Einer jedoch im Vorstand der Deutschen Bundesbank, der das anders sah und dem Reporter nach einigem Hin und Her schließlich Einlass gewährte. Die Verwaltung tobte, musste sich aber beugen. Und so kam es, dass ein fremder Mann im Tresor stand. Unmöglich!

Wenig später schlug der Apparat zurück. Lange Schreiben aus der Zentrale der Bundesbank in Frankfurt, in denen die Redaktion massiv davor gewarnt wurde, auch nur eine Zeile über den Besuch in der Bremer Filiale zu veröffentlichen. Der Autor bringe sich in Gefahr, weil er etwas wisse, was sich andere, die Übles wollten, zunutze machen könnten. Möglich, dass er von den Verbrechern erpresst werde: Sein Wohl und das seiner Familie gegen Details über die Sicherheitsvorkehrungen in der Bank. Ein Szenario der Bundesbanker, das dramatischer nicht sein konnte. Erschienen ist der Artikel trotzdem. Zwei Monate danach wurde vermeldet, dass die Filiale in Bremen geschlossen wird. Ein Zusammenhang? Wohl kaum.

Die Niederlage der Verwaltung – und ihr später Triumph, denn was hatte der Reporter damals gezeigt bekommen? Ja, er stand im Tresor, das schon, aber nur im kleinsten Teil davon, wie sich jetzt, viele Jahre später, bei einem neuerlichen Besuch herausstellt. Die Geldkammer ist nicht allein dieser eine Raum, verborgen hinter einer Stahltür, die einen halben Meter dick ist und vor dem Auszug der Bank mit raffinierter Sicherheitstechnik ausgestattet war. Sie erstreckt sich vielmehr über vier Etagen und wird nach unten hin immer größer.

Zwölf Meter tief in der Erde

Im zweiten Untergeschoss sind es mehr als 600 Quadratmeter, auf denen die Boxen mit dem Geld standen. Ein Schild gibt an, was der meterdicke Boden zu tragen imstande ist, sechs Tonnen pro Quadratmeter. An der Decke hängen Kräne, mit deren Hilfe die Container mit den Münzen gestapelt wurden. Schwere Lasten wie in einem Industriebetrieb, und genau so nüchtern wirkt der Tresor zwölf Meter tief in der Erde – kein Geldspeicher wie bei Dagobert Duck, sondern eine große, hohe Halle, die genauso gut anderen Zwecken dienen könnte, als die Bremer Barschaft zu beherbergen.

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Ein Schatz, der nicht mehr da ist. Das Geld liegt jetzt in der Filiale in Oldenburg. Der Tresor in Bremen ist leer, die Tür bleibt offen. Doch was passiert jetzt mit ihm? Er ist ja kein Stahlschrank, der mal eben ausgebaut werden könnte. Der Sicherheitsmantel umfasst hallenartige Räume, die zwischen den Geschossen mit einem Treppenhaus und zwei Fahrstühlen verbunden sind. Ein Haus im Haus sozusagen und auch noch abschließbar.

Der neue Eigentümer will diese Trennung aufheben. Der Tresor soll Platz machen für eine großräumige Tiefgarage mit 160 Stellplätzen. Was bleiben wird, ist die extradicke Sohle, angerührt wurde sie damals mit Spezialbeton, der mit unterschiedlichen Stahlmodulen gespickt ist. Auch aus den Tiefen der Erde sollten mögliche Panzerknacker keine Chance haben – ein mehr als sicheres Fundament für das, was anstelle der Bank auf dem Grundstück entstehen wird. Ende kommenden Jahres, wenn das Baurecht da ist, will der Investor mit den Arbeiten beginnen.

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