Bremer Partei schweigt zur Strategie

SPD engagiert Experte Frank Stauss für Bürgerschaftswahlkampf

Für den Bürgerschaftswahlkampf hat die SPD den Experten Frank Stauss engagiert. Zur Strategie will die Partei aber nichts sagen, nur ungern nimmt Landeschefin Sascha Aulepp das Wort „Wahlkampf“ in den Mund.
30.12.2018, 19:56
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
SPD engagiert Experte Frank Stauss für Bürgerschaftswahlkampf
Von Frank Hethey
SPD engagiert Experte Frank Stauss für Bürgerschaftswahlkampf

Strahlen um die Wette: der SPD-Spitzenkandidat Bürgermeister Carsten Sieling und SPD-Landeschefin Sascha Aulepp.

Frank Thomas Koch

Wer Frank Stauss engagiert, kann eigentlich nichts falsch machen. Schon allein ein Blick auf die Website seiner Agentur wirkt wie ein Mutmacher für alle Verzagten. Mehr als einmal habe man sich in kommunikative Schlachten gewagt, für die sich andere zu fein waren, heißt es da. „Wir sind die permanente, personifizierte Kampagne.“

Diesen Mann hat die Bremer SPD für ihren Wahlkampf engagiert. Einen Kommunikationsstrategen, der mit allen Wassern gewaschen ist. Der auch die SPD-Kampagne für die zeitgleich stattfindenden Europawahlen am 26. Mai stemmen soll. Viele Jahre war er Kreativdirektor und Gesellschafter der Düsseldorfer Werbeagentur „Butter“, bis er im Sommer 2018 mit Mathias Richel die „Agentur Richel, Stauss GmbH – Strategische Kommunikation“ aus der Taufe gehoben hat.

Mehr als 30 Wahlkämpfe in 25 Jahren hat Stauss nach eigener Angabe auf die Beine gestellt, fast immer in Diensten der SPD. Seine Bilanz kann sich sehen lassen. Kanzler Gerhard Schröder legte 2005 im Endspurt noch einmal ordentlich zu, auf Landesebene verhalf er Olaf Scholz (2011, 2015), Malu Dreyer und Michael Müller (beide 2016) zu beeindruckenden Wahlsiegen.

Freilich verliefen nicht alle Kampagnen erfolgreich. Für NRW-Landesmutter Hannelore Kraft konnte er beim dritten Engagement (2016) nichts mehr tun, kaum besser lief der Wahlkampf für Frank-Walter Steinmeier (2009). Über seine Erfahrungen hat er einen Bestseller mit dem Titel „Höllenritt Wahlkampf“ zu Papier gebracht.

Lesen Sie auch

Eine ganz besondere Herausforderung für jeden Wahlkampfmanager

Die entscheidende Frage im Bremer Bürgerschaftswahlkampf: Wie die Werbetrommel rühren für eine Partei, die nicht nur bundesweit im Umfragetief steckt, sondern auch im Land Bremen weit entfernt ist von einstigen Bestmarken? Und die mit einem Spitzenkandidaten in den Wahlkampf zieht, der nicht gerade als Charismatiker gelten kann. Für jeden Wahlkampfmanager eine ganz besondere Herausforderung.

Stauss selbst wäre wohl nicht abgeneigt gewesen, sich zu äußern. In einem E-Mail-Wechsel bekundete er Gesprächsbereitschaft. Natürlich nur unter der Voraussetzung, dass die Partei grünes Licht gibt. Doch die mauert, der Kommunikationsstratege darf nicht kommunizieren. Medienanfragen zum Wahlkampf und zur Wahlkampfkampagne würden erst ab März 2019 beantwortet, heißt es eher schmallippig vonseiten des Landesgeschäftsführers. Darauf habe man sich auch mit der Agentur verständigt.

Ein bisschen weniger zugeknöpft gibt sich Sascha Aulepp, die Landesvorsitzende. Allerdings will auch sie nicht über die SPD-Wahlkampfstrategie sprechen. Bestehe die doch gerade darin, den Wahlkampf auf wenige Wochen vor der Wahl zu begrenzen. Viel wichtiger als die Farbe von Wahlplakaten sei die Durchsetzung eines gerechten Mindestlohns. Sei eine soziale Wohnungspolitik und das Ausbauprogramm für Kindertagesstätten. „Auf diese Themen setze ich ganz unabhängig davon, ob gerade Wahlkampf ist oder nicht.“

Viel mehr ist der Frontfrau nicht zu entlocken. Nur widerwillig nimmt sie das Wort „Wahlkampf“ überhaupt in den Mund. „Wahlkampf ist für mich: zu sagen, was ich Kluges vorhabe und es dann auch umzusetzen.“ Nach dieser Definition braucht man tatsächlich nicht in den Wahlkampfmodus zu schalten. Sondern nur stur vermeintlich gute Politik zu machen. In der Hoffnung, dass die Menschen das am Wahltag auch honorieren. Von vollmundigen Wahlkampfversprechen hält Aulepp ohnehin nichts. „Man muss das Leben der Menschen besser machen. Und das macht man ganz konkret.“

Lesen Sie auch

Ein beachtliches Statement

Das klingt fast ein bisschen geringschätzig gegenüber allen Versuchen, auf Stimmenfang für die eigene Partei zu gehen. Als sei Wahlkampf kein seriöses Mittel der politischen Auseinandersetzung. Als habe Wahlkampf wirklich nur mit der Farbe von Wahlplakaten zu tun. Ein beachtliches Statement in Zeiten, da die digitale Beeinflussung des Wahlvolks immer mehr Bedeutung gewinnt.

Ein Wahlkampf light als der Weisheit letzter Schluss? Sollte das die Empfehlung des gewieften Wahlkampfexperten Frank Stauss sein? Abtauchen, den Kopf in den Sand stecken – eine merkwürdige Vogel-Stauss-Haltung.

Man mag es kaum glauben. In seinem Blog, in zahlreichen Talkshows und Interviews tritt der 53-Jährige ganz anders auf. Als rhetorisch brillanter, kämpferischer Analytiker, der schon jetzt die Antworten auf Fragen kennt, die noch gar keiner gestellt hat. Und als einer, der auch kräftig austeilen kann. Als „alternde, dünnnervige Diva“ kanzelt er beispielsweise Friedrich Merz ab, den gescheiterten Kandidaten für den CDU-Parteivorsitz. Und so einer sollte Zurückhaltung predigen? Einer, der als Rezept für einen erfolgreichen Wahlkampf ganz konkret „Führung, Optimismus und Mut“ fordert?

Lesen Sie auch

Machtverlust erstmals eine realistische Option

Dass hinter den Kulissen längst die Köpfe rauchen, darf man getrost voraussetzen. Erstmals seit den frühen Nachkriegsjahren ist der Machtverlust eine realistische Option. Auch wenn sich die SPD-Führung gelassen gibt, in manch einem Ortsverein macht sich Nervosität breit, zumal dem Vernehmen nach auch parteiintern noch immer nichts zur Wahlkampfstrategie zu hören ist. Im Bund kommt die SPD nach der jüngsten Erhebung auf dürftige 15 Prozent, im Land Bremen auf 26 Prozent. Das wäre gegenüber dem Ergebnis der vergangenen Bürgerschaftswahl von 2015 noch einmal ein Minus von knapp sieben Prozentpunkten. Vorausgesetzt, es geht nicht noch weiter in den Keller.

Da ist Not am Mann, ganz besonders am Bürgermeister. Bis heute hat Carsten Sieling das Stigma des blassen Parteisoldaten nicht ablegen können. Daran wird auch ein Wahlkampfstratege wie Stauss vermutlich nur noch wenig ändern können, ein kompletter Imagewechsel in so kurzer Zeit ist kaum mehr möglich. Ziemlich routiniert fällt Aulepps Bekenntnis zum Spitzenkandidaten aus. Sieling habe das tolle Ergebnis für Bremen bei der Neuordnung des Länderfinanzausgleichs herausgeholt. Und damit mehr Spielraum für soziale Gerechtigkeit geschaffen. „Darauf müssen wir uns konzentrieren. Das ist, wofür Carsten Sieling steht.“

Also vielleicht doch eher ein Themenwahlkampf. Ein ständiges Hervorheben der sozialen Kompetenz, immer wieder die SPD als die Partei, die sich wirklich kümmert. Nicht neu, nicht originell, aber bewährt. Oder sollte gerade das die Strategie der Partei sein? Vielleicht hat die SPD ihren Wahlkampf ja schon längst eingeläutet. Wir haben es bloß noch nicht gemerkt.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+