Partys in Zeiten der Pandemie

„Ruhe ist nicht immer gut“

Nicht die Zeit zum Feiern? Die Stadtforscherin Talja Blokland sieht das anders. Was Feiern überhaupt bedeutet und wie Städte mit dem Bedürfnis junger Menschen umgehen sollten.
22.08.2020, 05:00
Lesedauer: 2 Min
Zur Merkliste
„Ruhe ist nicht immer gut“
Von Eva Przybyla
„Ruhe ist nicht immer gut“

Auch in Corona-Zeiten zieht es die Bremerinnen und Bremer an die Schlachte.

Frank Thomas Koch
Frau Blokland, wo feiern junge Menschen seit Beginn der Pandemie?

Talja Blokland : In Berlin ist ja bekannt, dass die Menschen in der Hasenheide (Anm. d. Red.: Volkspark in Berlin-Neukölln) feiern gehen. Aber auch schon während des Lockdowns hat man anhand des Mülls gesehen, dass Menschen an Orten gefeiert haben, wo das sonst nicht geschieht, etwa im Park oder im Wald. Es ist klar, dass nun der öffentliche Raum anders genutzt wird und dass man sich seine Wege sucht.

Wie bewerten Sie diese Entwicklung?

Zuerst müssen wir uns fragen: Was heißt Party machen oder feiern? In vielen Medien wird das Treffen von Menschen im öffentlichen Raum als Party bezeichnet und darüber so gesprochen, als wäre das nicht nötig. So wie Bundesgesundheitsminister Jens Spahn klarmachte: „Es ist nicht die Zeit zum Feiern.“

Lesen Sie auch

Ist das nicht so?

Ich glaube, dass diese Auffassung vom Feiern viel zu pauschal ist. Ein Kollege hat zu den Partys in Berlin darauf hingewiesen, dass es Gruppen gibt, die in alternativen Kulturen leben oder durch ihre sexuelle Orientierung sehr abhängig sind von Orten, an denen sie wirklich sie selbst sein können. Das sind oft Orte, die für Außenstehende nur für Partys stehen. Für ihr Publikum haben sie eine größere Bedeutung.

Kommt es jetzt eher zu einer Durchmischung der Menschen im öffentlichen Raum?

Ja, klar.

Das ist doch gut, oder?

Die Frage ist immer: Ist meine Nutzung des öffentlichen Raums eine Belästigung für andere? Wenn man mit einem zweijährigen Kind in der Nähe eines Parks wohnt, der nun für Partys genutzt wird, ist das eine ganz andere Sache als für die Leute, die sich im Park treffen. Das sind Raumkonflikte, die sich nicht so einfach lösen lassen. Wenn wir alle zu Hause bleiben, ist das derzeit nur gut fürs Gesundheitssystem – aber auch nur dafür. Wenn wir uns alle zurückziehen, ist das nicht gut.

Inwiefern?

Das macht unsere Stadt unsicherer, weil weniger Menschen etwa nachts unterwegs sind. Außerdem haben die Menschen dann zu wenig Kontakt zu anderen Stadtbewohnern. Es fordert Toleranz und vertraute Öffentlichkeit, wenn viele unterschiedliche Menschen am gleichen Ort unterwegs sind. Ruhe ist nicht immer gut.

Lesen Sie auch

Wie sollten Städte reagieren?

Ich denke, dass man hinnehmen muss, dass Menschen feiern wollen. Man kann sie nicht einschließen. Und man sollte sich die Bedürfnisse der Menschen differenziert vor Ort anschauen.

Das Gespräch führte Eva Przybyla.

Info

Zur Person

Talja Blokland ist Stadtforscherin und seit 2009 Professorin für Stadt- und Regional­soziologie an der ­Humboldt-Universität zu Berlin.

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+