Herbstserie: Teil 12 Stille Einkehr

Die Stille im Dom zu Bremen kann ganz besonders sein. Das Gotteshaus ist so groß, dass sich so manches darin verstecken kann.
Lesedauer: 5 Min
Zur Merkliste
Stille Einkehr
Von Jürgen Hinrichs

Zum Schluss noch einmal die Orgel. Klänge wie aus einer anderen Welt, ganz leicht und leise, sphärisch fast, meditativ. Orgelmusik kann brachial sein, auftrumpfend und mächtig. Hier ist sie filigran, ein Flüstern, die Töne getupft, wären sie Farbe, wäre es Pastell. Das ist spannend, etwas zum Nachsinnen, und so bleiben sie alle sitzen, anders als sonst, wenn in der Kirche das Amen gesprochen wird und die Menschen gleich danach aus dem Gotteshaus eilen, Orgel hin oder her.

Bis zum letzten Akkord bleiben sie alle sitzen und lassen sich von der Musik tragen, wohin auch immer, da hat jeder seinen eigenen Weg. Nachdem der letzte Ton verklungen ist, herrscht für einen Moment Stille. 40, vielleicht 50 Männer und Frauen in den Bänken, die immer noch innehalten, diesen einen Moment. Dann steht der erste auf, und der Bann ist gebrochen.

Das Mittagsgebet im Bremer Dom beginnt um Punkt zwölf, wenn die Glocken aufhören zu läuten. Dann spielt die Orgel das erste Mal. Touristen werden an der Pforte darauf aufmerksam gemacht, dass die Kirche für eine Viertelstunde zu ihrer eigentlichen Bestimmung zurückkehrt, und dass es schön wäre, Rücksicht zu nehmen.

Lesen Sie auch

Gar nicht einfach, das zu tun, wenn man einen Rollkoffer hinter sich herzieht, wie dieser Mann, ein Asiate, wie es scheint, der wohl gerade erst angereist ist und seinen ersten Weg in den Dom genommen hat. Mit dem Koffer an der Seite hält er sein Smartphone hoch, filmt und fotografiert. Einer von rund 2000 Besuchern, die im Dom täglich gezählt werden. Als die Andacht beginnt, schleicht der Mann sich, den Rollkoffer trägt er, eine gute Entscheidung.

In den Dom kommen die Menschen, um den imposanten Bau aus dem Mittelalter zu besichtigen. So vieles, was zu entdecken ist. Sie kommen, um einen Gottesdienst zu besuchen, am Mittag oder zu den anderen Zeiten: Jeden Sonntag und Feiertag um zehn Uhr morgens und jeden Mittwoch zum Morgengebet um acht. Die Kirche ist ein Ort von Taufen, Trauungen und Trauerfeiern. Und es werden Konzerte veranstaltet.

Der Dom ist aber auch deshalb ein fester Anlaufpunkt, weil er fernab der geistlichen Rituale ein Raum der Ruhe ist. Einfach mal eintauchen in diese Atmosphäre, stille Einkehr auf der Kirchenbank. Nicht wenige, die in der Innenstadt arbeiten und hier Pause machen.

Ein Ort, dem die Stille verschrieben wurde

„Lassen Sie uns 15 Minuten Pause machen“, sagt die Pastorin zur Begrüßung beim Mittagsgebet. Für diese Viertelstunde gelingt das, weil nichts und niemand stört. Sonst aber ist an diesem Tag viel Lärm in der Kirche. Auf dem Hochchor wird mit Getöse eine Ausstellung aufgebaut: 95 Bilder zu den 95 Thesen von Martin Luther, ein später Beitrag zu 500 Jahren Reformation. Das dröhnt durch den ganzen Dom.

Einigermaßen ruhig ist es nur dort, wo das ohne Ausnahme auch so sein soll. Die romanische Ostkrypta ist ein Ort, dem die Stille verschrieben wurde. Die Besucher in dem Gewölbe halten sich dran, keiner sagt auch nur ein Wort – und hören deshalb besonders gut, wenn oben die Straßenbahn vorbeirumpelt. Mitten im Dom merkt man davon nichts, wohl aber in der Ostkrypta, am Ort der Stille.

Der Dom dehnt sich in der Länge auf gut 92 Metern aus, er ist knapp 38 Meter breit und erreicht mit seinem Gewölbe eine Höhe von 20,5 Metern. Die beiden Westtürme ragen mit 98 Metern gen Himmel. Das Maß aller Dinge in Bremen – kein Büro- oder Wohngebäude, so die eherne Regel, darf die Türme des Doms übertreffen.

Lesen Sie auch

So groß ist das Gotteshaus, dass sich vieles darin verstecken kann. Bei der berühmten Maus mal angefangen, die im Spalt einer Tür in der Nähe des Dom-Museums hockt. 1000 Jahre her, dass ein Steinmetz sie mausgroß hineingemeißelt hat. Dem possierlichen Tier wurde damals allerlei angedichtet, es galt als Symbol für Hexen, Teufel und andere missgünstige Geister. Mit der Maus sollte dieses Böse gebannt werden.

Ein beliebtes Spiel, die Maus zu suchen; mit Hilfe findet sie am Ende jeder. Anderes in der Kirche bleibt den Besuchern aber in der Regel verborgen, wenn sie nicht an den Führungen teilnehmen und zum Beispiel Henrike Weyh an der Seite haben, die Leiterin des Dom-Museums. Die Maus, gut, das hat sie schon tausendmal erzählt. „Aber schauen Sie mal“, sagt die Kunsthistorikerin und schlägt den Weg zu einer der vielen Nischen ein. Dort, gleich links, wenn man den Dom betritt, hängt ein Epitaph, die steinerne Gedächtnistafel zu Ehren von Segebade Clüver.

Der Mann war Senior des Domkapitels und Dompropst von Wildeshausen. Gestorben ist er im Jahr 1547. Das Epitaph zeigt den Brunnen des Heils, eine Symbolik, die Schuld und Erlösung thematisiert. Schaut man sehr genau hin, was schwierig ist, weil die Tafel im Halbdunkel hängt, kommt eine Windmühle zum Vorschein. „Das ist der norddeutsche Touch an dem Epitaph“, sagt Weyh und freut sich, dass die Besucher überrascht sind.

Lauter Sinnbilder und Symbolik

Sie führt jetzt durch das Nordschiff. „Der Raum ist überwältigend.“ Die Decke so hoch wie im Mittelschiff, im Südschiff mit seinen Kapellen an der Seite ist sie niedriger. Das Nordschiff wirkt wie eine riesige Halle, sehr klar, wozu auch die Fenster beitragen. Anders als im Südschiff sind es keine bunten Gläser, sondern Grautöne, die ein wenig changieren. „So kommt das Auge zur Ruhe“, findet Weyh. Sie mag es, wenn sich auf dem Domshof in der Adventszeit die Karussells drehen und ihre Lichter durch die Domfenster blinken, „das ist wie ein Goldregen“.

Vom Großen zurück zum Kleinen, ein unscheinbares Detail neben der Tür mit der Maus. Es ist die Heilige Familie, kleines Format und im Dämmerlicht wieder nur dann zu erfassen, wenn man nah herangeht. Die Szene auf dem Relief zeigt Glück und Ausgelassenheit. Ein Kind, das herumtollt, der Steinmetz hat es tanzen lassen. Für Weyh ist das immer wieder schön, „ich liebe dieses Motiv, da ist so viel Fröhlichkeit“.

Lesen Sie auch

Lauter Sinnbilder und Symbolik, zuletzt auch in der Westkrypta, dem mutmaßlich ältesten Raum in Bremen. Erzbischof Adalbert hat die Krypta im Jahr 1066 geweiht. Sofort ins Auge fällt das bronzene Taufbecken aus dem 13. Jahrhundert. Getragen wird es von Mensch und Tier. „Der Löwe steht für die menschlichen Ängste“, erklärt die Kunsthistorikerin, „bezwungen werden die Ängste von den Reitern, die auf den Tieren sitzen und sich in den Mähnen festkrallen.“

Das ist archaisch, der Urgrund menschlichen Lebens. Doch manchmal stand das Taufbecken früher auch in einem ganz profanen Zusammenhang. Es diente als Eichgefäß für die „Alte Bremer Tonne“, ein Weinmaß. Exakt 217 Liter passen hinein. Bei den Taufen, die bis heute in der Westkrypta gefeiert werden, reicht eine Pfütze, und es ist Wasser, kein Wein.

Info

Zur Sache

Die Geschichte des St.-Petri-Doms

Im Jahr 789 wird auf der Bremer Düne das erste Mal eine Kirche errichtet, es ist mehr ein Kirchlein, aus Holz erbaut und nicht von langem Bestand. Die erste steinerne Kirche entsteht an der Stelle im Jahr 860. Knapp 200 Jahre später macht ein Großbrand das Gotteshaus zunichte. Der Wiederaufbau beginnt auf dem Fuße, im Jahr 1066 ist bereits die Westkrypta geweiht. In den Jahrhunderten darauf folgen etliche Umwandlungen. Wegen religiöser Streitigkeiten ist der Dom im 16. und 17. Jahrhundert die meiste Zeit geschlossen. Mehr und mehr wird die Kirche zur Ruine. 1888 beginnt die große Restaurierung. Im 2. Weltkrieg geht vieles kaputt, kann aber schnell wieder hergestellt werden. Von 1972 bis 1981 wird der Dom restauriert.

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Einwilligung und Werberichtlinie

Ich erkläre mich damit einverstanden, dass die von mir angegebenen Daten dazu genutzt werden, regelmäßig per E-Mail redaktionelle Inhalte des WESER-KURIER seitens der Chefredaktion zu erhalten. Die Daten werden nicht an Dritte weitergegeben. Ich kann diese Einwilligung jederzeit formlos mit Wirkung für die Zukunft widerrufen, z.B. per E-Mail an widerruf@weser-kurier.de.
Weitere Informationen nach Art. 13 finden Sie unter https://www.weser-kurier.de/datenschutz

Schließen

Das Beste mit WK+