Studie über Versorgung bei Demenz

Demenzkranke erhalten oft ungeeignete Medizin

Arzneimittelexperte der Uni Bremen, Gerd Glaeske, kritisiert die Fehlversorgung von Patienten mit Demenz. Statt eine aktivierende Pflege zu erhalten, würden sie zu häufig mit Neuroleptika ruhiggestellt.
20.11.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Demenzkranke erhalten oft ungeeignete Medizin
Von Timo Thalmann
Demenzkranke erhalten oft ungeeignete Medizin

Medikamente statt aktivierende Pflege: Gerd Glaeske kritisiert die Versorgung von Demenzkranken.

Kai Remmers / dpa

Die Bremer Hausärztin und Geriaterin Heike Diederichs-Egidi schildert die Situation anschaulich. „Es gibt Demenzkranke, die mitten in der Nacht aufstehen und Kartoffeln aufsetzen und dann den Herd vergessen, die bei Angehörigen leben und jede Nacht Kinder und Eltern aufwecken.“ Die Kinder schliefen irgendwann in der Schule ein und die Eltern seien praktisch arbeitsunfähig. „Da befinde ich mich als Hausärztin in einer Zwickmühle – wem werde ich jetzt wie gerecht und wessen gesundheitliches Risiko schätze ich höher ein?“

Häufig verschreibe sie dann zunächst Neuroleptika für den Demenzkranken, damit sich die Situation entschärft. Denn die gesundheitlichen Belastungen seien für pflegende Angehörige enorm. „In den Pflegeheimen kommt der Personalmangel hinzu.“ Auch dort seien Psychopharmaka oft eine kurzfristige Lösung, wie sie aus eigener Erfahrung wisse. Das Problem: Häufig wird aus der schnellen Medikamentengabe ein langfristiger Zustand, obwohl diese Mittel bei Menschen mit Alzheimer-Demenz mehr schaden als nutzen.

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Darauf weist der Gesundheitswissenschaftler und Pharmazeut Gerd Glaeske von der Universität Bremen hin. „Neuroleptika bei Demenzerkrankten erhöhen beispielsweise das Risiko für einen Schlaganfall um den Faktor 1,7.“ Weitere schwerwiegende und unerwünschte Folgen sowie eine insgesamt erhöhte Sterblichkeit seien seit 20 Jahren nachgewiesen.

Der von Glaeske jetzt vorgelegte Demenzreport belegt, dass Demenzkranken trotzdem auffallend häufig Psychopharmaka verabreicht werden. Danach bekam etwa ein Drittel der Betroffenen zwischen 2017 und 2019 dauerhaft Wirkstoffe wie Risperidon oder Haldol verabreicht, die üblicherweise bei Schizophrenie und Psychosen angewendet werden. Diese Medikamente dämpfen den Patienten, er wird ruhiggestellt. Glaeske hat für diesen Befund Versichertendaten der Handelskrankenkasse (HKK) ausgewertet, die hauptsächlich aus Bremen und Niedersachsen stammen. Er hält die Ergebnisse für allgemein übertragbar. „Das Ergebnis ist tragisch, aber nicht überraschend, denn auch Studien mit Daten aus anderen Regionen zeigen dieses Bild.“ Die Situation und das Verordnungsverhalten der Hausärzte seien in Bremen nicht auffällig anders.

„Chemische Gewalt gegenüber den Erkrankten“

Zu den Ergebnissen gehört auch, dass nur gut 20 Prozent der Patienten spezielle Antidementiva erhalten, die das Fortschreiten der Demenzerkrankung verzögern können. Den besonders häufigen Einsatz der Neuroleptika in der stationären Pflege bei jedem zweiten Betroffenen bezeichnet Glaeske bei der Vorstellung des Berichts „als chemische Gewalt gegenüber den Erkrankten".

Die Mittel dienten nach seiner Einschätzung vor allem dazu, den Betrieb der Pflegeheime aufrecht zu erhalten, wenn Bewohner aufgrund der Demenzerkrankung unruhig oder aggressiv würden. Untersuchungen mit neuen, aktivierenden Pflegekonzepten hätten dagegen gezeigt, dass es möglich sei, diese Medikamentengaben stark zu senken. Dafür würde aber mehr Personal in den Einrichtungen benötigt. „Gebt uns mehr Pfleger, dann brauchen wir weniger Haldol“, habe es ein Pfleger lauf den Punkt gebracht.

Doppelt so viele Demenzkranke bis 2050

Die Handelskrankenkasse hat den aktuellen Report unter anderem deshalb unterstützt, um auf Demenz als wachsendes Krankheitsbild aufmerksam zu machen. „Alle 90 Sekunden gibt es statistisch gesehen in Deutschland diese Diagnose, rund 30.000 neue Fälle jedes Jahr“, sagt Gesundheitswissenschaftler Glaeske. Aktuell gebe es rund 1,6 Millionen Betroffene, bis 2050 werde sich ihre Zahl durch die gestiegene Lebenserwartung fast verdoppeln. Denn: Bei den über 90-Jährigen leide jeder Dritte an einer demenziellen Erkrankung. In Bremen sind es laut den Angaben geschätzt insgesamt 12.600 Patienten über 65 Jahre, in Niedersachsen etwa 150.000.

Wie bei vielen Erkrankungen gibt es laut Glaeske inzwischen zahlreiche Hinweise dass auch bei Demenz Bewegung, Ernährung und ein soziales Umfeld wichtige Faktoren für die Vorbeugung seien. Investitionen in entsprechende Präventionsprogramme sind laut HKK-Alleinvorstand Michael Lempe eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. „Das können die Kranken- und Pflegekassen nicht allein stemmen", betont er.

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