Kommentar zu Andreas Bovenschulte

Tadellos und doch nicht perfekt

Die Regierungschefs der Länder sind derzeit besonders gefordert, das gilt auch für Bremens Bürgermeister. Andreas Bovenschulte schlägt sich in der Krise gut, aber irgendetwas fehlt, meint Silke Hellwig.
27.03.2020, 08:04
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Tadellos und doch nicht perfekt
Von Silke Hellwig
Tadellos und doch nicht perfekt

Bremens Bürgermeister Andreas Bovenschulte agiert angesichts der Corona-Krise präsize und unaufgeregt, schreibt Silke Hellwig.

Frank Thomas Koch

Die Corona-Krise ist eine harte Bewährungsprobe für alle, besonders für jene, die das Heft des Handelns in den Händen halten. Das ist die Bundesregierung, aber es sind in hohem Maße auch die Ministerpräsidentinnen und -präsidenten. Der Bund und die Landesregierungen haben sich auf ein gemeinsames Vorgehen verständigt, um die Ausbreitung des Virus zu kontrollieren, aber am Vorgehen Bayerns und Schleswig-Holsteins illustriert sich die Macht der Länder. Sie entscheiden maßgeblich über die Einschränkungen. Die Landes­regierungen beziehungsweise Senate müssen sich als krisenfest beweisen.

Unaufgeregt und präzise

Bürgermeister Andreas Bovenschulte und seine Kollegen im Senat haben sich bislang nichts vorzuwerfen. Sie sind handlungs- und durchsetzungsfähig, sie gehen umsichtig und besonnen vor. In diversen Senatspressekonferenzen skizzierte der Bürgermeister präzise und unaufgeregt, was zu tun ist und getan wird. Seine Regierungserklärung am Mittwoch war vor allem an das Parlament adressiert. Direkt an die Bürger wandte er sich bislang nicht, wie es beispielsweise zu Weihnachten gang und gäbe ist. Es sei denn, man berücksichtigt eine gut zweiminütige Videosequenz, aufgenommen in der oberen Rathaushalle, die die Senatspressestelle in den sozialen Medien verbreitet. An die 800-mal war sie bis Donnerstag angesehen worden. Das mag viel sein für einen solchen Clip aus dem Rathaus, aber es ist viel zu wenig, um Wirkung zeigen zu können.

Andreas Bovenschulte findet die richtigen Worte, er fand sie auch in seiner Regierungserklärung. Er redete geradeaus, ohne Schnörkel, immer bei der Sache. Er sprach von Solidarität, von den Sorgen, den Belastungen, von Beistand, Hilfe und Unterstützung. Ganz der sturmerprobte Verwaltungschef, Sozialdemokrat von Format, auch in der Krise. So soll es sein. Es bleibt aber eine gewisse Leerstelle. Irgendetwas fehlt, ein gewisses Quantum Trost, so ein „Ich bin doch einer von euch, ich leide mit euch, ich bange mit euch, ich habe noch nicht auf jede Frage eine Antwort, bin aber voller Zuversicht“.

Lesen Sie auch

Als „eindringlich“ und „emotional“ wurde die außerplanmäßige Fernsehansprache von Bundeskanzlerin Angela Merkel vielfach beschrieben. An die 30 Millionen Menschen sollen sie verfolgt haben, Abrufe im Internet nicht mitgezählt. Das ist Hinweis genug auf die große Sehnsucht der Bevölkerung nach Signalen von höchster Ebene. Es ging in der Ansprache nicht um Neuigkeiten, es ging nicht um konkrete Informationen. Es war die besondere Geste, die zählte. Angela Merkel sprach direkt zu den Bürgern, in einer Intensität, die kein Präsident jemals über Tweets herstellen kann.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, der freilich eine andere Rolle auszufüllen hat als ein Regierungschef, wendet sich ebenfalls ans Volk. Ganz persönlich, wie das Bundespräsidialamt am Donnerstag mitteilte: „Er führt in diesen Tagen zahlreiche Telefonate mit Bürgerinnen und Bürgern, die in der Corona-Krise besonders gefordert sind. Er telefoniert mit Pflegern, Ärztinnen, Sozialarbeitern, Lehrerinnen, Apothekerinnen, Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen von Supermärkten und Behörden.“ In einer Videobotschaft sagte Steinmeier sehr viel mit wenigen Worten: „Uns allen zerreißt es doch das Herz, wenn wir die Bilder aus Italien sehen.“

Bovenschulte bleibt er selbst

Die Menschen sind verschieden, das gilt auch für Bürgermeister. Bovenschulte hat nie erkennen lassen, einem seiner Vorgänger besonders nachzueifern, beispielsweise Henning Scherf. Dessen große Stärke, vielleicht auch Masche – für einen Juristen und Berufspolitiker ungewöhnlich – war seine Volksnähe. Seine unnachahmliche Art könnte momentan viel bewirken, obgleich er niemanden zum Trost in die Arme reißen darf. Scherf redete oft, wie ihm der Schnabel gewachsen ist, und traf dabei einen Ton, der den meisten Menschen nahe ging. Er nahm die Rolle als Landesvater ganz an, nicht die als Verwaltungschef. Dafür hatte er den Chef der Senatskanzlei.

Andreas Bovenschulte ist noch kein Jahr im Amt, und er versteht sich anders. Das hat ohne Zweifel Vorteile, jedenfalls im Alltagsgeschäft.

Lesen Sie auch

Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+