Haus im Viertel Bremen Theater ist seine Leidenschaft

Viele senioren trauen sich alleine nicht mehr ins Theater. Das hat Johannes Bruns für einige ältere Theaterfreundinnen und -freunden, die im Haus im Viertel wohnen, geändert.
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Von Martin Ulrich

Vor mittlerweile 20 Jahren hatte Johannes Bruns die Idee, seine Theaterleidenschaft mit anderen zu teilen. Er kontaktierte die Bremer Heimstiftung mit dem Vorschlag, eine Theaterbesuchsgruppe zu gründen. Die Bremer Heimstiftung ist ein Träger von Wohn- und Pflegeheimen mit einer Spezialisierung auf Altenhilfe. Sie setzt sich auf vielen Ebenen für die Belange älterer Menschen ein. Seit jenem Tag auch für das Theater. Vom ersten Tag an habe die Gruppe viel Zuspruch von den Bewohnern der Heimstiftung erhalten, berichtet Johannes Bruns.

Zum 20sten Jahrestag dann saßen gut 40 Senioren bei Prickelwein und Keksen beisammen und ließen die gemeinsamen Erlebnisse Revue passieren. Eine Teilnehmerin brachte dem Gruppenleiter sogar ein Ständchen – „Amazing Grace“ auf der irischen Blechflöte. Es folgte eine kleine Dankesrede, die in ein großes Zuprosten mündete.

Es schloss sich eine Diskussion über das letzte Stück an, das sie gemeinsam gesehen hatten. Ludwig van Beethovens einzige Oper „Fidelio“ hatte ihnen gut gefallen. Die meisten fanden es großartig, einige haben die die Inszenierung als zu burlesk erlebt, es war ihnen zu derb, zu possenhaft. Die Diskussion darüber war durchaus lebhaft. Nun ließ man den „Kaufmann von Venedig“, den man in der Shakespeare Company gesehen hatte, Revue passieren. Anschließend wurde, wie ein Teilnehmer es ausdrückte, gearbeitet. Das geht so: Johannes Bruns stellt drei Inszenierungen vor, die er sich angesehen und für die Theaterbesuchsgruppe in die Auswahl genommen hat. Zunächst wäre da Verdis „Ein Maskenball“ am Theater Bremen, zweitens „Dracula“ beim Mensch Puppe Figurentheater und drittens handelt es sich um „Der Schimmelreiter“ am Theater Bremen.

Johannes Bruns referiert jeweils den Inhalt der Stücke und ihre Geschichte. Beim „Maskenball“ geht es um die Ermordung von Gustav III., dem schwedischen König. Die Oper war eine Auftragsarbeit der Stadt Neapel. Schon Verdis Librettist wollte den Text in weiser Voraussicht nur unter Pseudonym schreiben. Das Stück fiel bei der Zensur durch. Eine Oper über die Ermordung eines Königs kam im damals feudalistischen Italien nicht gut an. Um die Oper in Italien überhaupt aufführen zu können, ließ Verdi den Schauplatz des Geschehens in die USA verlagern. Im Bremer Theater führt man die Urversion der Oper auf. Darin lässt sich Gustav III. von der Wahrsagerin Ulrica die Zukunft vorhersagen, und bekommt die Ansage, dass eine Verschwörung gegen ihn angezettelt worden sei und er durch die Hand seines besten Freundes Renato sterben werde. Trotzdem fängt er mit Renatos Frau eine Affäre an und stirbt durch dessen Dolch. Die Kritik feiert die Inszenierung von Michael Talke geradezu überschwänglich.

Am Schwarzen Brett des Heimes hängt Bruns einen Zettel mit den möglichen Terminen auf. Interessenten können sich dort eintragen. Johannes Bruns besorgt dann durch Gruppenermäßigung verbilligte Karten und sorgt für Plätze, die die oft gehbehinderten Gruppenmitglieder gut erreichen können.

Zum „Dracula“ des Figurentheaters ‚Mensch Puppe‘ erklärt er, das Puppentheater führe eine Bearbeitung der literarischen Vorlage von Bram Stoker auf. Stoker war einer der Gründerväter des Vampirmythos. Für Mensch Puppe hat Philip Stemann, der auch für Musik und Regie verantwortlich zeichnet, den Roman Stokers bearbeitet. Es geht um die Reise des „Fürsten der Finsternis“ von Transsylvanien nach London. Sein Ziel: Eine Weltherrschaft der Untoten zu errichten. Dies sowie den erbitterten Kampf seiner Gegner zeigt Mensch Puppe unter Einsatz einer Palette verschiedenster Mittel des Figurentheaters, des Schauspiels und mit viel Livemusik. Die Leistung des brillanten Puppenspielers Leo Mosler hebt Johannes Bruns besonders hervor.

„Der Schimmelreiter“ ist eines der bekanntesten Werke von Theodor Storm. Die Geschichte von Hauke Haíen ist allen der Runde bekannt. Am Bremer Theater sagt man, so mystisch aufgeladen die Geschichte sei, so modern sei sie in ihrer Zeichnung der Figuren und Beziehungen, und in der dringlichen Frage nach Konzepten des Lebens mit der Natur in Zeiten von Klimawandel und Naturkatastrophen.

Für alle drei Stücke finden sich reichlich Interessenten. Bruno Hess, der im Haus im Viertel wohnt, berichtet, dass er auch früher schon regelmäßiger Theatergänger gewesen sei. Er schätze Klassiker, sagt er. Obwohl Theater für ihn aktuell sein müsse. „Klassiker können aktuell sein, aber ich mag auch zeitgenössische Stücke.“ Ihm gefällt die indirekte Art der Referate von Johannes Bruns sehr. So lasse er Raum für individuelle Bewertungen.

Elisabeth Strauch-Bergau ist hingegen noch nicht so lange dabei. Sie zeigt sich geradezu begeistert von der Gruppe und von Johannes Bruns Einführungen. „Manches muss ja tatsächlich aufgefrischt werden, weil man es nicht so gut gepflegt hat", sagt Strauch-Bergau. Gut gepflegt hat jedenfalls Johannes Bruns den Brauch des gemeinschaftlichen Theaterbesuchs. „In der ersten Sitzung vor 20 Jahren war eine Dame aus der Heinrich-Heine-Straße", berichtet Bruns. "Die war gerade hier ins Haus gezogen." Diese Frau sei froh gewesen, wieder ins Theater gehen zu können. "Sie hat gesagt, dass sie sich vorher so einsam und unsicher gefühlt habe.“ Das habe ihn in seiner Idee sehr bestätigt. In der Auswahl der Stücke hat er offenbar ein Faible für Klassiker. „Ich glaube, dass in den Klassikern sehr vieles steckt, was auch heute noch Bedeutung hat", sagt Bruns. "Aber ich gehe mit der Gruppe auch in aktuelle Stücke. Es kommt einfach darauf an, was das Theater hier anbietet.“

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