Aufführung im Brauhaus in Bremen Theaterstück "Die NSU-Monologe" gibt Hinterbliebenen eine Stimme

„Die NSU-Monologe“ sind schwere Kost. Das Theaterstück stellt die Hinterbliebenen der rassistischen Mordserie in den Mittelpunkt und gibt ihnen eine Stimme.
22.03.2019, 16:22
Lesedauer: 3 Min
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Theaterstück
Von Sebastian Krüger

Morgen hat ?smail Yozgat Geburtstag. Er fährt zum Baumarkt und kauft sich einen neuen Werkzeugkoffer. Um 17 Uhr ist er zurück im Internetcafé seine Sohnes Halit, um ihn abzulösen. Auf dem Boden fallen ihm rote Tropfen auf. Er ruft in den Raum: „Halit, was machst du mit der roten Farbe?“ Dann sieht er ihn hinter dem Tresen liegen. Sein einziger Sohn ist 21, als ihm seine Mörder zweimal in den Kopf schießen. Eindringlich schaut ?smail Yozgat hoch und spricht ruhig, aber mit Nachdruck. „Er ist in meinen Armen gestorben. Bis zu meinem Tod wird mein Geburtstag nicht mehr gefeiert.“

Es ist nicht Yozgat selbst, der da im restlos ausverkauften Brauhaus am Theater Bremen spricht, sondern ein Schauspieler. Aber er spricht für Yozgat, betonen die Organisatoren des dokumentarischen Theaterstücks „Die NSU-Monologe“. Dahinter steht die Initiative Theater für Menschenrechte. Mit dem vielfach aufgeführten Stück haben drei Hinterbliebene der NSU-Morde die Möglichkeit, ihre Erlebnisse von Verlust, Schikane, Enttäuschung und Behördenwillkür einem breiten Publikum näherzubringen.

Ohne weitere Erklärung

Die Macher haben mit den Hinterbliebenen lange Interviews geführt oder sich über Gerichtsakten und Berichte der Familien über ihre Geschichten informiert. An den Aussagen sei nichts verändert worden, betonen sie. Auch die Ausdrucksweise nicht. Am Cello eröffnet Vera Tacke die gut zweistündige Aufführung mit schweren, melancholischen Klängen. Hürdem Riethmüller spielt Adile ?im?ek, die Witwe des ersten Mordopfers Enver ?im?ek.

Sie erzählt, wie sich die beiden in der Türkei kennengelernt haben, nach Deutschland kamen, eine Familie und einen Blumenhandel gründeten. Sie erfährt vom Anschlag auf ihren Mann, weil Polizisten sie ohne weitere Erklärung als Verdächtige vernehmen. Er hat Schussverletzungen erlitten an der Hüfte und am Arm, am Auge und im Herzen. „Zwei Tage später haben sie die Maschinen ausgeschaltet“, erzählt sie.

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Idil Üner erzählt Elif Kuba??ks Geschichte. Gegen den Willen der Eltern heiratete sie ihre Jugendliebe Mehmet. In der Türkei drohten den kurdischen Aleviten Unterdrückung und Gewalt. Nach Mehmets Militärdienst flohen sie 1991 und fanden in Dortmund eine zweite Heimat. Mehmet liebte Fußball und verfolgte jedes BVB-Spiel, erzählt Kuba??k. Nach einem Schlaganfall gab er seinen alten Job als Bauarbeiter auf und eröffnete einen Kiosk.

Nachbarn rufen sie im April 2006 an, weil vor dem Laden Polizeiwagen stehen. Sie eilt hin, ein Rettungshelfer eröffnet ihr ohne Umschweife: „Ihr Mann ist in den Kopf geschossen worden.“ Mehmets Mutter erleidet einen Herzinfarkt. Do?a Gürer als ?smail Yozgat berichtet, wie er 1970 nach Deutschland kam. Er und seine Familie seien immer anständig gewesen und hätten stets gearbeitet. „Wir haben an Deutschland geglaubt“, spricht er hörbar enttäuscht.

Stundenlange Verhöre

Umso stolzer schwärmt er von seinem fleißigen, cleveren Sohn. Halit war von klein auf technikbegeistert. Er eröffnet ein Internetcafé und steht kurz davor, an der Abendschule sein Abitur zu machen. „Anschließend hätte er bestimmt Informatik studiert.“ Nach Halits Ermordung lassen seine Eltern ihn in der Türkei bestatten. Er hält inne. Seine Stimme klingt brüchig. „Ich habe meinen Sohn mit meinen eigenen Händen zu Grabe getragen.“

Als vierte Schauspielerin übernimmt Dilara Braun verschiedene Rollen wie die von Nachbarn, Polizisten, Juristen oder Politikern. Durch ihre Einwürfe bekommen die Monologe zuweilen einen Dialogcharakter. Manchmal erzählen die einzelnen Akteure langsam und detailliert ihre Geschichten, hin und wieder sprechen sie schnell im Wechsel. Die Stimmen werden lauter, Tackes Cellospiel wandelt sich in ein treibendes Stakkato.

Neben dem Verlust vereint die drei Familien, dass sie selbst verdächtigt werden, hinter den Morden zu stecken. Sie alle Berichten von stundenlangen Verhören und erniedrigenden Durchsuchungen, DNA-Tests und abgehörten Telefonen. Die Ermittler konfrontieren sie mit immer neuen Verdächtigungen: Eifersucht, Drogenhandel, organisiertes Verbrechen, Terrorismus.

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Die Hinterbliebenen gehen schnell davon aus, dass die Täter aus Ausländerhass gemordet haben. Erst, als die Wahrheit 2011 beginnt, allmählich ans Licht zu kommen, wird ihnen Glauben geschenkt. Die unzähligen Ermittlungspannen sind bekannt: geschredderte Akten, Zeugen mit unglaubwürdigen Gedächtnislücken und Hinweise, denen die Behörden schlicht nicht nachgegangen sind. Der Prozess gegen Zschäpe und andere Rechtsextremisten reicht ihnen nicht, zu viele Ungereimtheiten bleiben bestehen. „Es sind nicht nur diese Drei“, sagt ?im?ek mit Blick auf das NSU-Trio. „Wer steht hinter ihnen?“

Im April 2006 war Halit Yozgat das neunte und letzte Opfer der rassistischen Mordserie. „Manchmal glaube ich, wir hätten den Tod unseres Sohnes besser ertragen, wenn er nicht so ein wundervoller Mensch gewesen wäre“, klagt sein Vater. Die Scheinwerfer über den Schauspielern und der Cellistin gehen aus. Einzig Yozgat steht noch einige Sekunden im Rampenlicht, ehe die Bühne vollkommen dunkel wird. Seine Worte hallen nach. Es dauert ungewöhnlich lange, bis das Publikum zu applaudieren beginnt. Dann aber umso begeisterter.

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