Kritik an Schulgeldfreiheit Therapieschule für Physiotherapeuten befürchtet das Aus

Das Bremer Lehrinstitut für Physiotherapie übt scharfe Kritik daran, dass Auszubildende nur an drei von insgesamt vier Schulen kein Schulgeld mehr zahlen müssen. Es fordert die Übernahme der Kosten vom Land.
20.08.2019, 07:00
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Therapieschule für Physiotherapeuten befürchtet das Aus
Von Sabine Doll

Wie in der Pflege und anderen Therapieberufen herrscht akuter Fachkräftemangel. Das Bremer Lehrinstitut für Physiotherapie (Blipht), an dem nach eigenen Angaben gut 50 Prozent der Physiotherapeuten in Bremen ausgebildet werden, muss laut seinem Leiter allerdings um die Existenz bangen. „Ursprünglich sollte das monatliche Schulgeld für alle Therapieschulen in Bremen wegfallen. Das ist nicht der Fall, das Blipht und unsere Auszubildenden haben das Nachsehen. Deshalb fordern wir das Land auf, für Gleichstellung zu sorgen“, sagt Schulleiter Addy Balzer. Länder wie Niedersachsen, Hamburg und Schleswig-Holstein übernähmen die Ausbildungskosten, das verschärfe die Konkurrenz um Bewerber zusätzlich.

"Bremen hat bei der Schulgeldfreiheit ein Zweiklassensystem geschaffen."

Was den Schulleiter besonders ärgert: In Bremen gibt es mit dem Blipht insgesamt vier Schulen, an denen Physio- und Ergotherapeuten sowie Logopäden ausgebildet werden. Seit dem 1. Juni sind Schüler an den drei übrigen Schulen von den Ausbildungskosten befreit. Grund ist, dass der Klinikverbund Gesundheit Nord (Geno) die mehrheitliche Trägerschaft für diese Schulen übernommen hat. Eine solche Konstellation ist laut Krankenhausfinanzierungsgesetz Voraussetzung dafür, dass die Krankenkassen die Ausbildungskosten übernehmen. Balzer: „Für diese drei Schulen hat sich die damalige SPD-Gesundheitssenatorin Eva Quante-Brandt, die gleichzeitig Aufsichtsratsvorsitzende des städtischen Krankenhausträgers war, eingesetzt. Unsere Schüler sind auf der Strecke geblieben. Bremen hat bei der Schulgeldfreiheit ein Zweiklassensystem geschaffen.“ Am Blipht gebe es bereits jetzt 25 Prozent weniger Bewerber.

Derzeit müssen die Schüler nach Angaben des Leiters monatlich 248 Euro für die dreijährige Ausbildung überweisen, das Land zahlt einen Zuschuss von 217 Euro pro Monat. Für die anderen drei Schulen sind die Landesmittel mit dem Trägerwechsel im Juni weggefallen. Die Blipht-Schüler sollen die Zuschüsse noch bis Ende des Jahres erhalten – sofern die Schule kein Krankenhaus als mehrheitlichen Träger findet und damit die Ausbildungskosten von den Kassen übernommen werden.

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„Wir sind seit Längerem in Verhandlungen mit der Paracelsus-Klinik Bremen, eine Einigung ist nicht in Sicht. Zumal der Haustarifvertrag der Klinik keine Ausbildungsvergütung vorsieht, wie es im Gegensatz dazu der Tarifvertrag ermöglicht, den Verdi für die Auszubildenden an kommunalen Kliniken und an Unikliniken ausgehandelt hat“, sagt Balzer. „Ohne Klinik-Trägerschaft bedeutet das für unsere Schüler, dass sie ab 2020 wieder den vollen Betrag von 465 Euro Schulgeld monatlich zahlen müssten.“ Dies habe nichts mit Gleichstellung für die Schüler zu tun und gefährde zudem die Existenz der Schule. Pro Jahr machten gut 25 Auszubildende ihren Abschluss an der Schule. „Darauf kann Bremen nicht verzichten, deshalb fordern wir das Land auf, ebenso wie andere Bundesländer das Schulgeld komplett zu übernehmen. Das wären 35 000 Euro pro Monat“, rechnet Balzer vor und verweist auf den Koalitionsvertrag, in dem sich Rot-Grün-Rot zur Schulgeldfreiheit ab dem Ausbildungsjahr 2019/2020 bekenne.

CDU bestärkt Bremer Lehrinstitut

Unterstützung bekommt die Schule von der CDU-Fraktion: „Der neue Senat steht in der Pflicht, das Versprechen der ehemaligen SPD-Gesundheitssenatorin Quante-Brandt einzulösen: volle Übernahme der Kosten, um eine Schulgeldfreiheit für alle sicherzustellen, solange es noch keine bundesgesetzliche Regelung gibt“, fordert der gesundheitspolitische Sprecher der Fraktion, Rainer Bensch. Eine Nicht-Unterstützung des Blipht wäre sozial zutiefst ungerecht.

„Wir planen in Bremen die volle Schulgeldfreiheit für alle“, sagt die neue Gesundheitssenatorin Claudia Bernhard (Linke). Die Finanzierung über die Kassen sei der gerechteste Weg und werde weiter verfolgt. Das Blipht sei wichtiger Bestandteil der Physiotherapie-Ausbildung, die Behörde werde die Verhandlungen mit Klinikträgern und Kassen weiter unterstützen. „Ich bin zuversichtlich, dass es auch der Blipht-Schule gelingt, in den kommenden Wochen in die Trägerschaft eines Krankenhauses zu wechseln.“ Vergangene Woche habe es Gespräche zwischen den Partnern in der Behörde gegeben. „Derzeit geht es um Details des Vertrags. Von beiden Seiten wurde ausdrücklich gesagt, dass ein Betriebsübergang gewollt wird“, so Bernhard. Ziel bleibe, dass auch die Blipht-Schüler kein Schulgeld mehr zahlen müssten und ein Ausbildungsgehalt erhielten. Die Schule werde den Landeszuschuss zunächst weiter erhalten, betont die Senatorin.

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