Tödliche Schüsse in Gröpelingen „Die Polizisten retten ihr eigenes Leben“

Polizeigewerkschaftler Lüder Fasche äußert sich zur Kritik am Einsatz seiner Kollegen, bei dem in Gröpelingen ein Mensch ums Leben kam. Und spielt den Ball dabei an „bestimmte Bremer Politiker“ zurück.
24.06.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
„Die Polizisten retten ihr eigenes Leben“
Von Ralf Michel

Herr Fasche, im Fall des von einem Polizisten getöteten Mannes in Gröpelingen taucht in den sozialen Medien und aus Reihen der Politik immer wieder die Frage auf, ob die tödlichen Schüsse nicht vermeidbar gewesen wären. Etwa durch einen gezielten Schuss in die Beine. Sie haben dies als „Krimiwissen von Laien“ kritisiert. Was meinten Sie damit?

Lüder Fasche: In Filmen und Krimis vollbringen Schützen wahre Wunderdinge. Da werden schon mal gezielt Waffen aus der Hand geschossen oder Personen, die getroffen werden, fliegen im hohen Bogen nach hinten. Das hat mit dem wirklichen Leben nichts zu tun, prägt aber leider die Erwartungshaltung. Noch schlimmer: Viele Leute, selbst in der Politik, meinen, es besser zu wissen, weil sie das ja so aus dem Fernsehen kennen. Im Fernsehen spielt übrigens auch fast nie die Gefährdung Dritter eine Rolle. Messerangreifer werden im Film gerne mit bloßen Händen ­bekämpft. Jeder Profi hält das aber für Wahnsinn.

Wie werden Polizisten in der Ausbildung auf so eine Situation vorbereitet?

Neben dem sehr intensiven Schießtraining gibt es das sogenannte systemische Einsatztraining. Dort werden verschiedene Szenarien durchgespielt, auch solche mit Messer. Das Problem ist: Die Blaupause für jedes Szenario gibt es nicht. Am Ende müssen die Kollegen und Kolleginnen im Bruchteil einer Sekunde entscheiden.

Lesen Sie auch

Stimmt es, dass im Falle einer Messerattacke sogar ausdrücklich auf den Körper des Angreifers gezielt werden soll? Um ihn tatsächlich stoppen zu können?

Tatsache ist, das ein gezielter Schuss ins Bein auf einen Täter, der beispielsweise mit einem Messer auf einen zuläuft, nicht nur recht schwierig ist. Er bietet vor allem keinerlei Gewissheit, dass der Angriff dadurch unterbunden wird. In einer Notwehrsituation geht es aber um nichts anderes. Die Polizisten oder Polizistinnen retten ihr eigenes Leben. Um einen Messerangriff überhaupt noch abwehren zu können, muss man übrigens mindestens acht Meter Abstand halten, sonst reicht die Zeit nicht mehr zum Reagieren.

Nicht nur die Schüsse, auch das taktische Verhalten der Polizei insgesamt wird kritisiert. Die Jusos zum Beispiel fragen, warum der gesamte Einsatz so eskalieren konnte.

Wenn die Bremer Jusos nur das fragen würden, wäre es mehr als okay. Sie haben aber auch durch eine entsprechende erste Stellungnahme den Einschreitenden latenten Rassismus und Vorurteile unterstellt. Hierfür gibt es aber nicht die geringsten Ansatzpunkte. Fragen die sich mal, wie sich der junge Kollege derzeit fühlt, erst Recht wenn er so was lesen muss? Polizeiliches Handeln sollte nicht ideologisch bewertet werden. Und ob die Jusos wohl darüber nachgedacht haben, welche Folgen zum Beispiel eine Geiselnahme gehabt hätte?

Kritisiert wurde auch, dass der Mann immer wieder angeschrien wurde, das Messer fallen zu lassen. Dass er mit vorgehaltener Waffe eingekreist wurde. Und auch der Pfeffersprayeinsatz, der letztlich zum Auslöser für seine Attacke wurde. Hätten Ihre Kollegen da nicht anders, soll heißen behutsamer vorgehen können oder sogar müssen?

Allein schon die erwähnten acht Meter Sicherheitsdistanz erfordert eine laute und deutliche Ansprache. Von Einkreisen kann hier überhaupt keine Rede sein. Die Einschreitenden müssen nur aufpassen, nicht in eine mögliche Schussbahn zu laufen. Zwischen der Ansprache und einer Schussabgabe ist Pfefferspray die nächste und einzig zur Verfügung stehende Eskalationsstufe.

Und ihn ohne gezogene Waffe anzusprechen, wäre nicht möglich gewesen?

Auch eine waffenlose Ansprache kann solch ein Verhalten eines psychisch auffälligen Täters hervorrufen. Nur dass der Kollege sich dann nicht mehr verteidigen kann. Müsste man dann seiner Witwe und den Kindern erklären, warum er dieses Risiko einging.

Lesen Sie auch

Unabhängig von den internen Ermittlungen gegen den Schützen: Sehen Sie Konsequenzen, die aus diesem Vorfall gezogen werden sollten?

War Pfefferspray geeignet oder hätte ein Distanz-Elektroimpulsgerät das weitere Geschehen vielleicht verhindert? Die GdP fordert schon länger die Einführung des sogenannten Taser. Die ersten Bilder des Einsatzes lassen die Frage aufkommen, könnte der Mann noch leben, wenn bestimmte Bremer Politiker nicht immer wieder die Ausrüstung der Streifenwagen mit dem Gerät verschleppt hätten?

In jedem Fall gibt es also eine Menge Nachbereitungsbedarf?

Sie können sicher sein, dass dieser Einsatz noch mehr nachbereitet wird als jeder größere andere ohnehin schon. Man versucht immer, noch besser zu werden. Die Polizei selbst hat großes Interesse daran, dass ihre Beschäftigten, aber eben auch ihr Gegenüber durch polizeiliche Maßnahmen nicht zu Schaden kommen. Auch wenn alles rechtskonform ist, kann ein Einsatz mit einem Toten und einem vielleicht traumatisierten Beamten ja nicht wirklich als erfolgreich bezeichnet werden.

Das Gespräch führte Ralf Michel.

Info

Zur Person

Lüder Fasche ist 56 Jahre alt und Hauptkommissar bei der
Bremer Polizei. Seit 2018 ist er Landesvorsitzender der Gewerkschaft der Polizei (GdP).

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+