Einzelhandel in Bremen

Trendy-Shop im Bremer Hauptbahnhof muss schließen

Nach 19 Jahren: Der „Trendy“-Shop im Hauptbahnhof muss schließen, weil es die Deutsche Bahn so will.
19.01.2019, 18:18
Lesedauer: 3 Min
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Von Anke Velten

Der „Trendy“-Shop im Bremer Hauptbahnhof schließt zum Ende dieses Monats. Für eine Bremer Familie ist die Nachricht eine Katastrophe. 19 Jahre lang war das Geschäft in der Bahnhofspassage ihr Lebensmittelpunkt und ihre Existenzgrundlage. Von der Deutschen Bahn fühlt sich das Familienunternehmen schlecht behandelt.

„Alles muss raus!“, so steht es unübersehbar auf den Plakaten am Schaufenster. Taschen und Geldbörsen, Schals, Schuhe und Socken, Souvenirs und anderer Kleinkram locken Schnäppchenjäger an. In den Lagerräumen in Bahnhofsnähe wartet noch viel mehr. Viel zu viel, um es in der Kürze der Zeit noch unter die Leute zu bringen, erklärt Geschäftsleiter Omid Burhani.

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Im Jahr 2000 bezog der Trendy-Shop ein kleines Ladengeschäft im Bremer Hauptbahnhof, der damals noch eine Großbaustelle war. „Die ersten Jahre waren schwierig“, erinnert sich Burhani, der, damals 19-jährig, aus Leverkusen in die Bremer Filiale gewechselt war. 2009 übernahm das Unternehmen, das zeitweise deutschlandweit ein Netz von elf Ketten betrieb, die größeren ehemaligen Geschäftsräume von Photo Dose.

Die meisten der Filialen wurden nach und nach geschlossen, erklärt Burhani. Die Familie mit afghanischen Wurzeln übernahm den Bremer Standort und führte ihn in Eigenregie weiter. Neben Omid Burhani arbeiten zwei weitere Brüder, Schwester, Schwager, Cousins im Laden in Vollzeit oder stundenweise. Das Geschäft lief gut, konnte neun Angestellte und deren Familien ernähren. „Es ist alles, was wir haben“, erklärt der Groß- und Einzelhandelskaufmann.

Viele Stammkunden

Im Sommer des vergangenen Jahres standen neue Verhandlungen mit den Vermietern an. „Wir hatten keinen Grund, anzunehmen, dass der Vertrag nicht verlängert wird“, berichtet der 38-jährige Vater von zwei Kindern. Die Miete habe man stets pünktlich bezahlt, habe gegen keine Regel verstoßen, sich jederzeit kooperativ verhalten. So wurde auf Wunsch des Managements das Sortiment umgestellt, aus einem reinen Geschenkartikel-Shop wurde ein Kaufladen für alles Mögliche, das die spezielle Zielgruppe gebrauchen könnte. „Es ist ein Geschäft, das so nur hier funktioniert“, weiß Burhani.

Die Kundschaft sind Fahrgäste, die die Zeit bis zum nächsten Anschlusszug verbringen, Touristen, die hier Bremen-Souvenirs und andere Mitbringsel finden, Werder-Fans, die sich vor dem Spiel noch mit einem Schal oder einer Mütze eindecken. Rund ein Viertel sind nach Burhanis Schätzung aber auch Stammkunden, die wissen, dass sie hier auch am Wochenende günstige Accessoires, originelle Präsente und Handy-Zubehör bekommen.

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Vom neuen Konzept, sagt Burhani, habe sich das Bahnmanagement zunächst angetan gezeigt: Es sah einen Ladenumbau mit neuem Boden, Decke und Beleuchtung vor, und eine weitere Schwerpunktverlagerung in Richtung Reisebedarf, Bremensien und Werder-Fanshop. Im Juli 2018 teilte man dem Unternehmen allerdings mit, dass das Konzept abgelehnt sei. „Ohne Begründung“, so der Kaufmann. „Alle anderen Geschäfte bekamen eine Vertragsverlängerung. Nur wir nicht.“

Bahn möchte keine weitere Zusammenarbeit

Im Oktober habe man durch Zufall erfahren, dass der 110-Quadratmeter Standort anderweitig angeboten wurde. „Wir wären mit einer Mieterhöhung einverstanden gewesen. Wir wären auch bereit gewesen, im Tausch in ein kleineres Ladengeschäft zu ziehen“, erklärt Burhani. Der Schock kam wenige Tage vor Weihnachten per Telefon aus der Bahn-Zentrale: „Es hieß: Wir wollen nicht mehr mit Ihnen zusammenarbeiten.“

Am 6. Januar folgte die Mitteilung, dass der Laden bis Ende des Monats zu räumen sei. Die Entscheidung sei mit einem Branchenwechsel erklärt worden. „Alle finden es immer so toll, wenn kleine selbstständige Familienunternehmen funktionieren“, sagt er. „Doch weil kein großer Konzern hinter uns steht, haben wir auch keine Chance, uns zu wehren.“

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Die Deutsche Bahn werde den Branchenmix in diesen und im kommenden Jahren gemäß der Kundenbedürfnisse und anhand wirtschaftlicher Rahmenbedingungen optimieren, heißt es dazu aus der Bahnzentrale in Hamburg. An Wettbewerbern mangelt es nicht: Wegen seiner Lage und der Reisendenfrequenz sei der Bremer Hauptbahnhof „ein sehr interessanter Einzelhandels-, Dienstleistungs- und Gastronomiestandort“, erklärt eine Bahnsprecherin.

„Entsprechend hoch ist die Nachfrage nach angebotenen Mietflächen.“ Bereits 2001 hatte sich die Deutsche Bahn die „Optimierung der Vermarktung“ auf ihre Fahnen geschrieben. Die sogenannte „Offensive Bahn“ verfolgt dafür „die Steigerung der Umsatzmieten durch Optimierung des Branchenmix“, wie es im Geschäftsbericht der DB Station & Service AG heißt.

„Haben die eigentlich kein schlechtes Gewissen?“, fragt Omid Burhani. „19 Jahre lang haben wir hier gut gearbeitet, haben alle Höhen und Tiefen im Bahnhof mitgemacht, und in drei Wochen ist alles kaputt.“ Wie es nach dem 31. Januar weitergehen soll, weiß er nicht. Es war noch keine Zeit, sich darüber Gedanken zu machen.

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