Archäologen untersuchen Stephanikirchhof

Alte Gräber freigelegt

Seit September laufen Grabungsarbeiten auf dem Stephanikirchhof. Nun haben die Archäologen 30 alte Gräber mit vielen Gebeinen entdeckt., die nach vorheriger Analyse würdig bestattet werden sollen.
19.11.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Alte Gräber freigelegt
Von Sigrid Schuer
Alte Gräber freigelegt

Die Gebeine könnten älter als 200 Jahre sein.

Frank Thomas Koch

Diejenigen, die in diesen Tagen am Stephanikirchhof entlang flanieren, um an der Weser frische Luft zu schnappen, könnte ein Gefühl wie in William Shakespeares „Hamlet“ beschleichen. Eine Szene der Tragödie spielt auf einem Friedhof. Und Hamlet, der Dänenprinz, philosophiert mit einem Totenschädel in der Hand über Leben und Tod. Nun ist der Dänenprinz zwar nicht in persona auf dem weitreichend umzäunten Stephanikirchhof zu sehen, wohl aber mehrere Skelette samt Totenköpfen. Unter den wachsamen Augen von Grabungsleiterin Claudia Maria Melisch legt ihr Berliner Spezialistenteam ganz behutsam mit kleinen Schaufeln und großen Pinseln peu à peu die menschlichen Überreste frei. „Wir haben hier 30 Gräber gefunden“, erläutert sie. „Hier wurden ab Mitte des 12. Jahrhunderts bis Ende des 18. Jahrhunderts Bestattungen vorgenommen“. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts sei das dann im französisch besetzten Bremen per Dekret des Kaisers Napoleon Bonaparte untersagt worden, fügt Landesarchäologe Dieter Bischop hinzu. Das deute darauf hin, dass die gefundenen Knochen älter als 200 Jahre seien. „Die Bergung und Erstversorgung der Gebeine ist nicht ganz einfach“, räumt Melisch ein.

Nachdem die menschlichen Überreste geborgen worden sind, sollen sie, nach einer gründlichen Analyse von Anthropologen, wohl im Frühjahr nächsten Jahres auf geweihtem Grund erneut beigesetzt werden. Bis dahin werden die rund 100 Kisten mit Gebeinen, die seit September dieses Jahres ausgegraben und von Mitgliedern der evangelischen Studierendengemeinde sortiert worden sind, sorgsam verwahrt. Rund 13 Sattelschlepper Sand sind seit Beginn der Grabungsarbeiten in Richtung Friedhof abtransportiert worden. „Denn dieses ist kein normaler Sand, der einfach so wieder verbaut werden dürfte“, erklärt Dieter Bischop. Auch wenn die menschlichen Überreste inzwischen aus der geweihten Erde heraus gesiebt wurden. „Wir haben die Gebeine von Frühchen, Babys und Erwachsenen entdeckt“, sagt der Landesarchäologe. Die menschlichen Überreste gäben Aufschluss über das harte, von Entbehrungen geprägte Leben der bestatteten Fischer und Hafenarbeiter und deren Krankheiten, erläutert er. So sei an Abschleifungen an den Gebissen zu erkennen gewesen, dass Netze mit Zähnen geknüpft und repariert worden seien. „Grabbeigaben haben wir nicht gefunden, höchstens Perlmuttknöpfe oder oxidierte Bronzenadeln, mit denen Totenhemden zusammengehalten wurden. Dafür aber Sarg-Griffe“, sagt er. Pfarrer oder Begüterte wie Kirchenbauherren hatten das Privileg, sich in der Kirche bestatten zu lassen.

Seit dem frühen Mittelalter seien die Gräber übereinander geschichtet worden. Die Toten wurden mit dem Gesicht nach Osten hin begraben. „In die Richtung, wo die Sonne aufgeht und wo die Toten einmal auferstehen sollen“, erläutert Diemut Meyer, leitende Pastorin der Kulturkirche. Die Gebeine seien bei den verheerenden Bombenangriffen des Zweiten Weltkrieges kräftig durcheinander geschüttelt worden, sagt Bischop. Erst kürzlich war auf dem Gelände des Stephanikirchhofes eine alte TNT-Bombe gefunden worden, die abtransportiert und auf einem Areal am Rande der Stadt kontrolliert gesprengt worden war. Der Grund der Grabungsarbeiten: Die Bremische Evangelische Kirche (BEK) hat rund 450 000 Euro zur Umgestaltung des Stephanikirchhofes bewilligt.

Von Fliegerbomben und Skeletten - 90 KIsten mit Gebeinen ua. aus dem Mittelalter - St. Stephani

Grabungsleiterin Claudia Maria Melisch legt behutsam Gebeine frei.

Foto: Frank Thomas Koch

Ob dieser Rahmen allerdings, bedingt durch die mit Mehrkosten verbundenen, archäologischen Funde gehalten werden kann, sei jedoch fraglich, räumte Antje Wittenberg, stellvertretende Leiterin der Architekturabteilung der BEK bei einer offiziellen Begehung ein. Die Kirche möchte sich mit diesem Projekt zur Weser und damit zur Stadt weiter öffnen. Geplant ist eine Fortsetzung der vor zwei Jahren direkt an der Weser angelegten Stephaniterrassen bis hinauf zum Kircheneingang. Schon jetzt lässt sich erahnen, welch ein Gewinn im Frühjahrssonnenschein, etwa in den Konzertpausen außerhalb der Kulturkirche St. Stephani, hier der Aufenthalt sein wird. An der Seite der Ausgrabungsstelle liegen dicke Quader von Renaissancebauten und Speicherhäusern, die bei früheren Bauarbeiten geborgen werden konnten. Sie sollen in das geplante Stufenbauwerk mit integriert werden, wie Bauleiter und Landschaftsarchitekt Georg Heinemann erläutert.

Bischop schilderte, wie die alliierten Bomberpiloten an jenem verhängnisvollen 18. August 1944 ganze Arbeit geleistet und das Stephani-Viertel in Schutt und Asche gelegt hatten. „Es war sicher so, dass sie die ehemalige Adolf-Hitler-Brücke (heute Stephanibrücke) und das Hafen-Gebiet treffen wollten. Und dazu diente ihnen die Stephani-Kirche als Orientierungspunkt“. Auch die Kirche selbst sank im Brandbomben-Hagel in sich zusammen. „Lediglich der Kirchturm blieb stehen wie ein Fingerzeig Gottes in dem niedergemachten Gebäude“, so formuliert es der Landesarchäologe.

Außerdem wurden bei den Grabungsarbeiten mittelalterliche Mauerreste sowie eine alte Treppenanlage aus dem 17. Jahrhundert frei gelegt. Aber auch ein Puttengesichtchen wurde gefunden. Anders als die bei Bombenangriffen völlig zerstörte Sankt Ansgarii-Kirche im Herzen der Stadt, die nicht wieder aufgebaut wurde, hätten sich die Gemeindemitglieder von St. Stephani doch relativ schnell wieder berappelt. Zügig sei mit dem Wiederaufbau begonnen worden, zunächst sei ein Notdach errichtet worden, erläutert Bischop. Das Südschiff wurde allerdings nicht wieder aufgebaut. Immerhin sei die Wilhadi/Stephani-Kirche mit 18 Altären eine der größten Bremens gewesen, betont der Landesarchäologe. „Der Südturm, vor dem sich das Gräberfeld befindet, ist im Laufe der Jahrhunderte immer wieder beschädigt worden“, erläuterter. Im 13. Jahrhundert sei er gar abgebrannt. 1647 habe der Bauherr Arend Meyer dafür gesorgt, dass der Südturm mit einem Pfeiler gestützt werden konnte. 1890 wurde der Südturm schließlich grundsaniert und vor Kurzem ein weiteres Mal einer Überholung unterzogen. Diemut Meyer betont, dass St. Stephani im Zuge der Reformation bereits 1526 zur evangelischen Kirche wurde. Und sagt abschließend, dass diese Funde ja auch irgendwie in den Trauermonat November passten, zwischen Volkstrauertag und Totensonntag.

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