Hochkarätig besetzte Diskussion

Doch kein großer Wurf für die Bremer City?

Die Bremer Innenstadt bleibt ein Sorgenkind. Viele Einzelhändler, die im Zuge der Corona-Krise die Segel streichen mussten, beklagen, dass der Umbau kaum voran geht. Experten zogen Bilanz beim Beirat Mitte.
21.12.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
Zur Merkliste
Doch kein großer Wurf für die Bremer City?
Von Sigrid Schuer
Doch kein großer Wurf für die Bremer City?

Geschmückt, aber ausgestorben: Die Lloydpassage führt zur geschlossenen Galeria Kaufhof, die eine Schlüsselrolle in der Entwicklung der City spielt.

Roland Scheitz

Die Liste inhabergeführter Geschäfte ist lang, denen die Corona-Krise in diesem Jahr den Rest gegeben hat. Die Bremer Innenstadt gleicht inzwischen einem mit Leerständen durchsetzten Flickenteppich. Und immer wieder wird von Seiten der Einzelhandelskaufleute dieselbe Fehlentwicklung kritisiert: Der Umbau der City komme einfach nicht voran, alles dauere viel zu lang. Dass die Pläne von Kurt Zech auf unbestimmte Zeit auf Eis gelegt sind, wurde in der mittlerweile fünften, dieses Mal virtuellen Diskussionsrunde des Beirates Mitte zum Umbau der Innenstadt von Verleger Klaus Kellner kritisiert.

Gabriele Nießen, Staatsrätin für Stadtentwicklung und Wohnungsbau, wiegelte ab und verwies auf die Schließung der Galeria Kaufhof, ursprünglich ein Baustein der Zech-Pläne. Wie sich die Zwischennutzung entwickele, gelte es nun abzuwarten, bilanzierte der in Amsterdam tätige Architekt Christoph Grafe, zudem Professor für Architekturgeschichte/Theorie in Wuppertal. Grafe bildete mit Nießen und dem Architekten und Projektentwickler Alexis Angelis die hochkarätig besetzte Diskussionsrunde.

Lesen Sie auch

Nießen nannte Angelis „einen Visionär“, mit dem sie als Oldenburger Stadtbaurätin die Umnutzung des leer stehenden Hertie-Kaufhauses zu dem ambitionierten Projekt „Core“ gegen viele Widerstände durchgefochten habe. Oldenburgs kleinteilige Innenstadt mit einer größeren Anzahl von inhabergeführten Geschäften gilt vielen als beispielhaft. Grafe gab allerdings auch zu bedenken, dass in der Bremer Innenstadt ganz andere Quadratmeter-Zahlen aufgerufen werden: 36 000 Quadratmeter für Karstadt und 24 000 Quadratmeter für Galeria Kaufhof.

Staatsrätin Nießen wurde jedoch nicht müde, zu betonen, dass Oldenburg eigentlich gar keine Gesamtstrategie für die Innenstadt-Entwicklung habe, mit Ausnahme des „Core“-Projektes. Es gelte, die Stadt neu zu denken, denn die Gesellschaft befinde sich in einem radikalen Wandel, so Angelis. Der Projektentwickler erwarb das leer stehende Kaufhaus in Oldenburg. Das Projekt wird via Crowdfunding realisiert. Im kommenden Jahr will er eine Markthalle mit Streetfood-Angebot samt Eventfläche und mietbarer Küche sowie Platz für Pop-up-Stores im Erdgeschoss etablieren. Im Rest des Kaufhauses soll unter anderem Raum fürs Coworking geschaffen werden. Die Zauberworte, die auch in der Hansestadt gern gehört werden: Kleinteiligkeit und Durchmischung.

Bremen sehr gut aufgestellt

Und Nießen wurde nicht müde, zu betonen, dass Bremen etwa mit der Entwicklung des Tabakquartiers und des Kellogg-Areals sehr gut aufgestellt sei. Und für die City gebe es ja das Aktionsprogramm Innenstadt, die Ausweisung als Städtebaufördergebiet sowie die Fortschreibung des Verkehrsentwicklungsplans.

Brigitte Olbrich (SPD) und Ortsamtsleiterin Hellena Harttung betonten jedoch, dass der Eindruck entstehe, dass es an der nötigen Vernetzung der einzelnen Maßnahmen fehle. Das Wohnen in der Innenstadt, so wie es Grafe anhand anderer Städte vorstellte, sei jedenfalls in Bremen noch nicht angekommen. Nießen räumte ein, dass das entsprechende Planungsrecht dafür noch nicht geschaffen worden sei. Von Olbrichs und Harttungs Seite kam die Forderung, eine koordinierende Stabsstelle einzurichten.

Lesen Sie auch

Nießen ist nach eigenen Worten ein großer Fan der klimafreundlichen Erhaltung sogenannter „Grauer Energie“, also der Umnutzung leer stehender Bestandsgebäude. Die ist für Grafe Chance und Zukunftsvision zugleich. Was in dieser Hinsicht möglich ist, demonstrierte er an beeindruckenden architektonischen Beispielen aus ganz Europa. Er gab aber auch einen historischen Abriss der extrem eng begrenzten Bremer City. Sein Credo: „Wir müssen Architektur, die zur Stadt gehört, entwickeln.“ Und ein weiteres: „Eine Stadt ohne Eigensinn verliert ihre Anziehungskraft.“

Königsweg für Bremen

Grafe und Nießen waren sich darin einig, dass das auch ein Königsweg für Bremen sein könnte. Schließlich hat in der Hansestadt Klaus Hübotter über Jahrzehnte hinweg Pionierarbeit geleistet, die sich oft genug zäh gestaltete, wenn der Bauunternehmer beispielsweise gegen den bereits beschlossenen Abriss der Villa Ichon, des Schlachthofes und des Sendesaals kämpfen musste.

Hübotter und Grafe sind sich jedenfalls in ihrer Kritik an der Tabula rasa der Moderne einig. „Es braucht nicht unbedingt den großen Wurf für die Bremer Innenstadt. Wir müssen uns davon verabschieden, dass es einen Messias gibt“, betonte Grafe und zitierte WESER-KURIER-Reporter Jürgen Hinrichs, der jüngst von einer Evolution anstatt einer Revolution geschrieben hatte.

Lesen Sie auch

Die vom Senat gekippten Libeskind-Entwürfe auf dem Sparkassen-Areal am Brill bezeichnete er als „Pipifax-Türme“. Auch Nießen begrüßt den Paradigmenwechsel dort. Ein Bauvorbescheid sei bereits erteilt worden. Grafe setzt vielmehr auf den Werkstatt-Charakter, wenn die Stadt zum permanenten Baufeld werde oder auch auf eine integrierte Stadtentwicklung, wie Nießen sie bevorzuge. Dann, so Grafe, sei die Intelligenz von Entwerfern und Architekten gefragt, Dinge auszutarieren.

Denn, das prophezeite Ex-Ortsamtsleiter Robert Bücking, es werde im Zuge der Verwerfungen durch die Pandemie zu einer massiven Entwertung der extrem teuren Innenstadt-Immobilien kommen. Und Angelis ergänzte: Es laufe darauf hinaus, dass es schon bald mehr Angebot als Nachfrage gebe und dass sich dadurch Nischen und somit Chancen der Belebung auftäten. Schon jetzt ist geplant, dass leer stehende Flächen durch den Senat angemietet und an junge Start-up-Unternehmen weiter vermietet werden. Nießen räumte aber auch ein, dass es schwierig sein dürfte, die ungebremste Preisspirale nach oben zu durchbrechen. Die Möglichkeit, verstärkt mit Erbpacht zu arbeiten, sei aber im Koalitionsvertrag festgeschrieben worden.

Lesen Sie auch

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+