Umfrage der Elternvertretung

Jede zweite Bremer Familie erhält Notbetreuung

Jede zweite befragte Familie in Bremen hat einen Notbetreuungsplatz, fast jede dritte betreut die Kinder ganz oder teilweise parallel zum Homeoffice. Das geht aus einer Umfrage der Elternvertretung hervor.
09.06.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Jede zweite Bremer Familie erhält Notbetreuung
Von Sara Sundermann
Jede zweite Bremer Familie erhält Notbetreuung

Kinderbetreuung im Homeoffice – so sieht für viele Eltern der Alltag in Corona-Zeiten aus.

Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Wie ist es Eltern mit kleinen Kindern in Zeiten von Corona bislang ergangen? Wer nimmt Notbetreuung in Anspruch? Danach hat die Zentrale Elternvertretung (ZEV) Bremer Familien in einer Online-Umfrage befragt. Mehr als 1900 Eltern beteiligten sich, demnach sind die Ergebnisse laut ZEV für Bremen annähernd repräsentativ. „Wir wollten ein Sprachrohr sein und Eltern die Möglichkeit geben, sich zu äußern“, sagt Ann-Kathrin Rohde vom ZEV-Vorstand.

Wie wurde die Kinderbetreuung in den meisten Familien zuletzt organisiert? Etwa 50 Prozent der befragten Eltern geben an, dass sie einen Notbetreuungsplatz haben. 40 Prozent betreuen ihre Kinder ganz oder teilweise zu Hause. Knapp 28 Prozent betreuen ihre Kinder ganz oder teilweise parallel zu ihrer Berufstätigkeit im Homeoffice. Und bei acht Prozent der Befragten helfen Familienangehörige bei der Betreuung. Bei dieser Frage waren Mehrfachnennungen möglich.

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„Die Voraussetzungen der Eltern sind sehr unterschiedlich, genauso wie die Meinungen zum Umgang mit der Pandemie. Manche sagen, wir brauchen die ganzen Einschränkungen nicht mehr, anderen gehen die Lockerungen zu weit“, sagt Rohde. „Nicht für alle ist die Lage schwierig, aber aus den Anmerkungen mancher Eltern sprach Verzweiflung.“ Für eine besonders schwierige Situation sorgte die Corona-Krise bei Fara Hadi und ihrem Partner: „Ich habe in der Elternzeit meinen Job verloren aufgrund der Insolvenz meines Arbeitgebers“, sagt die 32-Jährige, die zuvor als Flugbegleiterin arbeitete. Sie hätte in Zeiten von Corona nach einer neuen Arbeit suchen müssen – doch das war gar nicht möglich, denn die Kitas waren dicht. Wer hätte das Kind betreuen sollen? Ihr Freund arbeitet Vollzeit.

„Ich konnte keinen Job suchen, selbst vor Corona nicht“, sagt Hadid. Ihr fast zweijähriger Sohn hatte zwar seit August einen Kita-Platz. „Aber in diesem Kita-Jahr ist er auch vor Corona insgesamt nur etwa drei Monate dort betreut worden, weil immer Kita-Mitarbeiter krank wurden und Personal fehlt.“ Die Mutter sagt: „Corona war für uns das i-Tüpfelchen auf der Katastrophe.“ Hadi will nun ab Mitte Juli eine Umschulung zur Fachinformatikerin beginnen, doch auch die Umschulung läuft in Vollzeit. „Mein Freund und ich grübeln jeden Tag, wie wir das machen sollen mit der Betreuung, wir werden dann etwa zeitgleich arbeiten“, sagt sie.

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Wie viel Notbetreuung bekamen Familien zuletzt? Die Hälfte der Kinder mit einem Notbetreuungsplatz ist laut den Ergebnissen des ZEV fünf Tage pro Woche in der Kita, die andere Hälfte zwei, drei oder vier Tage pro Woche. Dabei wird anhand der Umfrage erkennbar: Obwohl es in Bremen verschiedene Kriterien gibt, aufgrund derer Eltern einen Notbetreuungsplatz erhalten können, nehmen dies vor allem Eltern aus systemrelevanten Berufen wahr. 60 Prozent der Befragten mit Notbetreuung arbeiten in einem solchen Bereich.

18 Prozent nennen ihre Vollberufstätigkeit als Grund, weshalb sie eine Notbetreuung bekommen. Zehn Prozent bekamen den Platz, weil sie als Härtefall gelten, also zum Beispiel aufgrund einer Krankheit oder weil sie alleinerziehend sind. Und fast 15 Prozent hätten gern einen Notbetreuungsplatz, sehen aber keine Chance, einen Platz zu erhalten und haben ihn daher bisher nicht beantragt.

Die Umfrage wirft zudem ein Licht auf eine Elterngruppe, die noch nicht viel öffentlich vorkam: Eltern, deren Kind sonst in eine Kita gehen würde, die aber keinen Bedarf für Notbetreuung angemeldet haben. Über 19 Prozent geben an, dass sie ihre Kinder nicht in die Notbetreuung geben wollen und die Betreuung so lange wie möglich zu Hause aufrechterhalten wollen. Dafür könne es unterschiedliche Gründe geben, sagt Rohde, zum Beispiel Angst vor Ansteckung, aber auch Solidarität: Manche hielten sich zurück, weil andere die Betreuung dringender benötigten.

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Und fast jede zehnte Familie (neun Prozent der Befragten) gibt an, einen Notbetreuungsplatz beantragt, aber nicht bekommen zu haben. Häufige Gründe für die Ablehnung sind laut den Umfrage-Ergebnissen, dass Kitas die Angabe machten, alle Plätze seien bereits belegt oder dass kein Anspruch bestehe, weil im Homeoffice gearbeitet werde. Doch trotz Homeoffice müssen Kinder betreut werden. Natalie de Gregorio und ihr Mann haben zwei Kinder und arbeiten derzeit beide von zu Hause aus.

Die beiden haben für ihren anderthalbjährigen Sohn eine Betreuung auch in Corona-Zeiten: Sie engagierten ein Au-Pair-Mädchen, das bei ihnen wohnt und auf den Jüngsten aufpasst. Doch dessen vierjährige Schwester pendelt seit der Kita-Schließung zwischen den Schreibtischen von Mutter und Vater hin und her, erzählt die Kommunikationsdesignerin: „Am Anfang fühlte sich das gut an, wir dachten, das schaffen wir.“ Aber später sei deutlich geworden, wie schwierig die Situation besonders für die vierjährige Tochter sei. „Für sie hat sich einfach alles verändert, und wenn wir arbeiten, wird sie eben nur versorgt und nicht betreut.“

Die Ergebnisse ihrer Umfrage hat die Elternvertretung dem Bremer Bürgermeister und der Bildungssenatorin am Montag überreicht. Ihre Hauptbotschaft: „Es muss eine transparente, rechtzeitige Kommunikation dazu geben, wie es weitergeht“, sagt Rohde. Für die mittelfristige Zukunft sollten mögliche Szenarien mitgeteilt werden. „Eltern möchten wissen, was auf sie zukommt.“

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