Gefahr bei Wespenstichen

Unverzichtbar, aber knapp

Wespen haben im Sommer Hochsaison. Für Allergiker kann der Stich lebensgefährlich sein. Notfall-Medikamente, sogenannte Adrenalin-Pens, helfen. Diese sind in Bremer Apotheken aber Mangelware.
03.09.2018, 05:29
Lesedauer: 3 Min
Zur Merkliste
Unverzichtbar, aber knapp
Von Marlo Mintel

Sommerzeit ist Wespenzeit. Grillfleisch, süße Säfte oder Kuchen locken die schwarzgelben Insekten an. Fühlen sie sich bei ihrer Futtersuche bedroht, stechen die Wespen zu. Das ist unangenehm und schmerzhaft. Die Stiche schwellen schnell an, jucken penetrant. Sie sind für die meisten Menschen ungefährlich – nicht für Allergiker. Die anaphylaktischen Reaktionen können lebensbedrohlich sein. Daher sollten Allergiker ihren Adrenalin-Pen immer bei sich tragen, den sie sich im Notfall in den Oberschenkel rammen. Der Pen ist unverzichtbar, aber knapp. Bremer Apotheken klagen über einen Engpass.

Sebastian Köhler wartet sehnsüchtig auf Nachschub. Adrenalin-Pens hat der Leiter der Horner Apotheke derzeit keine. So extrem sei es noch nie gewesen, beklagt er. „Wir haben uns ins Deutschland daran gewöhnt, dass immer alles verfügbar ist. Wenn aber auf einmal etwas nicht lieferbar ist, merkt man, wie abhängig man davon ist.“ Der Apotheker muss seine Kunden vertrösten. „Begeistert sind die nicht“, berichtet er. Fünf bis sechs Wespenallergiker stehen auf der Warteliste. Wann Köhler die nächste Lieferung der Notfallmedikamente bekommt, kann er nicht genau sagen. „Wohl im September“, schätzt der 39-Jährige und beruft sich auf Zahlen des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte. Der letzte Pen, den Köhler vorrätig hatte, kam vor ein paar Wochen zum Einsatz. Ein Notfall. Eine Frau kollabierte in der Apotheke an der Horner Heerstraße, nachdem sie zuvor von einer Wespe gestochen worden war. Sie hatte schon in der Vergangenheit darauf allergisch reagiert.

Einen ähnlichen Fall erlebte die 58 Jahre alte Bettina von Aderkas vor rund drei Wochen in ihrem Geschäft. Zusammen mit ihrer Tochter Valesca leitet sie die Ring-Apotheke in Schwachhausen. Eine Frau betrat den Laden. Atemnot, Ausschlag, geschwollene Lippen: ein anaphylaktischer Schock. „Ihre Zunge war so dick. Das kann man sich gar nicht vorstellen“, erinnert sich von Aderkas. Die Frau wurde auf einer Fahrradtour durch das Blockland von einer Wespe gestochen. Ihr Glück: In der Ring-Apotheke hielt sich eine Frauenärztin vom Krankenhaus Diako auf, die sich um die Betroffene kümmerte, bis der Notarzt eintraf und die Frau ins Krankenhaus brachte. In der Ring-Apotheke sind die Adrenalin-Pens seit vier Wochen nicht vorhanden. „Es reicht hinten und vorne nicht“, bemängelt von Aderkas. Sie stimmt ihrem Kollegen aus Horn zu: „Es ist wirklich extrem in diesem Jahr.“

Das sieht Thomas Real, stellvertretender Vorsitzender des Bremer Apothekenverbandes und Inhaber der Raths-Apotheke, anders. Seiner Meinung nach treten die Engpässe bei Adrenalin-Pens regelmäßig auf. „Alle zwei, drei Jahre. Das ist nix Neues“, sagt er. Am Freitag hatte er in seinem Geschäft noch zwei Pens vorrätig. Die Apotheken bekommen derzeit nur Einzelmengen und das häufig mit vielen Tagen Verzögerung. „Wenn Sie immer nur eine Packung direkt beim Hersteller einkaufen, ist das natürlich ein immenser Arbeitsaufwand“, sagt Real. „Für den Notfallpatienten macht man das aber natürlich gerne.“ Aktuell sei die Situation rund um die Adrenalin-Pens aber „nicht ganz einfach“. „Für den Allergiker, der abgesichert sein möchte, ist das natürlich blöd.“

Zu einem Notfall-Set für Allergiker gehören in der Regel drei Bestandteile: ein Anti-Allergikum, ein Kortison-Medikament in flüssiger Form und der Adrenalin-Pen. Thomas Real warnt: „Selbst dann, wenn der Pen zum Einsatz kommt, ist nicht alles gut. Nur durch den Pen hat ein starker Wespenstichallergiker überhaupt die Chance, zu überleben, bis der Notarzt eintrifft.“ Die Notfallmedikamente helfen, den Kreislauf zu stabilisieren, Schwellungen zu vermindern und das Atmen zu erleichtern.

Marktführer bei den Adrenalin-Pens ist „Fastjekt“. Produziert wird es vom Pharmakonzern Pfizer mit Hauptsitz in New York. Pfizer Deutschland erklärt auf Nachfrage des WESER-KURIER, Prozessänderungen hätten die Kapazitäten der Produktionsstätten zeitweise begrenzt, zudem warte Pfizer auf Lieferungen bestimmter Komponenten durch Drittanbieter. „Wir arbeiten intensiv an einer Lösung, wie wir schnellstmöglich die Produktion hochfahren und die Lieferung beschleunigen können“, heißt es. Pfizer lässt offen, wann die Lieferengpässe behoben sein werden.

Apotheker Thomas Real führt die Knappheit auch auf die hohe Nachfrage zurück. Der Grund: Es gibt eine Warnung vor einer Blockade des Emerade-Pens bei Auslösung. Bausch & Lomb, das Unternehmen hinter Emerade, informierte in Abstimmung mit der Arzneimittelkommission der Deutschen Apotheken, dass Allergiker künftig zwei Pens bei sich tragen müssen. Das Verhalten der Wespen sei keine Ursache für die Engpässe, sagt Real. „Sie sind nicht aggressiver als sonst. Es sind einfach mehr Wespen.“

Nach einem Wespenstich sollten Allergiker schnell handeln und nicht davor zurückschrecken, einen Arzt zu kontaktieren. Dazu rät der Horner Apotheker Sebastian Köhler. „Das Schlimmste ist der Zeitverlust, wenn man denkt, dass es mich diesmal schon nicht treffen wird. Zeit ist alles. Lieber einmal den Notarzt zu viel als zu wenig anrufen.“

Wenn es nach Ursula Sellerberg, Sprecherin der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände, geht, können auch Produkte im Notfall eine Lösung sein, die das Verfallsdatum schon überschritten haben. „Wenn man nur einen alten Pen hat und keinen neuen bekommt, kann man auch den alten noch benutzen."

Jetzt sichern: Wir schenken Ihnen 1 Monat WK+!
Mehr zum Thema
Lesermeinungen

Das könnte Sie auch interessieren

Das Beste mit WK+