Virus durchkreuzt Pläne für Herbsturlaub

Corona-Testkapazitäten sind in Bremen ausgelastet

Negative Corona-Nachweise für eine Urlaubsreise von Bremen in andere Bundesländer haben in den Laboren keine Priorität. Zu spät vorliegende Testergebnisse dürften die Folge sein.
09.10.2020, 05:00
Lesedauer: 3 Min
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Corona-Testkapazitäten sind in Bremen ausgelastet
Von Timo Thalmann
Corona-Testkapazitäten sind in Bremen ausgelastet

Es gibt keine ausreichenden Testkapazitäten für jeden erwünscht negativen Corona-Nachweis zum Reiseantritt.

Frank Thomas Koch

Die vorhandenen Testkapazitäten werden nicht ausreichen, um jeden auf Corona zu testen, der wegen einer Reise einen Nachweis erbringen will, nicht erkrankt zu sein. „Wir sind aktuell am Anschlag der Möglichkeiten und eigentlich schon darüber hinaus“, sagt Andreas Gerritzen, Geschäftsführer des Medizinischen Labors Bremen.

Auf rund 1000 Tests pro Tag beziffert Gerritzen die Kapazität seines Unternehmens, das zugleich das größte Labor dieser Art in Bremen ist. Mit entsprechendem Mitarbeitereinsatz seien auch schon 1200 Proben am Tag bewältigt worden, das sei auf Dauer jedoch nicht durchzuhalten. „Wir haben an diesem Donnerstag aber rund 1500 Proben erhalten, sodass wir bereits jetzt unbearbeitete Aufträge vor uns her schieben“, beschreibt Gerritzen die Situation. Damit könne nicht mehr garantiert werden, innerhalb von 24 Stunden Ergebnisse zu liefern.

Seit Bremen als Risikogebiet eingestuft ist, gilt ein negatives Testergebnis, das nicht älter als 48 Stunden ist, innerhalb Deutschlands in zahlreichen Bundesländern als Voraussetzung für einen Urlaubsaufenthalt. Thüringen, Berlin und Nordrhein-Westfalen verzichten mit Stand vom 8. Oktober auf diese Bedingung und sehen keine Beschränkungen für Reisende vor. Als Risikogebiet gilt eine Stadt oder ein Landkreis wenn mehr als 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tage verzeichnet werden. In Bremen lag der Wert am 8. Oktober laut Robert Koch-Institut bei 58,1 und damit am zweiten Tag in Folge darüber.

Die hohe Auslastung im Medizinischen Labor Bremen entspricht der bundesweiten Entwicklung. Laut dem Verband Akkreditierter Labore in der Medizin wurden in der Woche vom 28. September bis 4. Oktober in ganz Deutschland über eine Million Tests durchgeführt, das entspricht rund 80 Prozent der theoretisch möglichen Kapazitäten. Vor diesem Hintergrund würden die allein aufgrund von Reisevorhaben übersandten Proben in den Laboren zurückgestellt.

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Medizinischer Versorgungsauftrag

Gerritzen verweist als Facharzt vor Labormedizin auf seinen medizinischen Versorgungsauftrag. „Tests für Patienten mit entsprechenden Symptomen und die aus Gründen der Corona-Bekämpfung vom Gesundsamt angeordneten Untersuchungen von Kontaktpersonen genießen Priorität, ebenso die Kontrollen des medizinischen Personals.“ Test für Reisende seien dagegen freiwillige Leistungen, die privat abgerechnet werden. Das sei angesichts des dynamischen Infektionsgeschehens aktuell nicht mehr leistbar.

Wer verreisen will, muss sich aber keine Gedanken machen, wenn das Test-Ergebnis 48 Stunden nach dem Abstrich nicht vorliegt. Die Frist startet erst in dem Moment, in dem die Maschine im Labor den Befund liefert. Welchen Anteil nach einem Tag die Proben der Menschen mit Reiseplänen am Gesamtaufkommen ausmachen, konnte Gerritzen nicht näher beziffern. „Das ist sicher nur die Spitze eines Eisberges, aber nach meiner Einschätzung eine sehr deutliche Spitze.

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Das Medizinische Labor Bremen folgt mit seiner Priorisierung den politischen Vorgaben. Unmittelbar nachdem die Inzidenz über 50 Corona-Neuinfektionen pro 100.000 gestiegen war, hatte das Gesundheitsressort deutlich gemacht, dass die vom Gesundheitsamt betriebene Corona-Ambulanz in den Messehallen nicht für Bremer zur Verfügung steht, die einen negativen Nachweis für eine Reise erhalten wollen. „Unsere Empfehlung in diesem Fall ist der Gang zum Hausarzt“, sagt Lukas Fuhrmann, Sprecher des Gesundheitsressorts. Aber auch dort bestehe kein Rechtsanspruch auf ein rechtzeitig zur Reiseplanung vorliegendes Testergebnis.

Zu viele Patienten ohne Symptome überweisen

Nach seinen Angaben werden derzeit für Bremen von allen beteiligten Laboren bis zu 12.000 Tests pro Woche vorgenommen. Mit dieser Zahl seien auch die Kapazitäten für die Abstriche in der Corona-Ambulanz in der Messe sowie bei der Kassenärztlichen Vereinigung Bremen (KVHB) weitgehend ausgeschöpft. Die KVHB hatte schon in der Vergangenheit kritisiert, dass Ärzte zu viele Patienten ohne Symptome an die Corona-Ambulanz überweisen. Zusätzliche Tests, um Reisen zu ermöglichen, seien in der Ambulanz in der Vahr nicht möglich. Am Donnerstag hatten sich offenbar zahlreiche Menschen auf eigene Faust mit diesem Anliegen dorthin auf den Weg gemacht. In den Arztpraxen ist die Test-Nachfrage der Reisewilligen ebenfalls schnell angekommen, bestätigt Hans-Michael Mühlenfeld, Vorsitzender des Bremer Hausärzteverbandes.

Mit welchem aus seiner Sicht vollkommen überzogenem Anspruchsdenken Einzelne dabei vorgehen, schildert Gerritzen. So habe ein Proband seinen Abstrich persönlich im Labor vorbeigebracht und ein Ergebnis innerhalb von wenigen Stunden eingefordert. „Das sollten wir dann direkt in das Hotel faxen, zu dem er sich bereits auf den Weg gemacht hat.“

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