Ist das Kunst...? Verkanntes Wahrzeichen

Die meisten drängeln sich vorbei. Manche rempeln ihn an, missbrauchen ihn gar als öffentliche Toilette. Für viele steht er bloß im Weg, schneidet die Menschenmenge entzwei. Kaum einem fällt er als das auf, was er ist.
07.10.2016, 16:14
Lesedauer: 3 Min
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Die meisten drängeln sich vorbei. Manche rempeln ihn an, missbrauchen ihn gar als öffentliche Toilette. Für viele steht er bloß im Weg, schneidet die Menschenmenge entzwei. Kaum einem fällt er als das auf, was er ist.

Kunst ist er. Der rote Backsteinturm, der an der Domsheide steht. 1988 vom dänischen Gegenwartskünstler Per Kirkeby erbaut, wird das Bauwerk bis 2009 von der Eigentümerin, der Bremer Straßenbahn AG (BSAG), als Verkehrsleitzentrale genutzt. Heute versteckt sich lediglich die Technik der BSAG in dem ausgehöhlten Sockel. „Wenn die Weichen an der Domsheide umgestellt werden, dann klickt es dort unten“, sagt Verena Borgmann, wissenschaftliche Mitarbeiterin der Museen Böttcherstraße.

Auch, wenn der Turm damit bis vor einigen Jahren eine Funktion hat, ist der eigentliche Sinn des Bauwerkes kein funktioneller, schildert Borgmann: „Es ist keine Architektur. Es wäre falsch, es so zu benennen, denn es ist tatsächlich eine Skulptur.“ Senator a. D. Eberhard Kulenkampff lässt den Turm im Rahmen der Neugestaltung der Domsheide 1987 planen.

Nach dem Bau des Türmchens sitzt ein Beobachter mit Argusaugen darin – ein Mitarbeiter der BSAG, der das Treiben an der Domsheide vom Verkehrsturm aus im Blick hat. Dieser hat seinen Posten aber längst verlassen, womit das Wahrzeichen 2009 eine wichtige Aufgabe verliert. Die Daseinsberechtigung des Backsteinwerkes scheint für viele abhanden gekommen. „Der Turm hat es da nicht so leicht, das hat sich ja auch immer wieder gezeigt in den letzten Jahrzehnten“, sagt Borgmann.

Argumente gegen den Turm

Die 36-Jährige gerät sichtlich ins Schwärmen, geht es um die Skulptur mit oktogonalem Aufsatz. Nicht alle können sich dieser Begeisterung anschließen. Die Abrissdebatte, die mit dem Verlust des Verwendungszweckes hereinbricht, kocht immer wieder hoch und findet ihren Höhepunkt vor 2012, als die Volksbank den Umbau ihres Bankgebäudes plant.

Stimmen werden laut. Dass Menschen die kleinen Ecken für einen Toilettengang nutzen, ist eines der Argumente. Borgmann schmunzelt bei ihrer Idee einer „zurückpinkelnden Wand“ und bringt einen zweiten Vorschlag. Eine „Nette Toilette“, wie es sie in Bremen-Nord gibt, könnte Turmpinkler zumindest etwas im Zaum halten. Ein weiterer Kritikpunkt ist der Standort des Kunstwerks: Stellenweise sei der Platz nicht gut einsehbar.

Ein bisschen schäbig und vermüllt blickt der Turm momentan drein. Es ist doch Kunst! So denkt es sich Per Kirkeby zumindest, als er das Ziegeltürmchen gegenüber der Glocke und unweit des Doms errichtet. Der Skandinavier wählt dabei bewusst das Material, das sich seiner Umgebung anpassen soll: „Das dänische Baumaterial ist der Backstein, wir besitzen kein anderes natürliches Material“, lautet ein Zitat des Künstlers, das auch Verena Borgmann einbringt.

In der Ausstellung „Per Kirkeby. Werke aus dem Lousiana Museum of Modern Art“ der Museen Böttcherstraße im vergangenen Februar werden Entwürfe und Skizzen zum Turm und weitere Kunstwerke Kirkebys ausgestellt. Borgmann fasst die Leitidee des Künstlers zu seinen Werken zusammen: „Die Skulpturen sollten sich natürlich in ihre Umgebung einfügen“. Der Künstler hat das Türmchen ganz bewusst an diese Stelle gesetzt, „ihn auch konkret für diesen Ort geschaffen“, erklärt Borgmann. Sie finde es „spannend“, wenn Kunst, wie die Kirkebys, in Form von Skulpturen, und Funktion in Form von Architektur, ineinandergreifen. Die Ausstellung im vergangenen Februar soll unter anderem die Aufmerksamkeit zurück auf den Verkehrsturm als Kunstobjekt lenken.

Nahezu alle Straßenbahnlinien und zwei Buslinien der BSAG queren die Domsheide. Neben dem Bremer Hauptbahnhof und Am Brill ist sie eine der wichtigsten Schnittstellen für die Nutzer des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) in der Stadt Bremen.

Hell erleuchtet – (an)erkannt?

Um viele dieser Nutzer und weitere, die täglich den Platz der Domsheide kreuzen, davon zu überzeugen, dass der Turm keine sperrige Platzverschwendung ist, wird der Turm im Januar 2016 in einem neuen Licht dargestellt. 30 Glühbirnen erhellen die Spitze. Für einen Moment fängt der Turm die Blicke und hat seinen Auftritt als das, was er seit 1988 ist: Kunst im öffentlichen Raum. „switch“ heißt das Projekt, das unter anderem Urbanscreen – eine Agentur für Lichtinstallation – in Zusammenarbeit mit David Bauer gestalten, um so den verkannten rostroten Verkehrsturm in Szene zu setzen. Die Kooperation des Künstlerkollektivs, der BSAG und der Museen der Böttcherstraße Anfang erfüllt ihren Zweck: „Das waren ja nur 30 Glühbirnen. Aber plötzlich wurde der Turm ganz anders angeguckt.“

Mehr solcher strahlender Augenblicke wird es künftig nicht allzu häufig geben, solle die Skulptur dem ursprünglichen Sinn nicht enthoben werden. Projekten gänzlich abgeneigt sei die wissenschaftliche Mitarbeiterin aber nicht. Es käme ihm zu Gute, wenn die vorbeilaufenden Menschen nicht länger Spinnefeind mit dem Achtkant-Gemäuer wären. Anlass gäbe es 2017, zum 30-jährigen Jubiläum. Vielleicht geht ihm ja zu seinem Geburtstag wieder ein Licht auf, dem Turm an der Domsheide.

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