100 Jahre Volkshochschule

Versäumt und zugenäht

Ruth Hagemann-Backeberg und Anika Huster setzen in ihren Nähkursen auf Neues und Ungewöhnliches. Sie gehören damit zu den Kreativen, die das Angebot der Bremer Volkshochschule seit 100 Jahren bereichern.
19.08.2019, 06:00
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Von Kornelia Hattermann
Versäumt und zugenäht

Mit Maßband um den Hals, viel Erfahrung und Freude geht Ruth Hagemann-Backeberg immer wieder in die Nähkurse.

Sebi Berens

Kleine Plastiken aus Bronze gießen, große Instrumente bauen, Fotografieren, Tanzen, Malen, Figuren aus Holz und Stein fertigen, die Oberfräse richtig anwenden – der Kreativität sind bei der Volkshochschule keine Grenzen gesetzt. Immer wieder Neues findet sich im Kulturbereich des Programmhefts. Und dann gibt es die vielen bewährten Angebote, die nie aus der Mode kommen, wie das Nähen zum Beispiel. Zwei, die die Lust am Schneidern in Kursen weitergeben, sind Ruth Hagemann-Backeberg und Anika Huster.

„Wenn du damit zufrieden bist, dann kannst du es so lassen“, antwortet Huster Kursteilnehmerinnen meist auf die Frage, ob ihre Hose, Bluse oder ein anderes Stück gut oder korrekt geworden sind. Das Nähen soll Spaß machen, das ist der 35-jährigen Kursleiterin am wichtigsten. Das sieht die 58-jährige Hagemann-Backeberg genauso: „Dass man sich mit dem, was man macht, gut fühlt“, darauf komme es an. Beide Frauen haben ihr Handwerk gelernt und jahrelange Berufserfahrung.

Hagemann-Backeberg, die aus Hermannsburg (Celle) stammt und in Walle lebt, hat eine Ausbildung zur Damenschneiderin und dann ihren Meister bei Müller und Sohn in Hamburg gemacht. Als Direktrice für Schnittentwurf und Technik hat sie gearbeitet, bis zuerst ihre Tochter, dann der Sohn geboren wurden. Danach ist sie in die Erwachsenenbildung eingestiegen, wurde von der VHS angesprochen, ob sie nicht Kurse geben wolle. Für die Volkshochschule bietet Hagemann-Backeberg vorwiegend Wochenendseminare für „Individuelles Nähen“ an, die immer voll sind.

Als Freiberuflerin komme ihr diese kompakte Kursform entgegen, so könne sie flexibel bleiben. Und die Teilnehmerinnen könnten intensiv an einem Lieblingsstück arbeiten. Viele kämen immer wieder, seien sich vertraut, erzählten sich private Dinge, ohne einen gemeinsamen Freundeskreis mit Verpflichtungen zu haben. Daraus entstehe eine schöne Atmosphäre, in der sich Anfängerinnen und Erfahrene träfen.

Als sehr spannend und inspirierend hat Hagemann-Backeberg Integrationskurse empfunden, die sie für die VHS Süd gegeben hat. Nähen und dabei Deutschlernen, „das war wirklich klasse“. Es seien Migrantinnen gekommen, die nicht zu einem reinen Sprachkurs gegangen wären. Bei diesem Angebot konnten die Frauen etwas mit den Händen machen, mussten dabei auch sprechen und ermutigten sich gegenseitig, Deutsch zu lernen. „Alle waren sehr traurig, als die vom Land bezuschusste, befristete Maßnahme zu Ende ging“, sagt Hagemann-Backeberg.

Nähkurse gibt die Schneiderin aktuell für den Verein Wilhelm-Busch-Viertel in der Vahr und seit 20 Jahren auch in der Martin-Luther-Gemeinde in Findorff. Dazu kommt zweimal im Jahr ein Kompaktwochenende in der Jugendherberge in Leer. Nähen, so lange man möchte, von morgens um sechs bis nachts um drei Uhr, ganz individuell. Wie in allen ihren Kursen hilft die 56-Jährige dabei, den Schnitt abzunehmen, das Gewünschte technisch umzusetzen, und sorgt dafür, „dass die Hose vernünftig sitzt“.

„Bei Hosen einmal den richtigen Schnitt gefunden zu haben, ist Gold wert“, sagt auch Anika Huster, die nebenberuflich ihr kleines Atelier Nahtverliebt unterm Dach ihres Hauses in Walle betreibt, wo sich zwei Nähgruppen regelmäßig treffen. Die Kurse für die Volkshochschule sind ihr „eine Herzensangelegenheit“. Hauptberuflich arbeitet die 35-Jährige in der Qualitätsentwicklung eines Modeunternehmens in Oldenburg. Die gelernte Maßschneiderin und studierte Bekleidungstechnikerin Konfektion tritt derzeit etwas kürzer, im September erwartet sie ihr zweites Kind, die erste Tochter ist drei Jahre alt.

Nähkurse wird Huster aber weiter geben, als Kompaktangebote am Wochenende, die leichter mit der Familie zu vereinbaren sind. Am Konzept der Volkshochschule mag sie, dass jede Gruppe wieder neu ist. Welches Thema kommt an? Passen Ort und Zeit? Welche Teilnehmerinnen erwarten einen? Bisher habe sie nur nette Menschen kennengelernt. Die Schneiderin setzt auf neue Ideen.

Außerdem beschäftigt sich Huster mit „Upcycling“ – aus alt mach neu. Für die VHS West möchte sie wieder einen Kurs anbieten, in dem Kindersachen, Kleidung, Wickeldecke oder Zubehör aus gebrauchten Dingen genäht werden können. „Man kann fast alles wiederverwerten“, sagt Huster, alte Blusen, Hosen, Kleider, Tücher, einen Reißverschluss aus einer kaputten Hose – all dies kann woanders eingenäht werden. Mit Stoffresten könnten sogar noch Kuscheltiere oder Türstopper ausgestopft werden. Upcycling ist zwar aufwendiger als etwas aus einem neuen Stück Stoff zu nähen, dafür haben die Dinge dann eine Geschichte. Und nachhaltig ist es auch.

Bisher waren bei der 35-Jährigen nur Frauen in den Nähkursen, der Charakter des Kaffeekränzchens, bei dem man über Passform und andere Dinge plaudere, schrecke Männer wohl eher ab, meint Huster. Bei Hagemann-Backeberg war ein Teilnehmer schon mal drei Jahre lang dabei, ein anderer, ein Barista, hat sich einen Hut aus Kaffeesäcken genäht. Individuell und skurril darf es gern zugehen in den Seminaren der beiden Kursusleiterinnen. Nur einen Anspruch nimmt Huster den Teilnehmerinnen gleich zu Beginn: Nach einem VHS-Kurs ist niemand eine perfekte Schneiderin. Dann bräuchte es ja keine Ausbildung dafür. Aber kreativ sein kann jede und jeder – und Spaß haben.

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