Schamlose Lügen im Zeugenstand

Versuchter Totschlag ist vom Tisch

Der Prozess um Tritte gegen den Kopf bei einer Schlägerei in einer Bremer Clubdiskothek ist auf der Zielgeraden. Die Staatsanwältin nutzte ihr Plädoyer zu massiver Kritik an den Zeugenaussagen.
31.07.2018, 06:00
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Versuchter Totschlag ist vom Tisch
Von Ralf Michel
Versuchter Totschlag ist vom Tisch

Im Prozess um Tritte an den Kopf in einem Bremer Club wurden am Montag die Plädoyers gehalten.

Frank Thomas Koch

Von versuchtem Totschlag spricht zwar auch die Staatsanwältin nicht mehr in ihrem Plädoyer, sondern "nur" von gefährlicher Körperverletzung. Aber dass der 20-jährige Angeklagte das am Boden liegende Opfer mindestens einmal getreten hat, davon ist die Vertreterin der Anklage überzeugt. Zwei Jahre Haft auf Bewährung fordert sie am Montag im Prozess um eine Schlägerei, die sich am 18. November 2017 in der Bremer Clubdiskothek Avenue zugetragen hat. Und für seinen 24-jährigen Onkel, der neben ihm auf der Anklagebank sitzt, ein Jahr auf Bewährung. Völlig anders sehen das die Verteidiger. Ein Jahr Jugendstrafe für den 20-Jährigen, Freispruch für den 24-Jährigen, lauten ihre Plädoyers.

Schamlose Lügen

Zumindest in einem Punkt sind sich Staatsanwaltschaft und Verteidigung einig: Die Beweisaufnahme in diesem Verfahren. Aus Sicht der Anklagevertreterin lag dies vor allem an den Zeugen. Es sei geradezu atemberaubend, wie schamlos hier gelogen wurde, sagt die Staatsanwältin in ihrem Plädoyer. Zum Glück hätten die unterschiedlichen Zeugen zumindest nicht über die intellektuellen Fähigkeiten verfügt, ihre Versionen des Tatgeschehens untereinander abzusprechen.

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Während die Anklagevertreterin von Lügen, Schutzbehauptungen und "völlig unglaubwürdigen Gefälligkeitsaussagen" spricht, führen die Verteidiger die widersprüchlichen Aussagen auf die Gesamtsituation in dem Club zurück. Drei Uhr nachts, dichtes Gedränge, schlechtes Licht, Lärm, dazu jede Menge Alkohol im Spiel – da seien unterschiedliche Aussagen über die aus unterschiedlichem Blickwinkel gemachten Beobachtungen sozusagen programmiert.

Die Staatsanwältin differenziert allerdings bei der Bewertung der unterschiedlichen Aussagen. Die Zeugen, die den 20-Jährigen schwer belasteten und ihn eindeutig als Treter identifizierten, hält sie insgesamt für schlüssiger, widerspruchsfreier und damit glaubwürdiger als die Zeugen, die dem Lager der Angeklagten zugerechnet wurden.

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Trotzdem bleibt eine Klippe für die Staatsanwältin – die eine Stunde nach der Tat sichergestellten Schuhe des Angeklagten passen laut kriminaltechnischer Untersuchung nicht zu den Profilabdrücken im Gesicht des Opfers. Doch die umschifft sie mit dem Hinweis, dass sie davon ausginge, der Angeklagte habe nach der Tat die Schuhe gewechselt. Die Kleidung zu wechseln wenn es Ärger gegeben hat, sei ein üblicher Disco-Trick.

"Blanke Unterstellung"

Das wiederum bezeichnet der Anwalt des 20-Jährigen als "blanke Unterstellung". Und es sei enttäuschend, diese Unterstellung dann auch noch als Begründung für die Schuld seines Mandanten anzuführen. Die Auseinandersetzung in dem Club in dieser Nacht sei eine spontane Entwicklung gewesen. "Soll er das vorab geplant und sich dafür ein zweites Paar Schuhe bereitgestellt haben?"

Eine oder mehrere Körperverletzungen blieben für seinen Mandanten im Raum, räumt der Verteidiger ein. Doch die Tritte gegen den Kopf des Opfers könnten ihm nicht nachgewiesen werden. Ein Jahr auf Bewährung hält der Anwalt für angemessen. Als Jugendstrafe, weil der Angeklagte mit seinen 20 Jahren noch als Heranwachsender gilt. Und dabei soll er nicht unter der Aufsicht eines Bewährungshelfers gestellt werden, sondern unter die eines Betreuers.

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Der Verteidiger des 24-Jährigen fordert einen Freispruch. Keiner der Zeugen hätte einen Bezug seines Mandanten zu den Tritten hergestellt. In die Schlägerei, die den Tritten vorausging, sei er zwar verwickelt gewesen. Aber auch wie es dazu kam, habe nicht eindeutig geklärt werden können. Und schon gar nicht könne daraus die Beteiligung an einer gefährlichen Körperverletzung abgeleitet werden.

Das Urteil verkündet das Gericht am Mittwoch, 8. August, um 10 Uhr.

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