Konfliktträchtige Brut- und Setzzeit

Viele Bremer Hundehalter halten sich an Leinenzwang - aber nicht alle

Für Hunde, die jetzt häufiger angeleint werden müssen, aber mehr noch für ihre Halter ist die Brut- und Setzzeit offenbar eine Stressphase. Der Ordnungsdienst in Bremen muss oft mit Bürgern diskutieren.
26.05.2019, 03:00
Lesedauer: 3 Min
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Viele Bremer Hundehalter halten sich an Leinenzwang - aber nicht alle
Von Justus Randt
Viele Bremer Hundehalter halten sich an Leinenzwang - aber nicht alle

Während der Brut- und Setzzeit, vom 15. März bis zum 15. Juli, ist die Hundeleine in der freien Landschaft ein Muss.

Christophe Gateau/dpa

Ohne Leine läuft nichts beim Gassigehen. Viele Hundehalter beherzigen das. Aber nicht alle. Wer seinen Hund in Bremen frei laufen lässt, ob jetzt in der Brut- und Setzzeit im Grünen oder in einer belebten Straße, muss damit rechnen, von Mitarbeitern des Ordnungsdienstes ermahnt und im Zweifelsfall zur Kasse gebeten zu werden – bis zu 55 Euro können fällig werden.

Die acht Frauen und 14 Männer müssen nach Angaben des Innenressorts „häufig“ mit Hundehaltern über den Sinn der Regelung diskutieren, seien aber darin „geschult, festgestellte Verstöße im Bürgerkontakt kommunikativ zu lösen. Das gelingt sehr gut“. Seit Jahresbeginn hat der Ordnungsdienst 606 „Feststellungen in Hundeangelegenheiten“ erfasst, überwiegend Verstöße gegen die Anleinpflicht. Es wurden 580 mündliche Verwarnungen ausgesprochen, acht Mal Verwarngeld erhoben und 18 Ordnungswidrigkeitenanzeigen erstattet.

Auch in der freien Landschaft ein Muss

Leinenpflicht gilt an Orten, die von vielen Menschen besucht werden. Das Ordnungsamt zählt sie in einem eigens erstellten Infoblatt auf: Fußgängerzonen, öffentliche Verkehrsmittel, Geschäfte und Einkaufszentren, der Allgemeinheit zugängliche Grünanlagen, Natur- und Landschaftsschutzgebiete. Auch läufige Hündinnen dürfen nicht frei laufen. Während der Brut- und Setzzeit, vom 15. März bis zum 15. Juli, ist die Hundeleine auch in der freien Landschaft ein Muss, zum Schutz von Bodenbrütern und anderer junger Wildtiere. Auch wenn das den Freiheitsdrang der Hunde einschränkt.

Am Vahrer Feldweg, wo der Naturschutzbund (Nabu) Schafe hinter einem Elektrozaun weiden lässt, würden die Tiere „regelmäßig gehetzt, und zwar nicht nur von kleinen Jiffeltölen, sondern von Jagdhunden“, stellt Nabu-Geschäftsführer Sönke Hofmann fest. „Tendenz? Die Rücksichtslosigkeit nimmt zu“, glaubt Hofmann, der selbst Hundehalter ist und die Tage bis zum Ende der Brut- und Setzzeit rückwärts zählt. „Es kann keinen Anspruch darauf geben, Hunde frei laufen zu lassen. Sonst könnte ich ja auch mit meinem Nilkrododil baden gehen.“

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Das Gesetz über das Halten von Hunden regelt unter vielen anderen Details auch, dass die Halter erfahren genug und körperlich in der Lage sein müssen, den Hund zu führen. Das Ortsgesetz über die öffentliche Ordnung soll beispielsweise sicherstellen, dass ein Hund oder ein anderes Haus- oder Nutztier niemanden anfällt „oder sonst nicht unerheblich beunruhigt“. Paragraf sieben des Feldordnungsgesetzes hält schließlich fest, wo in der freien Landschaft während der Brut- und Setzzeit Flächen für frei laufende Hunde tabu sind: „insbesondere auf Äckern, Wiesen, Weiden, Heiden, Moor- und Ödflächen, in größeren Baumbeständen sowie auf Deichen außerhalb des bebauten Stadtgebietes“.

Stadtbewohner wollen mehr Freilaufflächen

In der Saison seien die Kontaktpolizisten in den Stadtteilen „entsprechend sensibilisiert“ und verteilten bei Bedarf Informations-Flyer an Hundehalter. Die Reaktionen Angesprochener sind laut Polizeisprecherin Franka Haedke „sehr unterschiedlich“. Die Beamten müssten sich unter anderem auch Sprüche wie „Haben Sie denn nichts anderes zu tun?“ anhören. „Soweit bekannt, mussten bislang aber keine gebührenpflichtigen Verwarnungen ausgesprochen werden.“

Stadtbewohner, die ihre Hunde artgerecht halten wollen, hoffen auf die Ausweisung weiterer Freilaufflächen. Bislang gibt es zwei Flächen am Carl-Goerdeler-Park im Bremer Osten und in den Neustadtswallanlagen. Sie herzurichten und einzuzäunen, hat 46 000 Euro gekostet. Das Bauressort prüft gegenwärtig, wo sich weitere Freilaufflächen einrichten ließen. Aus Kostengründen ohne Zaun. Dafür müsse allerdings erst eine Verordnung geändert werden, wie Behördensprecher Jens Tittmann sagt.

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Marcus Henke, Vizepräsident der Bremer Landesjägerschaft, weiß es zu schätzen, dass „sich viele Hundebesitzer vorbildlich an die Regeln halten“. Er kann sich vorstellen, dass zusätzliche Auslaufareale für Hunde dazu beitragen und „sich vielleicht die Situation für unsere Naturflächen entspannt“. Für ihn sind „Information, Auslaufflächen und gegenseitige Rücksichtnahme“ die entscheidenden Faktoren – während „die Reizschwelle“ offenbar niedrig liege. Wie kürzlich in Borgfeld, wo ein Jäger den Besitzer eines unangeleinten Hundes angesprochen und daraufhin von dem Mann geschlagen worden war.

Robert Lutz aus dem Viertel wurde vor ein paar Wochen am Osterdeich in Höhe des Sielwall-Fähranlegers von einem Dobermann gebissen, der auf seinen angeleinten kleinen Mischling zustürmte. Lutz schaltete das Ordnungsamt ein und erstattete bei der Polizei Anzeige gegen die Dobermann-Halterin. Offenbar weigere sich die Versicherung der Frau, für den Schaden aufzukommen, teilte ihm zwischenzeitlich sein Anwalt mit.

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