Stadtflucht

Viele Modeketten verlassen Bremer Innenstadt

Ob Brax, Kult oder Runners Point: Viele Ketten verabschieden sich aus der Bremer Innenstadt. Nun will sich auch Esprit Ende Juni aus der Obernstraße zurückziehen.
26.05.2019, 08:00
Lesedauer: 4 Min
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Viele Modeketten verlassen Bremer Innenstadt
Von Lisa Boekhoff
Viele Modeketten verlassen Bremer Innenstadt

Die Sögestraße verliert einige Geschäfte, die gerne in Shoppingmalls ziehen.

Frank Thomas Koch

Der Wandel zeigt sich auf ein paar Metern Einkaufsmeile. Das Geschäft von United Colors of Benetton schirmt Gitter ab, Schaufensterfiguren harren nackt im Fenster aus. Die Bauarbeiten im Innenleben laufen schon seit ein paar Tagen. Die Marke aus Italien hat ihren Laden in der Innenstadt aufgegeben. Direkt nebenan ist zuvor die Modekette Mango weggezogen. Seither ist am Schaufenster die Botschaft „Coming soon“ zu lesen. Nun steht schräg gegenüber demnächst wieder ein Auszug in der Bremer Obernstraße an. Esprit macht Ende Juni zu.

Vor drei Jahren gab es schon mal ein Datum. Damals kündigte Esprit an, im Geschäft mit einem zweiten Eingang in der Lloyd-Passage nicht bleiben zu wollen, weil es zu groß sei. Jetzt scheint die Entscheidung endgültig. Der Filialist teilte auf Anfrage des WESER-KURIER mit, dass er gezwungen sei, den Laden aufzugeben. Mit dem Vermieter der Immobilie, gibt eine Sprecherin an, habe man sich nicht auf „nachhaltige wirtschaftliche Bedingungen geeinigt“. Die Fläche soll wieder auf dem Markt zu haben sein.

Zentrum steht vor dem Umbruch

In Bremens zweiter Einkaufsmeile tut sich ebenfalls etwas. Das Geschäft von Brax ist seit Mitte Mai zu und bereits leer geräumt. „Vielen Dank! Tschüss Bremen“ heißt es auf einem Zettel. Unternehmenssprecher Marc Freyberg erklärt den Grund für den Rückzug: Die Erwartungen hätten sich nicht erfüllt. „Wir haben den Bremer Brax-Store geschlossen, weil sich die Frequenz in den letzten Jahren leider nicht positiv entwickelt hat.“

Esprit und Brax – zwei unterschiedliche Fälle. Und doch gibt es eine Parallele. Die Ketten verlassen die Innenstadt, bleiben stattdessen aber im Outlet (Brax), im Einkaufscenter Waterfront (Esprit) und damit im Speckgürtel der Stadt oder außerhalb des Zentrums. Das steht derweil vor einem Umbruch: Es gibt nach einer Phase des Stillstands millionenschwere Pläne für Bremens Herzstück. Alle haben gemein, die Stadt neu zu beleben, attraktiver zu machen, bessere Verbindungen zu schaffen.

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In der Sögestraße 46, zwei Läden neben dem ehemaligen Brax, hat Kult sich ebenfalls schon vor Monaten verabschiedet. Seit 15 Jahren war das Unternehmen aus Köln vor Ort. Das sei durchaus eine Zeit, um mal einen Standortwechsel zu vollziehen, sagt Geschäftsführer Björn Zeppenfeld. Der Mietvertrag sei Ende des Jahres ausgelaufen. Der Abschied heiße nicht, dass Kult nie wieder in die Innenstadt ziehe. Es müsse aber eben immer auch das Angebot passen. „Man muss nicht mit jeder Miete mitgehen.“

Einen richtigen Grund für den Auszug nennt Zeppenfeld im Gespräch nicht. Doch er deutet an, dass die Center im Vergleich zur Innenstadt eben Vorteile für die Kunden haben. "Es gibt ja Theorien, dass nicht jeder mit dem Fahrrad fährt." Sein Eindruck sei: Wenn Center ihre Fläche vergrößerten, reagiere die Stadt mit höheren Parkgebühren. Kult expandiert trotz des Endes in der Sögestraße unterm Strich in der Hansestadt. Im Roland-Center und im Weserpark sollen im Laufe des Jahres neue Läden eröffnet werden. Die Görgens-Gruppe ist bereits mit zwei Läden in der Waterfront vertreten: mit Kult und Olymp & Hades.

"Starke Marktbereinigung in allen Großstädten"

Jan-Peter Halves, Geschäftsführer der City-Initiative, sieht Bremen von den Entwicklungen nicht allein betroffen. Der gesamte Einzelhandel stehe im Umbruch – und ganz besonders die Modebranche. „Das hat mit Bremen nichts zu zu tun.“ Marken wie Esprit müssten sich derzeit neu aufstellen. Das Onlinegeschäft mache es dem stationären Handel sehr schwer: „Die Ketten kämpfen.“ Dabei habe die Innenstadt eine Chance, dort zu punkten, wo es um eine hohe Beratungsqualität gehe, wo etwas individuell für den Kunden angepasst werde.

Der Wandel ist nach Halves Prognose längst nicht am Ende: „Das werden wir zunehmend erleben. Derzeit gibt es bundesweit eine starke Marktbereinigung in allen Großstädten.“ Freizeitangebote und die Gastronomie seien dagegen Gewinner der Entwicklung. Ein Branchenexperte, der seit 30 Jahren im Einzelhandel tätig ist, sieht dagegen einen leichten Trend gegen die Zentren. In Bremen und anderen Städten sei die Situation erheblich schwieriger geworden, sagt der Mann, der seinen Namen aufgrund der Unternehmenspolitik seines Arbeitgebers nicht nennen will. „Im Moment verschieben sich die Einkaufsverhältnisse in Richtung Internet.“ Daneben spiele das Einkaufsverhalten der Deutschen eine Rolle: Der deutsche Kunde kaufe sehr preisbewusst ein – gerne außerhalb in den Outlets.

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Nur noch in der Waterfront sitzt vorerst auch Runners Point, die Kette für Sportschuhe und Sportbekleidung. In das alte Geschäft in der Sögestraße 29 ist Viu eingezogen. Das Unternehmen bietet Brillen an, die in der Schweiz entworfen, in Italien und in Japan gefertigt werden. Es ist noch nicht klar, ob die Marke an der Stelle bleiben will. Viu probiere sich in der Eins-a-Lage aus, sagt Susan Bonn, Maklerin bei Engel & Völkers Commercial in Bremen, die aus diesem Grund die Immobilie weiter anbietet.

Stadtflucht der Ketten – gleich um die Ecke der Sögestraße lässt sich das Phänomen erneut beobachten. Timberland ist nicht mehr am Schüsselkorb. Potenzielle Nachmieter sind aber derzeit in den Verhandlungen. „Es hat viel Interesse am Geschäft gegeben. Das hatten wir auch so erwartet“, sagt Maklerin Ute Negenborn von KK Immobilien in Bremen. Nun gehe es gerade in die heiße Phase. In den nächsten zwei Wochen dürfte ein Nachfolger für die Schuhmarke gefunden sein.

Weiterhin kein offizielles Einzugsdatum

Die Immobilienexpertin sieht durchaus positive Entwicklungen in der City – etwa an der zuvor unscheinbaren Bischofsnadel. KK Immobilien bietet dort selbst eine modernisierte Fläche für einen Gastronomen an. „Es tut sich was in Bremen“, sagt sie. Allerdings beobachtet Ute Negenborn einen Trend in Städten gar nicht gerne: Die Zahl der inhabergeführten Geschäfte nehme immer weiter ab. Dafür sei Roland-Kleidung am Eingang der Lloyd-Passage ein Beispiel. Als Einzelkämpfer hätten es die Unternehmer am Markt zunehmend schwerer. „Ich bedaure sehr, dass die weg sind. So langsam verschwinden diese Geschäfte.“

Für Jan-Peter Halves von der City-Initiative ist nun besonders wichtig, dass es bald einen Nachmieter für den leerstehenden Kult in der Sögestraße gibt und die Damenmodekette Appelrath-Cüpper aus Köln als Ankermieter in das Bremer Carrée einzieht. Passieren sollte das nach den ursprünglichen Plänen schon. Doch noch hat sich nach den Bauarbeiten nichts weiter getan.

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„Das wäre ein wichtiges Signal. Die Ecke ist markant. Dort fahren viele Menschen mit der Straßenbahn vorbei“, sagt Geschäftsführer Halves zum Leerstand. Derzeit gibt es weiter keinen offiziellen Einzugstermin, keine Stellenangebote des Unternehmens für den Standort Bremen. Doch die Nachricht dazu, das ist zu hören, sollen nun nicht mehr lange auf sich warten lassen. Der Wandel in der Stadt nimmt weiter Geschwindigkeit auf.

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