Interessengemeinschaft warnt

40 Prozent der Viertel-Geschäfte vor dem Aus

Die Uhr tickt für die Geschäftsleute im Viertel. Wenn nicht umgehend Hilfe durch Gegenmaßnahmen erfolge, drohe fast jedem zweiten Geschäft das Aus.
08.02.2021, 05:00
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40 Prozent der Viertel-Geschäfte vor dem Aus
Von Sigrid Schuer

„Das wird ‘ne ganz enge Nummer, aber wir wollen alles versuchen, um weiter am Start zu bleiben!“ Jörg Fengler, der das „Titus“ und das „Rock und Wurst“ betreibt, brachte es stellvertretend für seine Kollegen, allesamt Geschäftsführer inhabergeführter Läden im Viertel, auf den Punkt. Wie dramatisch ihre Lage ist, schilderten sie in dem virtuellen Meeting des Fachausschusses für öffentliches Leben, Handel und Gewerbe, zu dem der Beirat Mitte eingeladen hatte.

Die Lage ist laut Norbert Caesar, dem Vorsitzenden der Interessengemeinschaft „Das Viertel“ (IGV) noch düsterer als vor acht Wochen. Laut jüngsten Umfragen stünden 40 Prozent der Geschäfte vor dem Aus, wenn nicht mehr. Wenn nicht umgehend Hilfe durch Gegenmaßnahmen erfolge, die möglichst schnell griffen. Denn die finanziellen Hilfen flössen bisher nur zäh oder im schlimmsten Fall gar nicht. Die Folge: Viele Geschäftsleute könnten nicht einmal mehr ihre Lebenshaltungskosten bezahlen, so Jörg Fengler. Die Hilfen seien ein Tropfen auf den heißen Stein, da ist sich Fengler mit Malte Wunnenberg vom „Nora’s Deli“ einig. Caesar kritisierte, dass die Hilfen nicht ausgelegt seien. So könne etwa Winterware nicht abgeschrieben werden.

„Die Einzelhandelskaufleute haben keinerlei Anrecht auf Hilfen. Der Versuch, Hartz IV zu beantragen, ist ein nervenaufreibender Prozess“, berichtete er. Fengler ergänzte: Jeder, der zwei Lebensversicherungen habe, habe keinerlei Chance auf Hartz IV. Erschwerend hinzu komme, dass der Lockdown ab Mitte Dezember mitten in das Weihnachtsgeschäft geplatzt sei, das eigentlich dringend benötigt wurde, um den Rest des Jahres über die Runden zu kommen, so Caesar. Er berichtete allerdings auch von der neuen Möglichkeit, kurzfristige Kredite bei der KFW-Bank über die Hausbanken zu beantragen. Sie seien zwei Jahre tilgungsfrei, mit einem Zinssatz von drei Prozent. Auch hier könne die Bremer Wirtschaftssenatorin dafür sorgen, dass das schnell und reibungslos laufe.

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Der IGV-Vorsitzende formulierte eine weitere Forderung: Er bat die Stadtteilparlamentarier eindringlich, sich bei ihren Parteien vehement für einen Unternehmerlohn einzusetzen. Eines ist aber auch klar: Zwar bieten 80 Prozent der Geschäfte „Click und Collect“ an, das heißt, die Kunden können telefonisch oder per Internet Waren bestellen, die ihnen dann gebracht werden oder die sie abholen können. Das funktioniert laut Caesar allerdings längst nicht mit allen Waren.

Wünschenswert sei, wenn die Förderung für die Sprint-Fahrrad-Logistik, die Ende Januar ausgelaufen sei, schnell und unbürokratisch verlängert werden könnte, so eine weitere Forderung der Geschäftsleute. Momentan finanziere die IGV das aus der Portokasse.

Am Dauer-Thema Autos rein oder raus aus dem Viertel schieden sich die Geister, und zwar heftig. Bettina Peters, zweite Vorsitzende der IGV und Geschäftsführerin von „Augenblick Optik“, machte einen Vorschlag zur Güte: Sie plädierte dafür, zunächst für die Zeitspanne von einem halben Jahr zwei Mal pro Monat im Viertel einen autofreien Sonnabend einzuführen und danach die Ergebnisse zu evaluieren. Das hatte der Beirat ohnehin bereits auf der Agenda.

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Zwei Entwicklungen machen ihr besonders große Sorgen: Zum einen schliefen viele Obdachlose in Geschäftseingängen. Zum anderen habe sie gehört, dass die Drogendealer im Viertel momentan kaum noch durch die Polizei kontrolliert werden würden. „Das geht so nicht“, sagte sie. Die Antwort einer entsprechenden Nachfrage des WESER-KURIER bei der Polizei, lag bis Redaktionsschluss noch nicht vor.

Ortsamtsleiterin Hellena Harttung sicherte zu, sich zu kümmern. Sie wird Kontakt zu den Streetworkern der Inneren Mission und zur Polizei aufnehmen. Felix Rieder-Grundmann vom „Heartbreak“ kritisierte zudem nachdrücklich, dass in Bremen immer wieder eine Klein-klein-Strategie gefahren werde. So habe er Anfang Juni 2020 die Genehmigung zur Erweiterung seiner Außengastronomie beantragt und sie erst Mitte September erhalten. „Wenn man vergleicht, was andere Städte wie Hamburg und München da unbürokratisch ausprobiert haben, backt Bremen da ganz kleine Brötchen“, monierte der Kneipenbesitzer.

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