Schau im Dom

Vom Zauber des Anfangs

Dass Bremen einst als Rom des Nordens galt, dürfte nur wenigen bekannt sein. Die Hansestadt war das Zentrum der Nordlandmission. Das zeigt die Schau "Bremen und Skandinavien" im St. Petri Dom
13.07.2018, 19:35
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Vom Zauber des Anfangs
Von Sigrid Schuer
Vom Zauber des Anfangs

Henrike Weyh, die Leiterin des Dom-Museums, in der Ausstellung "Bremen und Skandinavien".

Roland Scheitz

Spontan schallt durch den St. Petri Dom der Choral „Lobet den Herrn“, vielstimmig gesungen von einem Chor, der sich gerade durch Bremens zentrales Gotteshaus führen lässt. „Hier pulsiert das Leben immer“, unterstreicht Henrike Weyh, Leiterin des Dom-Museums. Und das war eigentlich immer schon so, seitdem der Dom 789 geweiht wurde. Der Chronist Adam von Bremen bezeichnete seine Heimatstadt einst als „Rom des Nordens“.

Die Hansestadt mit dem Dom in ihrem Herzen kann also auf glanzvolle Zeiten zurück blicken. „Der St.-Petri-Dom ist ein europäischer Ort und Drehscheibe des europäischen Kulturaustausches. Er ist selbst unser Hauptexponat“, betont die Leiterin des Dom-Museums. Und besonders intensiv waren die Beziehungen zwischen Nordeuropa und der Hansestadt. Was lag im Jahr des europäischen Kulturerbes also näher, als eine Ausstellung unter dem Titel „Bremen und Skandinavien“ zu konzipieren und die „Geschichten über den Zauber des Anfangs“ dieser intensiven Beziehung zu erzählen?

Den Anstoß für die Schau gab die Landesdenkmalpflege. Die studierte Kunsthistorikerin Henrike Weyh hat die farbenfroh gestaltete Ausstellung, die bis Sonntag, 30. September, im Dom-Museum und den Dom-Krypten zu sehen ist, gemeinsam mit Sonja Kinzler kuratiert. Vom „Zauber des Anfangs“ erzählt auch ein umfangreiches Begleitprogramm mit Vorträgen. Aber auch Musik, Filme und Kunst rund um das Thema Island sind unter anderem im November im Kino City 46 und im Oktober im Güterbahnhof zu erleben.

Bremen, das Rom des Nordens

„Die nordeuropäischen Länder haben damals mit großem Interesse auf die Christianisierungsbestrebungen geschaut“, erzählt Henrike Weyh. Und das hatte durchaus auch merkantile Gründe. Die Skandinavier seien überzeugt davon gewesen, dass ein mit dem Segen Gottes gestärktes Reich erfolgreicher sein würde. Einige Händler ließen sich aus diesen pragmatischen Gründen taufen. Der von den Nordländern favorisierte Gott war allerdings nicht das Opferlamm, vielmehr wird Jesus in der Ausstellung auf einer Abbildung der ältesten skandinavischen Christusdarstellung auf einem Taufstein im dänischen Jelling als starke Herrscherfigur eines wehrhaften Kriegervolkes dargestellt. „Letztendlich ließen sich die Skandinavier von der christlichen Verheißung der Auferstehung für alle überzeugen. In der germanischen Religion war schließlich nur die Auferstehung für gefallene Krieger in Walhall vorgesehen“, erzählt Weyh. Wie friedlich und konfliktarm die Koexistenz zwischen Heiden und Christen war, zeigt ein Exponat, mit dem sich sowohl Kreuze als auch Thorhammer gießen ließen.

Island machte bei der Christianisierung keine Ausnahme. Im Jahr 1054 wurde hier mit Isleif der erste Bischof etabliert. „Bereits im Jahr 999 konvertierten die Isländer per Volksentscheid geschlossen zum Christentum, um eine Spaltung der Gesellschaft zu verhindern“, berichtet die Kuratorin weiter. Eigentlich wollte er sich vom Papst in Rom weihen lassen. Die Bischofswürde wurde ihm dann aber doch in Bremen, dem Rom des Nordens, verliehen. Zuvor war allerdings Bremen das Zentrum der Nordlandmission gewesen. Und das kam so: Einstmals sei das Erzbistum Hamburg federführend für den skandinavischen Norden bis hinauf zu den Residenzstädten nach Eisland, also Grönland gewesen, erzählt Weyh. Das habe sich geändert, als die Wikinger Hamburg angriffen und Erzbischof Ansgar sich nach Bremen rettete. An einer Ausstellungsstation lässt sich in der Biografie Ansgars, aber auch in isländischen Sagas stöbern.

Das fusionierte Erzbistum Hamburg/Bremen stieg dann in den europäischen Einflussbereich auf. 829 gründete Ansgar die erste Kirche Schwedens. In der Folge wurden erste Taufen durchgeführt. Nach und nach übernahm Bremen die Oberherrschaft der skandinavischen Erzbistümer. In der Ausstellung werden insgesamt fünf Geschichten davon erzählt. Die Blütezeit der bremischen Skandinavien-Mission endete 1103 mit der Errichtung des ersten Erzbistums in Lund, das heute zu Schweden gehört. All‘ das wird im Dom-Museum anhand von antiken Exponaten äußerst anschaulich dargestellt. Eines der wertvollsten ist das 1292 ausgestellte Königsprivileg und Siegel Eriks II. von Norwegen aus dem Staatsarchiv. „Denn nach dem Ende der Nordland-Mission blühten die Handelsbeziehungen zwischen Bremen und Skandinavien besonders auf. So wurden den hiesigen Heringsfängern Ende des 13. Jahrhunderts von Erik II. Handelsprivilegien verliehen, weil Bremen immer treu zu Norwegen stand, als die Hanse das Land blockieren wollte und Bremen da nicht mitmachte“, erzählt die Kunsthistorikerin.

Die lange Liste der Beteiligten, Sponsoren und Unterstützer zeigt das große Interesse der bremischen Stadtgemeinde an der Geschichte des St. Petri Doms. Unter anderem liehen die Landesarchäologie und das Staatsarchiv Exponate aus und das Kulturressort unterstützte die Schau. Die Ausstellung „Bremen und Skandinavien“ ist nicht nur ein typisch bremisches Allemann-Manöver, sondern auch ein ökumenisches Projekt, das sowohl von der Bremischen Evangelischen Kirche (BEK) als auch vom Katholischen Gemeindeverband in Bremen getragen wird.

Umfangreiches Begleitprogramm

Begleitprogramm des Landesamtes für Denkmalpflege: Mittwoch, 15. August um 19 Uhr: Ulrich Weidinger (Universität Bremen) spricht über „Staatsmacht und Diplomatie im Dienst der Glaubensverkündigung. Die Nordlandmission der Bremer Kirche im Früh- und Hochmittelalter“. Mittwoch, 22. August: Adolf E. Hofmeister, pensionierter Direktor des Staatsarchivs spricht über „Bremens Handelsbeziehung zu Norwegen, Island und Shetland vom 13. bis zum 16. Jahrhundert“. Mittwoch, 5. September, Natascha Mehler vom Zentrum für Baltische und Skandinavische Archäologie, Schloss Gottorf, spricht über „Island und Grönland zur Zeit von Adam von Bremen. Eine archäologische Spurensuche. Mittwoch, 12. September, Professor Georg Skalecki (Landeskonservator) spricht über „Die Architektur der Bremer Domkirchen des 9. und 11. Jahrhunderts. Versuch einer bauhistorischen Einordnung“. Mittwoch, 19. September: Professor Bernd Päffgen (Zentrum für Geschichte und Archäologie, Ludwig-Maximilians-Universität München) spricht über die „Bischofsgräber des hohen und späten Mittelalters in Deutschland als Gegenstand archäologischer Forschung“. Vortragsort ist immer der Kapitelsaal, Domsheide 8. Die Vorträge beginnen jeweils um 19 Uhr.

Weitere Informationen

Die Ausstellung "Bremen und Skandinavien" ist im Dom-Museum in der Sandstraße 10-12, bis Sonntag, 30. September zu sehen. Öffnungszeiten: Montags bis freitags von 10 bis 16.45 Uhr, sonnabends von 10 bis 13.30 Uhr, sonntags von 14 bis 16.45 Uhr. Der Eintritt ist frei.

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