Packhaustheater Bremen

Wanderer zwischen Boulevard und Drama

Vor etwas mehr als zehn Jahren feierte er am Packhaustheater Triumphe. Nun ist Klaus Nicola Holderbaum zurück in Bremen und spielt erneut einen konträren Charakter.
21.11.2018, 17:30
Lesedauer: 3 Min
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Wanderer zwischen Boulevard und Drama
Von Sigrid Schuer
Wanderer zwischen Boulevard und Drama

Ungeschminkt: Klaus Nicola Holderbaum fernab der Bühne.

Scheitz

Gebrochene Charaktere sind ihm die liebsten. Vor etwas mehr als zehn Jahren feierte Klaus Nicola Holderbaum am Packhaustheater als Paul Triumphe. Die Figur hatte als sexy Rocklady ein spätes Coming out in der musikalischen Travestie-Revue „Ganze Kerle“. Das damalige Fazit der Rezension: Alles in ­allem die schärfste Nummer, die zurzeit in Bremen zu sehen ist. Das Theater tobte, der Saal kochte, auch wenn einige Besucher in den vorderen Reihen leicht entgeistert aus der ­Wäsche schauten, als sie von den Dancing Drag Queens aus dem generell stark besetzten Ensemble unverblümt und sexy angemacht wurden.

Regisseur Karsten Engelhardt spielte damals lustvoll mit den Variationen der ohnehin unergründlichen Frage: Wann ist der Kerl eigentlich ein richtiger Kerl? Im roten Blitzlichtgewitter tänzelte Klaus Nicola Holderbaum auf High Heels in hoch geschlitzter Abendrobe ins Packhaustheater und stampfte die Hüfte schwingend eine laszive Tina-Turner-Nummer auf die Bühne, dass es nur so krachte.

Szenenwechsel, nun ist das Multitalent zurück in Bremen und mimt den hyperkorrekten, eher introvertierten Rüdiger Hubert in „Triebe, Tratsch und Trockenhaube“, das an diesem Donnerstag, 22. November, 20 Uhr, im Packhaustheater im Schnoor, Wüstestätte 11, uraufgeführt wird. Die schräge Boulevardkomödie knüpft an das Autorinnendebüt „Liebe, Lust und Lockenwickler“ von Martina Flügge an, die ebenfalls mitspielt. Wieder steht ein leicht verrückter Friseursalon im Mittelpunkt. Dort schneit unvermutet, kurz vor einem avisierten Friseurwettbewerb Holderbaum als kreuzbraver Rüdiger Hubert rein, der prompt für das sehnlichst erwartete männliche Model gehalten wird. Eigentlich wollte er den Wettbewerb als Prüfer ja nur jurieren, glaubt, von Amnesie geschädigt, aber alles, was ihm erzählt wird. Trotz des anfänglich blassen Aussehens von Rüdiger Hubert gibt Holderbaum auch in der Friseur-Komödie den ganzen Kerl, der mehrstimmig singen und sogar auf dem Tisch tanzen kann, wenn er nur genügend Prickelwasser intus hat.

Und dafür bringt Klaus Nicola Holderbaum die besten Voraussetzungen mit: Schließlich hat er bereits zu Beginn seiner Schauspiel- und Musicalkarriere sogar schon einmal die böse Stiefmutter in „Cinderella“ in seiner eigenen Choreografie auf Spitze getanzt. Er kann sich noch genau erinnern, wie er in Saarbrücken sein erstes Ballett, Tschaikowskys „Nussknacker“, sah. Von da an stand für den studierten Anästhesiepfleger, der schon als Kind Ballettunterricht nahm, fest: „Das ist das, was ich machen will.“ In Hamburg absolvierte er seine Musicalausbildung und ließ sich in einem Aufbaustudium zum Schauspieler ausbilden. Mit seinem damaligen Lehrer, dem renommierten Akteur Professor Lutz Lansemann, ist er bis heute befreundet.

Liebe zu Tanz und Gesang

Und auch die freundschaftlichen Verbindungen nach Bremen sind nie ganz abgerissen: Bis zu ihrem Tod war er mit Ingrid Waldau, Bremens Grande Dame des Volksschauspiels, in Kontakt. An ihrer Seite stand er auch in „Ganze Kerle“ auf der Bühne. 2002 spielte Holderbaum am Bremer Theater im Weihnachtsmärchen den hartherzigen Ritter Kato und den Onkel Sixten in Astrid Lindgrens „Mio, mein Mio“. Wie jetzt mit dem Team des Packhaustheaters, schätzte er auch damals die künstlerisch fruchtbare Zusammenarbeit mit Irmgard Paulis.

Auch in „Loriots dramatischen Werken“ war er im kleinen Theater-Imperium von Knut Schakinnis schon zu sehen. Der in Saarbrücken geborene Holderbaum liebt an Bremen auch das nahe Meer. Nicht von ungefähr stand er aber auch bereits im Hamburger Schauspielhaus, in der Kampnagelfabrik und im Schmidt’s Tivoli in Marlene Jaschkes „Carmen“ auf der Bühne.

Ganz unterschiedliche Rollen hat er in seiner Karriere gespielt, Holderbaum war Shakes­peares Richard II., Molìères „Tartuffe“, aber auch der Truffaldino in Goldonis „Diener zweier Herren“. Als Bernardo in Bernsteins „West Side Story“ konnte er beispielsweise seine Liebe zum Tanz und Gesang ausleben. In dieser Rolle gastierte er auch in Salzburg. Hier entwickelte Thierry Bruehl mit ihm später auch das Format des „Taschenopern-Festivals“, das er sehr liebt und bei dem Sänger und Schauspieler dem Publikum auf packende Weise den Zugang zur zeitgenössischen Musik vermitteln.

Jüngst war Holderbaum in Berlin an der Seite von Katharine Mehrling in „Piaf“ gleich in fünf männlichen Rollen zu erleben. Regie führte Andreas Gergen, bis 2017 Operndirektor in Salzburg. Klaus Nicola Holderbaum liebt Kontraste und so hat er nach Boulevard-Klassikern wie „Traumfrau verzweifelt gesucht“ und „Gatte gegrillt“ in Köln gerade den Bestatter Franz in Dea Lohers Drama „Unschuld“ gespielt. Noch so eine Rolle mit Tiefgang, wo es gleich gefunkt und die ihn ungemein gereizt hat.

Weitere Informationen

Die musikalische Komödie „Triebe, Tratsch und Trockenhaube“ hat an diesem Donnerstag, 22. November, 20 Uhr, im Packhaustheater im Schnoor, Wüstestätte 11, Premiere. Sie ist bereits ausverkauft. Für alle weiteren Vorstellungen ab 23. November inklusive Silvester gibt es noch Karten. Die Tickets kosten 28 Euro und sind unter anderem zu haben unter Telefon 7 90 86 00, unter www.packhaustheater.de und im Ticketshop, Balgebrückstraße 8.

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