„Guerilla Banking“ in Bremen Warum der Osterdeich zur Begegnungsstätte wird

Noch bis Ende August stehen selbst gezimmerte Bänke am Bremer Osterdeich. Der Künstler will mit dem „Guerilla Banking“ dazu einladen, neue Menschen kennen zu lernen und mit anderen in den Dialog zu kommen.
20.08.2019, 10:00
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Warum der Osterdeich zur Begegnungsstätte wird
Von Carolin Henkenberens

Eigentlich braucht es nicht viel. Ein paar Bretter und Paletten, ein paar Helfer, die Nudelsalat oder einen Wasserkocher vorbeibringen, einige Kisten Getränke, damit der Mund beim Reden nicht trocken wird. Und einen, der alles in Gang bringt und dabei in Kauf nimmt, dass er vier Wochen kaum etwas anderes machen kann.

Christian Wiencke ist so jemand. Der Künstler aus Ottersberg hat den zweiten Sommer in Folge am Bremer Osterdeich Bänke gezimmert. Er nennt das Projekt „Guerilla Banking“. Es soll Menschen in Kontakt bringen, die sich sonst eher nicht begegnen würden. Familien mit Kindern, junge Leute, Obdachlose, Reiche, Geschäftsleute. Menschen, die sonst aneinander vorbei gehen oder einfach keine Gelegenheit haben, ins Gespräch zu kommen.

Man kommt schnell in Gespräch

Dass es mehr nicht bedarf, zeigen diejenigen, die vorbeikommen und fragen, was das denn hier sei. Oder die, die sich hinsetzen und ihr Kind umher toben lassen. Vor allem zeigen das Besucher wie Simone und Hermann. Ihre Nachnamen wollen sie nicht in der Zeitung lesen. Sie scheinen auch wenig wichtig an diesem Ort, an dem man schnell beim Du ist. Es reicht ein einfaches „Ist da noch frei?“. Simone sagt „Klar“, rutscht zur Seite, Hermann stellt seinen Rucksack ab und nimmt Platz. Sie prosten sich gegenseitig zu: „Simone.“ „Hermann.“ Und keine fünf Minuten später erklärt Hermann, ein 64 Jahre alter Physiker, der 28 Jahre alten Theaterpädagogin Simone die Kreiszahl Pi. Die versucht zu verstehen, lacht und sagt: „Mir fällt mal wieder auf, dass ich schlecht in Mathe bin.“

Hermann ist derzeit fast jeden Abend hier, sagt er. Sein Heimweg von der Arbeit führt über den Osterdeich, da hat er schnell mitbekommen, dass die Bänke wieder stehen. Anfang August war das. Hermann arbeitet im IT-Bereich in der Nähe vom Flughafen und wohnt im Viertel. Vergangenes Jahr sei er auch schon öfter beim Guerilla Banking gewesen. Es gefällt ihm, neue Leute zu treffen. Er interessiert sich für Themen wie erneuerbare Energien und den Klimawandel, quatscht aber auch gerne über „Gott und die Welt“, wie er sagt. „Gestern war hier eine Frau, die von ihrem Schrebergarten erzählt hat.“ Davor den Abend hat er einen Handwerksgesellen kennengelernt, der auf der Walz ist. Was die alles erleben!

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Simone findet, es sei hier ganz anders als in einer Bar. Einfacher, offener. „Das macht der Ort, dass die Bänke selbstgezimmert sind, der Blick auf die Weser.“ Und wenn es regnet, rückt man automatisch zusammen unter das zum Dach gespannte Tuch. Ihr gefällt, dass man hier „mal nicht in seiner Suppe rührt“. Andere Leute, andere Themen oder gleiche Themen und andere Sichtweisen, fasst sie es zusammen. Unangenehme Begegnungen? „Nee“, sagt Simone, hat sie noch nicht gehabt, weder vergangenes Jahr noch heute. Heute ist sie das erste Mal in diesem Jahr da.

Simone hat Christian Wiencke Nudelsalat mitgebracht. Der muss nämlich Tag und Nacht bei den Bänken ausharren. Auflage der Stadt. Er darf bis Ende August mit seinem Projekt am Osterdeich bleiben. Aber er muss eine 24-Stunden-Aufsicht gewährleisten, damit nichts passiert. Eine kleine Hütte ist sein Zuhause auf Zeit. Wiencke nimmt es in Kauf. Auf seiner Facebook-Seite bittet er um Hilfe oder informiert Interessierte darüber, wenn abends ein Musiker auftritt.

Guerilla-Banking gegen Angst und Argwohn

„Die Gesellschaft braucht Orte wie diesen“, sagt der 47-Jährige. „Unsere Gesellschaft ist so voller Angst und Argwohn.“ Das Guerilla Banking soll dem entgegenwirken. „Jeder hat Vorurteile, man muss nur lernen, sich respektvoll zu unterhalten“, sagt Wiencke. Er ertappe sich gern immer wieder bei seinen Vorurteilen. Vergangenen Sommer habe er so viele tolle Menschen getroffen, dass er sich spontan entschloss, die Bänke wieder aufzubauen. Das Material hat er aus eigener Tasche gezahlt, mehrere hundert Euro.

Die Idee zum Projekt kam ihm bei einer Demonstration. „Da stand auf einem Plakat ‚Zerstört alle Grenzen‘. Diese kriegerische Sprache finde ich kontraproduktiv. Wenn das jemand Unbeteiligtes liest, nimmt er doch gleich alle Demonstrierenden in Kollektivhaftung“, findet Wiencke. Das ist auch der Grund, warum er schon seit Jahren nicht mehr auf Demonstrationen geht. Vergangenes Jahr machte er eine Ausnahme – und sah sich prompt bestätigt. Zu viele überspitze Parolen.

Dialog findet er besser. Auf den von ihm gebauten Holzbänken werde immer mal wieder kontrovers diskutiert. „Am meisten über Flucht und Migration“, berichtet Wiencke. In der Regel hat er aber das Gefühl, dass sein Gegenüber offen für Denkanstöße ist. Und selbst wenn jemand anderer Ansicht ist: Meist sage der andere etwas, das er nachvollziehen kann oder das er genauso sieht.

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