Aktion „Deutschland spricht“

Warum sich zwei Männer nicht auf die Diskussion vorbereitet haben

Björn Tuchscherer und Heinz Brandt kennen sich nicht, kommen aus politisch unterschiedlichen Lagern und mögen Werder Bremen. Durch „Deutschland spricht“ treffen sie sich. Wie haben sie sich vorbereitet?
31.10.2019, 09:28
Lesedauer: 2 Min
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Von Maurice Arndt
Warum sich zwei Männer nicht auf die Diskussion vorbereitet haben

Deutschland spricht: Björn Tuchscherer (Pullover) trifft Heinz Brandt (mit Sakko). Treffpunkt: Canova an der Kunsthalle.

Maurice Arndt

„Ach Mensch, ich habe meinen Werder-Schal schon in der Garderobe abgelegt“, sagt Heinz Brandt, als er Björn Tuchscherer begrüßt. Der kommt gerade in voller Werder-Montur – Mütze, Schal, Pullover – in das Café Canova an der Kunsthalle. Die Begrüßung der beiden fällt herzlich aus, obwohl sie sich gar nicht kennen und Werder eines der wenigen Themen ist, in dem sie sich einig sind.

Tuchscherer und Brandt verorten sich jeweils in gegenüberstehenden politischen Lagern. Der Algorithmus der bundesweiten Aktion „Deutschland spricht“ hat die beiden zusammengebracht, da sie sechs von sieben Fragen unterschiedlich beantwortet haben. Kontroversen sind im anstehenden Gespräch vorprogrammiert. Wie haben sie sich darauf vorbereitet?

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"Gar nicht", sagte Tuchscherer. "Ich habe meine Meinung und kann die auch vertreten." Mit den möglichen Gegenpositionen hat er sich deshalb auch nicht beschäftigt. Eine Aktenmappe, hat er trotzdem dabei. Inhalt: Ein Zettel mit der Auflistung der Themen, in denen er und Brandt sich uneinig sind. Sie hätten sich vorab darauf geeinigt, eher diese Themen aufzugreifen. Bis auf eine Ausnahme sind sie sich aber ohnehin in allen Themen, die bei der „Deutschland spricht“-Umfrage aufgegriffen wurden, uneins.

Tuchscherer hofft, dass diese Themen den roten Faden für das Gespräch bilden werden, für das sie zwei Stunden eingeplant haben. Beide wollen im Anschluss das Bremer Pokalspiel verfolgen. Dass Heinz Brandt den SV Werder unterstützt war bis zum Aufeinandertreffen die einzige Information, die Tuchscherer von ihm hatte. Er habe sich bewusst nicht über seinen Gesprächspartner informiert. „Ich möchte ihn so auf mich wirken lassen, wie er kommt“, erklärte er.

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Sein Gegenüber ist das Gespräch etwas anders angegangen. Auch er hat sich wenig vorbereitet. Eine kurze Recherche über seinen Gesprächspartner hat er aber angestellt: „Da habe ich schnell herausgefunden, dass er in der FDP ist. Ich schätze ihn eher wirtschaftsliberal ein.“ Weiter habe er sich aber nicht mit seinem Gesprächspartner beschäftigt, denn er habe selber einige liberale Bekannte. Das reiche ihm als Grundlage.

Fachlich hat er sich kurz mit der Kriminalstatistik befasst. Tuchscherer habe angegeben, dass er mehr Kriminalität feststelle und großen Wert auf Fakten lege. Über die Diskrepanz zwischen Tuchscherers Feststellung und den Zahlen aus seiner Sicht, möchte Brandt mit seinem Gesprächspartner sprechen. Darüber hinaus hat aber auch Brandt keine weitere Vorarbeit betrieben. „Nach 20 Jahren in der Logistikbranche, kenne ich mich mit den Themen, die angesprochen werden ganz gut aus“, meint er.

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Tatsächlich sind ihm die einzelnen Themen aber nicht so wichtig wie seinem Gegenüber. „Ich möchte einfach generell den Austausch mit einer Person haben, die andere Ansichten hat als ich. Es geht mir darum andere Positionen anzuerkennen, damit man Kompromisse finden kann.“ Auf einen gemeinsamen Nenner kämen sie in zwei Stunden vermutlich ohnehin nicht.

Das erwartet auch Tuchscherer nicht. Er findet: „Austausch ist wichtig. Leider spricht man zu selten über unangenehme Themen oder ist nur mit Leuten zusammen, die die gleiche Meinung vertreten. Heute bekomme ich vielleicht ein paar neue Impulse für meine Meinung.“ Diese kann er durchaus emotional vortragen. Das zeigte sich bereits im Vorgespräch.

Beim Treffen im Canova nimmt er sich aber zurück. Etwa zwanzig Minuten dauert das Kennenlernen der zwei Männer. Beim Plausch über die Bremer Überseestadt sind sie sich größtenteils einig. Dann kommt jedoch das Wahlergebnis der Bremer Bürgerschaft zur Sprache – und die Debatte beginnt.

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