Ausbildung Wegfall des Schulgeldes für Bremer Therapeuten verzögert sich weiter

Bei angehenden Logopäden, Ergo- und Physiotherapeuten ist der Frust groß: Ab 2019 sollte das Schulgeld wegfallen, das scheitert an einer gesetzlichen Regelung. Die CDU fordert, dass das Land übernimmt.
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Wegfall des Schulgeldes für Bremer Therapeuten verzögert sich weiter
Von Sabine Doll

„Therapie ist mehr wert“, „Eure Gesundheit liegt in unseren Händen“ – mit Plakat-Aufschriften wie diesen machten am Dienstag angehende Logopäden, Physio- und Ergotherapeuten ihrem Ärger in der Gesundheitsdeputation Luft. Der Frust ist groß: „Eigentlich haben wir damit gerechnet, dass wir, wie angekündigt, ab 2019 endlich kein Schulgeld mehr für unsere Ausbildung zahlen müssen“, gab Ergotherapie-Schülerin Maria Schöne die Stimmung unter den Auszubildenden wieder. „Besonders schade finden wir, dass Bremen beim Thema Schulgeldfreiheit anderen Bundesländern wie Schleswig-Holstein oder Bayern hinterherhinkt: Dort übernimmt das Land das Schulgeld ab dem kommenden Jahr.“

Ursprünglich sollten auch in Bremen Schüler aus den drei Therapieberufen ab dem kommenden Jahr von dem monatlich fälligen Schulgeld befreit sein – so der Plan von Gesundheitssenatorin Eva Quante-Brandt (SPD). Ihre Behörde hatte dafür auf eine Mischfinanzierung gesetzt: Sie sollte sich aus einem Zuschuss durch Landesmittel und der Übernahme der restlichen Ausbildungskosten durch die Krankenkassen zusammensetzen.

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Teil eins des Finanzierungsplans und damit der Einstieg in die Schulgeldfreiheit ist umgesetzt: Seit Oktober 2018 übernimmt das Land einen Teil des Schulgelds. Insgesamt sind das laut Gesundheitsbehörde 125 000 Euro für das letzte Quartal dieses Jahres. Statt wie bisher im Schnitt 459 Euro an monatlichem Schulgeld zahlen die angehenden Therapeuten nun im Schnitt 247 Euro pro Monat. Drei Jahre dauert die Ausbildung.

Dass sich der zweite Teil des Plans nun immer weiter verzögert, liegt an einer komplizierten Gesetzeslage, die nicht nur Bremen trifft. Das teilte Quante-Brandt in einer Berichtsbitte der CDU für die Gesundheitsdeputation an diesem Dienstag mit. Zusammengefasst gilt danach: Nur wenn die Krankenhäuser mehrheitlich Träger der Schulen sind, können sie über das Krankenhausfinanzierungsgesetz bei den Krankenkassen die Übernahme der Ausbildungskosten beantragen. Das trifft aber bislang auf keine der vier ausbildenden Schulen für Logopäden, Ergo- und Physiotherapeuten in Bremen zu. Die Krankenkassen unter Federführung des Verbands der Ersatzkassen (VDEK) würden aber genau auf diese Voraussetzung verweisen – obwohl es bis zum Herbst noch andere Signale gegeben hätte, so Quante-Brandt.

Nicht von heute auf morgen möglich

"Die Krankenkassen zahlen die Ausbildungskosten also nur, wenn die Schulen mehrheitlich einem Krankenhaus unterstehen. Das hat weitreichende Folgen", sagt Angela Sallermann, Leiterin des Bildungszentrums der Bremer Heimstiftung und dort zuständig für die Fachschule für Physiotherapie und die Ergotherapieschule. Die Heimstiftung etwa habe mit dem Klinikverbund Gesundheit Nord die Gesellschaft Mobile Reha gegründet. Dort sei die Schule für Ergotherapie angesiedelt, demnächst auch die Physiotherapie.

"In dieser Gesellschaftsform hält die Heimstiftung 51 und der Klinikverbund 49 Prozent. "Das reicht nach der Argumentation der Kassen aber nicht aus, da der Krankenhausträger mehrheitlich beteiligt sein muss, damit sie die Ausbildungskosten übernehmen", so Sallermann. Der Umbau einer neuen Gesellschaftsform sei aber nicht von heute auf morgen möglich. Das betreffe auch andere Schulen in freier oder privater Trägerschaft. Sie müssten Gesellschafterverträge mit Kliniken schließen. Zudem würden Ausbildungsstrukturen zerstört.

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Bundesländer wie Bayern oder Schleswig-Holstein wollen nicht auf eine Einigung über diese Gesetzeslage im Bund warten. Deshalb zahlen sie das Schulgeld ab 2019 komplett aus Landesmitteln. Nordrhein-Westfalen will 70 Prozent übernehmen. Grund dafür ist der bereits jetzt akute Fachkräftemangel in den Therapieberufen. Bremen will an dem Modell Landeszuschüsse plus Krankenkassen-Beteiligung setzen, wie Quante-Brandt am Dienstag betonte: „Unser Ziel ist die Schulgeldfreiheit in 2019. Dafür sind wir in Gesprächen mit Kassen, Kliniken und Schulträgern.“ Im kommenden Jahr sollen die Landeszuschüsse auf 155 000 Euro pro Quartal erhöht werden.

Aufforderung zu schnellem Handeln

Angela Sellermann hält das für den falschen Weg, da sich eine Einigung auf unbestimmte Zeit hinziehen könne: Bremen sollte dem Beispiel anderer Bundesländer folgen und das Schulgeld zumindest bis dahin komplett übernehmen, fordert sie. „Es besteht dringend Handlungsbedarf, wegen des Fachkräftemangels, aber auch aufgrund der persönlichen Situation der Schüler.“ Es gebe große Aufregung und viel Unmut über die unklare Situation. „Viele Schüler müssen neben der Vollzeitausbildung arbeiten und/oder ihre Ausbildung über Bildungskredite finanzieren.“ Diese Situation sei nicht lange durchhaltbar. Einige Schüler würden ihre Ausbildung abbrechen oder an kostenfreie Schulen in anderen Bundesländern wechseln, falls es in Bremen nicht bald zu einer guten Lösung komme.

Auch der gesundheitspolitische Sprecher der CDU-Fraktion, Rainer Bensch, forderte die Behörde zum schnellen Handeln auf: „Wenn einem großen Klinikkonzern Millionen Euro bewilligt werden, muss es doch möglich sein, eine vergleichbar geringe Summe zur Verfügung zu stellen.“ Nach Angaben der Gesundheitsbehörde würde die komplette Übernahme des Schulgeldes das Land 1,5 Millionen Euro im Jahr kosten.

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Therapeuten fehlen

Die Prognosen sind eindeutig: In der Logopädie, der Ergo- und Physiotherapie wird der Fachkräftebedarf in Bremen bis zum Jahr 2020/2025 um vier bis fünf Prozent und bis zum Jahr 2035 um 7,5 bis elf Prozent steigen. Das ist das Ergebnis eines Gesundheitsberufe-Monitorings, das Studienleiter Heinz Rothgang vom Forschungszentrum Socium der Universität Bremen im Frühjahr im Auftrag der Gesundheitsbehörde vorgestellt hat. Bereits jetzt gebe es einen Fachkräftemangel in den Therapieberufen.

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