Polizei verzeichnet deutliche Rückgänge

Coronavirus senkt Verbrechensrate in Bremen

Statistisch belegbar ist der Rückgang der Verbrechensrate durch Corona noch nicht, aber die Polizei verzeichnet in vielen Deliktsbereichen deutliche Rückgänge. Und warnt vor einer besonderen Betrugsmasche.
09.06.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Coronavirus senkt Verbrechensrate in Bremen
Von Ralf Michel
Coronavirus senkt Verbrechensrate in Bremen

Corona sorgt dafür, dass die Menschen häufiger zu Hause sind – Einbrecher kommen deshalb weniger leicht zum Zuge.

Silas Stein/dpa

Nein, besonders auffällig ist seit Corona kein Kriminalitätsbereich, sagt die Bremer Polizei. Hält sich auf die Frage nach Zahlen aber bedeckt. Zu kurz der Zeitraum, um daraus belastbare Aussagen zur Kriminalitätsentwicklung abzuleiten. Bemerkbar macht sich die Pandemie aber trotzdem – in vielen Bereichen verzeichnet die Polizei rückläufige Zahlen, etwa bei Einbrüchen, Diebstählen, Raub und nicht zuletzt auch bei Verkehrsdelikten. Gleiches gilt für Betrugstaten, obwohl die Pandemie den Betrügern vereinzelt sogar neue Ansätze liefert.

„Die Zahl der Einbrüche in Wohnungen und Geschäfte ist deutlich rückläufig“, berichtet Nils Matthiesen, Sprecher der Bremer Polizei. Ähnliches ist bei Diebstählen sowie bei Raub- und Körperverletzungsdelikten zu verzeichnen. Der Grund hierfür ist unschwer zu finden, die Polizei spricht von „veränderten Tatgelegenheitsstrukturen“: Durch Corona und die damit verbundenen Verordnungen bleiben die Menschen häufiger zu Hause – schlechte Grundvoraussetzungen für Einbrecher. Dasselbe Bild bei Geschäften – wer nicht öffnen darf, muss sich um Ladendiebe keine Gedanken machen.

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Insgesamt hätten sich die Registrierungen weitgehend auf einem unterdurchschnittlichen Niveau stabilisiert, erklärt Matthiesen. Doch dies seien ebenso Momentaufnahmen wie etwa die kurzzeitig vermehrt festzustellenden Diebstähle auf Baustellen sowie Parzellenaufbrüche. Deshalb gebe man auch keine Zahlen heraus. Aufgrund des kurzen Zeitraumes seien diese zu anfällig für Fehlinterpretationen.

Rückgänge seien auch bei Rauschgiftdelikten zu verzeichnen, besonders auffällig im Bereich des Straßendeals. Und auch bei Betrugsdelikten sei – bei insgesamt starken Schwankungen – in der Tendenz ein rückläufiger Trend zu beobachten. Kurzzeitig kam es zwar zu einem Anstieg im Bereich Straftaten zum Nachteil älterer Menschen, berichtet Matthiesen. „Neue Modi Operandi mit Corona-Bezug traten jedoch nur vereinzelt auf.“

Dass Corona-bedingt deutlich weniger auf Bremens Straßen los war, spiegelt sich auch bei den Verkehrsunfällen wieder. „Im Zeitraum Januar bis April hatten wir im Vergleich zum Vorjahr etwa 20 Prozent weniger Verkehrsunfälle in der Stadt.“ Zugleich habe es jedoch einen Anstieg des Geschwindigkeitsniveaus gegeben. Ob hierbei ein Zusammenhang mit Corona besteht, sei derzeit aber nicht belegbar.

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In einem anderen Bereich wäre die Polizei dagegen von einem Anstieg der Fallzahlen nicht überrascht gewesen. Nachbarschaftsstreitereien, die bei der Polizei anzeigt werden, wie zum Beispiel Lärmbelästigungen, Beleidigungen oder auch Körperverletzungen. Bedingt dadurch, dass Menschen wochenlang zu Hause sind, auf ihre Kinder aufpassen, im Homeoffice arbeiten. Gab es aber nicht, resümiert Matthiesen: „Wir haben die Rückmeldungen aus unseren regionalen Abteilungen und Stadtteilen, dass kein erhöhtes Einsatzaufkommen festzustellen war.“

Apropos Anzeigen: Um zur Eindämmung des Coronavirus auf vermeidbare persönliche Kontakte zu ihren Dienststellen zu verzichten, bietet die Polizei Bremen seit dem 24. März zusätzlich eine temporäre telefonische Anzeigenaufnahme an. Laut Matthiesen wurde dieser Service sehr gut angenommen. „Es wurden über 3500 Anrufe entgegengenommen, daraus resultierten etwa 2000 Anzeigen.“ Wobei die Anrufer nicht nur aus Bremen kamen. Auch Einwohner aus Frankfurt und von dem 4000 Kilometer entfernten Gran Canaria nutzten die Möglichkeit, telefonisch in Bremen in Betrugsfällen Strafanzeige zu erstatten.

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Vergleicht man das Anzeigenaufkommen seit Inkrafttreten der Corona-Verordnungen insgesamt mit dem Vorjahreszeitraum, bewegt sich aber auch dieses auf deutlich niedrigerem Niveau, so der Polizeisprecher, der abschließend vor einer „Straftat im erweiterten Zusammenhang mit Corona“ warnt, dem sogenannten Scamming. Dabei geht es um virtuelle Bekanntschaften. Versprochen wird die große Liebe, doch hinter den verlockenden Angeboten steckt häufig die Variante eines Internetbetruges, erklärt Matthiesen.

Die Scammer suchen auf Online-Partnerbörsen oder in sozialen Netzwerken wie Instagram, Snapchat oder Facebook nach Opfern und durchforsten dort die Mitgliederlisten. Eine kurze harmlose Online-Einladung zum Chat dient dann als Erstkontakt. Über gefälschte Profile wird den Opfern Verliebtheit vorgegaukelt. Tatsächlich geht es aber nur darum, an das Geld der Opfer zu kommen. Die Polizei Bremen ermittelt derzeit in mehr als 30 solcher Fälle. Einer davon betrifft eine 60-jährige Bremerin, die mit einem Mann aus den Vereinigten Staaten in Kontakt kam, erzählt Matthiesen.

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Im Laufe der Zeit entwickelte sich eine virtuelle Liebesbeziehung zwischen den beiden. Dumm nur, dass der angebliche Amerikaner die Bremerin aufgrund der Corona-Pandemie nicht besuchen konnte. Um ihr trotzdem eine Freude zu machen, stellte er ihr angeblich Geld auf einem eigens für sie eingerichteten Bitcoin-Konto bereit. Damit dieses Geld zur Auszahlung kommen konnte, sollte die 60-jährige Bremerin aber zunächst Steuern zahlen, was sie auch tatsächlich tat.

Erst als ihr angeblicher US-amerikanischer Freund nach und nach immer höhere Beträge forderte, wurde sie misstrauisch und erstattete Anzeige. Was die Polizei bei Kontaktaufnahmen dieser Art grundsätzlich empfiehlt. Die Strafverfolgung solcher Täter sei zwar schwierig, weil sie aus dem Ausland agieren. Dennoch könnte die Strafanzeige dabei helfen, Beweise für den Betrug zu sichern, betont Polizeisprecher Matthiesen. „Und wir helfen dabei, die Täter konsequent zu blockieren.“

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