Konflikte zwischen Eltern und Schulen

Wenn Mama und Papa zu Hilfslehrern werden

Durch Leistungsdruck und Lehrkräftemangel sind Schüler auf Lernhilfe zu Hause angewiesen. Laut dem Vorstandssprecher des Zentralen Elternbeirates benachteilige das Kinder aus sozial schwachen Haushalten.
13.10.2019, 17:44
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Wenn Mama und Papa zu Hilfslehrern werden
Von Lisa-Maria Röhling
Wenn Mama und Papa zu Hilfslehrern werden

Hausaufgaben oder Vokabelübungen machen viele Kinder zusammen mit ihren Eltern.

Silvia Marks/dpa

Matheaufgaben lösen, Vokabeln pauken, Grammatikregeln üben: Der Unterricht endet für viele Schülerinnen und Schüler nicht am Schultor. Brauchen sie Unterstützung beim Lernen, sind oft die Eltern gefragt. Doch wer keinen Ansprechpartner zu Hause hat, bleibe in der Schule zurück, sagt Martin Stoevesandt, Vorstandssprecher der Zentralen Elternbeirats (ZEB): „Der Lernerfolg hängt schon immer vom Elternhaus ab.“ Das benachteilige meist Kinder aus sozial schwächeren Haushalten.

Diskussionen, wie stark sich Eltern in den Schulalltag ihrer Kinder einbringen oder bei den Hausaufgaben helfen sollten, sind nicht neu. Mütter und Väter, die sich Lehrern oder Schulleitungen zu sehr aufdrängen, werden „Helikoptereltern“ genannt. Doch was ist, wenn Eltern unfreiwillig in die Hausaufgaben ihrer Kinder eingebunden werden? Bücher wie das der Journalistin Anke Willers erzählen davon. In dem kürzlich erschienenen „Geht’s dir gut oder hast du Kinder in der Schule?“ beschreibt sie, wie sie die Schulzeit ihrer beiden Töchter nahezu als „Hilfslehrkraft“ verbracht habe. Ein Blick auf den Fachbuchmarkt bestätigt, dass es vielen Eltern so geht: Ratgeber wie „Mathematik für Eltern“ gibt es für alle Altersklassen.

Wie sich Eltern einbringen, ist laut Stoevesandt in Bremen von Schule zu Schule unterschiedlich. Das treffe auch auf die Vorstellungen der Lehrkräfte und Schulleitungen zu: Während manche wollten, dass Mütter und Väter ihren Kindern zu Hause Manieren und Grundfertigkeiten beibringen, wehrten sich andere dagegen, wenn Eltern verstärkt in der Schule mitmischen. Verpflichtungen der Eltern, ihr Kind in der Schule zu unterstützen, gibt es nicht. In der UN-Kinderrechtskonvention ist beispielsweise das Recht von Kindern auf schulische Bildung festgelegt. Ob und wie sich die Eltern einbringen sollten, hingegen nicht.

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Eltern aufzufordern, Unterrichtsstoff zu Hause nachzuholen, kennt Stoevesandt: „Das passiert da, wo sich Schulen nicht mehr anders zu helfen wissen.“ Das passiere häufig in sogenannten sozial benachteiligten Stadtteilen: Dort sei die Personalversorgungsquote in manchen Schulen bei 60 Prozent, im Gegensatz dazu liege sie in wohlhabenderen Stadtteilen mitunter bei 106 Prozent. „Die Lehrkräfte fehlen dort, wo es sowieso knirscht“, sagte Stoevesandt. Den überlasteten Lehrkräften bleibe nichts anderes übrig, als die Eltern stärker einzubeziehen. „Für Haushalte, wo die Schule eine zweite soziale Heimat sein muss, ist das eine Katastrophe.“ Deshalb fordert der ZEB, verbeamtete Lehrkräfte von den gut versorgten Schulen an solche mit einer schlechteren Versorgungsquote zu versetzen, um so einen Ausgleich zu schaffen.

Elternmitwirkung sei in Bremen trotzdem gewünscht und gefordert, sagt ZEB-Vorstandskollege Michael Skibbe. Wenn sich Eltern aber in die Unterrichtsplanung einmischten, führe das oft zu Spannungen zwischen ihnen und den Lehrern. Wenn Lehrkräfte hingegen erwarteten, dass Unterrichtsstoff zu Hause wiederholt wird, belaste das manche Familien. Denn: Eltern und Kinder spürten gerade in Bremen, wo bundesweite Vergleichsstudien immer wieder schlecht ausfallen, ohnehin einen hohen Leistungsdruck. Deswegen seien Mütter und Väter verstärkt angehalten, mit ihren Kinder außerhalb der Schule zu lernen. Zudem wollen laut Skibbe Eltern ihr Kind meist am Gymnasium statt an der Oberschule sehen. Das führe zu Druck und Spannungen: „Eltern sollten sich bei der Schulwahl auf das Kind fokussieren, nicht auf ihre eigenen Bedürfnisse.“

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So sieht es auch Christian Gloede, Sprecher der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) in Bremen. Dass der Schulerfolg der Kinder – besonders am Gymnasium – grundsätzlich von der Eltern abhängt, hält er für unwahrscheinlich. Durch die steigende Zahl der Ganztagsschulen in Bremen müssten Kinder immer seltener Aufgaben zu Hause machen. Aus Sicht der Gewerkschaft eine gute Entwicklung: „Lernarbeit gehört in die Schule.“

Freiwillig lernten allerdings nicht alle Schüler. Deswegen sei es wichtig, dass Eltern einen Blick darauf haben, wie ihre Kinder mit Hausaufgaben und dem Unterrichtsstoff vorankommen. Wenn Eltern aber ihren Kinder zu besseren Noten verhelfen wollen, um ihre Chancen in der Schul- und Berufslaufbahn zu verbessern, folge daraus ein „gesamtgesellschaftlicher Druck“, diese Leistungen zu bringen. Es sei zwar gut, wenn sich Eltern verantwortlich für ihre Kinder fühlten. Wenn das allerdings zu „überbordend“ werde, erhöhe das den Druck auf Kinder.

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