Deutscher Tischtennis-Pokal

Werder greift zum siebten Mal nach dem Cup

Zwei Endspiele haben die Bremer bereits verloren, viermal kam im Halbfinale das Aus: An diesem Sonnabend nun soll es in Ulm endlich klappen. Der WESER-KURIER hat die Mannschaft am Freitag ganztägig begleitet.
04.01.2019, 22:05
Lesedauer: 5 Min
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Werder greift zum siebten Mal nach dem Cup
Von Jörg Niemeyer
Werder greift zum siebten Mal nach dem Cup

Feuer frei: Werders Gegner im Halbfinale, der ASV Grünwettersbach, präsentiert sich vor den Flammenwerfern im Halleneingang mit (von links) Trainer Rade Markovic, Ricardo Walther, Bojan Tokic und Dan Qiu.

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Die lange Anreise steckt den Werderanern erkennbar in den Knochen: Nach fast zehn Stunden zwischen Aufbruch zu Hause in Bremen und Ankunft am Spielort der deutschen Tischtennis-Pokalendrunde in Ulm wollen sich Bastian Steger, Gustavo Tsuboi, Hunor Szöcs und Florent Lambiet endlich bewegen. Sie wollen die Spielstätte, die große kennenlernen und sich fürs Halbfinale einstimmen, das an diesem Sonnabend um 11 Uhr gegen den ASV Grünwettersbach ansteht. Wenn alles gut geht, worauf die Mannschaft mit ihrem Trainer Cristian Tamas natürlich hofft, folgt drei Stunden später das Endspiel – entweder gegen die TTF Ochsenhausen oder den TTC Grenzau.

Daran denkt Cristian Tamas aber noch nicht. Während seine Schützlinge sich ab 17.15 Uhr endlich akklimatisieren können, möchte der Coach nur über das Halbfinale sprechen. Das wird gegen Grünwettersbach schon schwer genug werden. Erst vor zwei Wochen, im letzten Bundesliga-Spiel vor Weihnachten, hatte Werder das Heimspiel gegen die Karlsruher mit 0:3 verloren – kein gutes Omen fürs nächste Duell, zumal der ASV im Pokal-Viertelfinale überraschend den deutschen Überflieger-Klub Borussia Düsseldorf ausgeschaltet hatte.

„Wir haben hier in Ulm die Chance, eine schlechte Saison noch zu retten“, sagt Tamas und strahlt dabei viel Zuversicht aus. Er, der auf den 160 Kilometern zwischen dem Münchener Flughafen und Ulm auch noch den Mannschaftskleinbus gesteuert hat, wird an diesem Tag als letzter Feierabend machen, das steht fest. Jetzt, gegen halb sechs, hat er wohl noch sechs Stunden Arbeit vor sich. „Vielleicht wird es noch später“, sagt er gelassen. Nach dem Training und dem gemeinsamen Abendessen wird er im Hotel Lago nämlich noch die obligatorischen Einzelgespräche mit den Spielern führen. Vor dem Zu-Bett-Gehen also noch die Einstimmung auf den Gegner – inklusive der Entscheidung, wer von den Bremern nach den Vorstellungen des Trainers überhaupt aufläuft und wer nicht.

Die Chronologie eines langen Tages:

8.15 Uhr, Flughafen Bremen: Als Erste des Werder-Trosses checken Trainer Cristian Tamas – warm eingepackt und mit Wollmütze auf dem Kopf, weil im Süden Schnee wartet – und Sportphysiotherapeut Timo Grauerholz ein. „Lieber ein paar Minuten zu früh am Schalter als zu spät“, sagt Tamas, der zu Hause schon eine Stunde mit seiner Tochter gespielt hat. Sie wird an diesem Sonnabend zwei – und muss an ihrem Geburtstag wohl auf den Papa verzichten.

8.45 Uhr, Café im Flughafengebäude: Während sich Tamas und Grauerholz bereits gestärkt haben, trudeln mit Bastian Steger, Hunor Szöcs und Florent Lambiet drei der vier Spieler ein. Frühstück! Mit dem Vierten im Bunde, Gustavo Tsuboi, telefoniert der Coach.

9.10 Uhr: Die Werderaner beim Sicherheitscheck. Tsuboi hat ihn bereits hinter sich und trifft seine Teamgefährten in der Wartehalle. Alle sind fit, alle sind völlig entspannt.

9.50 Uhr: Der Bus bringt die Passagiere zum Flugzeug. Kurz nach 10 Uhr hebt die „Weil am Rhein“ ab. Zeit, um mit Bastian Steger über seinen Abschied vom SV Werder zu reden. Nach fünf Jahren an der Weser sucht der 37-Jährige beim Bundesliga-Rivalen TSV Bad Königshofen eine neue Herausforderung. „Als Sportler brauchst du einen neuen Anschub“, sagt er. Werder, sagt Tamas, hätte Steger gern behalten und ein Angebot gemacht. Steger, der Bayer aus dem oberpfälzischen Winklarn, entschied sich für den Wechsel nach Bayern. „Da lässt sich noch was bewegen“, sagt er und hat eine große Euphorie im Lager der Königshofener ausgemacht. Mit ihm als Topspieler, das habe er sofort gespürt, wachse die Erwartungshaltung der Fans. „Ich möchte mich neu beweisen“, sagt er. Das hätte er auch in Bremen können, sagt Tamas. Das Erreichen der Play-off-Runde in der Bundesliga hätte auch bei Werder Stegers Ziel sein können. Groll hegt der Trainer trotzdem nicht. „Das Verhältnis zwischen mir und Bastian war hundertprozentig professionell und freundschaftlich“, so der Coach, „und ein Freund von mir wird er immer sein.“ Inzwischen haben er und Teamchef Sascha Greber offensichtlich auch schon eine neue Nummer eins gefunden, deren Namen sie allerdings noch nicht preisgeben. Hoch über den Wolken spricht Steger seine Hoffnung aus, mit Werder jetzt gerade auf dem Weg zum ersten gemeinsamen Titel zu sein. Es ist in dieser Konstellation die letzte Chance, nachdem der Zug in der Liga längst ohne Werder abgefahren ist. Mit 6:20 Punkten liegt der Klub auf dem vorletzten Tabellenplatz – punktgleich mit Grünwettersbach.

11.25 Uhr: Nach ruhigem Flug Landung in München bei Schneefall.

11.50 Uhr: Cristian Tamas steht wieder an einem Schalter – diesmal, um den bestellten Kleinbus auszuleihen.

12.15 Uhr: Abfahrt nach Ulm – 160 Kilometer verheißt das Navi.

12.35 Uhr: „Jetzt müssen wir uns entscheiden“, sagt Tamas und lacht, „entweder Ulm oder Salzburg.“ „Salzburg wär‘ auch nicht schlecht“, ruft Steger nach vorne. Der Trainer hält Kurs auf Ulm.

13.15 Uhr: Noch eine halbe Stunde bis Ulm. Lambiet, Szöcs und Tsuboi versuchen zu schlafen. Das Wetter hat gewechselt: kein Schneefall mehr, trockene Autobahn, grüne Wiesen und Felder.

13.50 Uhr: Tamas lässt das Hotel Lago (noch) links liegen und steuert direkt ein italienisches Restaurant an. Dessen Name, „Hundskomödie“, ist nicht gerade italienisch, aber das Essen vorzüglich. Die Spieler essen Tomatensuppe, Nudeln oder Gnocci, der Trainer Pizza. Mit am Tisch: Werders Fanbeauftragter Oliver Barendziak, der von seinem Arbeitsort aus Heilbronn zum Team gestoßen ist. Viele Fans aus Bremen, so sagt er, seien aber nicht zu erwarten. Dafür einige aus den diversen Werder-Fanklubs.

15.00 Uhr: Ankunft im Hotel, kurze Pause.

15.50 Uhr: Aufbruch zur Ratiopharm-Arena, wo die Spieler vor ihrem Training noch zu Interview-Aufnahmen der Tischtennis-Bundesliga (TTBL) erwartet werden.

17.15 Uhr: Endlich Training – endlich Bewegung!

19.15 Uhr: Als letzter Werder-Spieler verlässt Gustavo Tsuboi die Halle, nachdem er, allein am Tisch, noch schätzungsweise 50 Aufschläge und etliche Schmetterbälle gespielt hat. Die Schläger werden jetzt erst am Sonnabend wieder zum Einsatz kommen.

20.15 Uhr: Abendessen, wieder in der „Hundskomödie“. Und wieder sehr gut.

21.30 Uhr: Aufbruch ins Hotel, danach Einzelgespräche zwischen Spielern und Trainer unter jeweils vier Augen. Mit welchem Erfolg? Das wird sich am Sonnabend zeigen.

Werders siebter Anlauf:

Bislang ziert nur ein Titel den Briefkopf des Tischtennis-Bundesligisten SV Werder: Deutscher Meister 2013. An diesem Sonnabend unternimmt der Klub den nächsten Anlauf für einen weiteren Eintrag. Es winkt: der deutsche Tischtennis-Pokal. So nahe wie in der Saison 2008/2009, als die Bremer in der Besetzung Trinko Keen, Lars Hielscher und Constantin Cioti – der Japaner Seiya Kishikawa fehlte verletzt – dem SV Plüderhausen mit 1:3 unterlagen, waren sie im Pokalwettbewerb dem Triumph nie wieder. Selbst ein Jahr zuvor nicht, als sie mit Keen, Kishikawa und Hielscher im Endspiel gegen Düsseldorf mit 1:3 verloren hatten.

Die Niederlage gegen Plüderhausen war deshalb besonders ärgerlich, weil Werder im Halbfinale den Seriensieger Borussia Düsseldorf sensationell mit 3:2 ausgeschaltet hatte. Ein Kunststück, das Werder gegen die Rheinländer im Pokal nie mehr gelingen sollte. 2017/18, 2014/15 und 2012/13 war für die Bremer jeweils im Halbfinale gegen die Düsseldorfer Endstation. 2011/12 scheiterte Werder im Halbfinale am 1. FC Saarbrücken, der zuvor Düsseldorf besiegt hatte.

In Ulm steht Werder also zum siebten Mal im Halbfinale – eigentlich höchste Zeit, um endlich ganz oben anzukommen, zumal sich Düsseldorf diesmal nicht qualifiziert hat. Die Borussia stolperte über den ASV Grünwettersbach, auf den die Bremer am Sonnabend um 11 Uhr treffen. „Wir haben mit einem Sieg über Bergneustadt die Endrunde erreicht und auch jetzt einen Gegner, den wir schlagen können“, sagte Werder-Trainer Cristian Tamas. Das andere Halbfinale bestreiten TTC Grenzau und Final-Four-Favorit TTF Ochsenhausen.

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