Verfahren eingestellt

Warum vor Gericht manchmal auch sieben Zeugen nicht reichen

Eine Schlägerei am hellichten Tag in einem Friseursalon endet mit einem Schwerverletzten. Vor dem Amtsgericht scheitert der Versuch, den Fall aufzuklären. Nicht trotz, sondern wegen der Zeugen.
09.07.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Warum vor Gericht manchmal auch sieben Zeugen nicht reichen
Von Ralf Michel
Warum vor Gericht manchmal auch sieben Zeugen nicht reichen

Nicht immer kann ein Fall vor Gericht aufgeklärt werden, in diesem Fall lag es an den Zeugenaussagen.

Arne Dedert/dpa

Kopfschütteln beim Richter: Vor der Tür zum Gerichtssaal müssten eigentlich sieben Zeugen stehen, aber gekommen ist nur einer. Obwohl allen die Ladung ordnungsgemäß zugestellt wurde, wie er betont. „Zumindest den Geschädigten bräuchten wir“, sagt er und denkt laut darüber nach, die säumigen Zeugen von der Polizei im Amtsgericht vorführen zu lassen. Optimistisch klingt das alles nicht. Vielleicht ahnt er da schon, dass der Rechtsstaat in diesem Prozess an seine Grenzen stoßen wird.

Zwei Brüder, 39 und 25 Jahre alt, sollen einen Mann geschlagen und mit Fußtritten traktiert haben. Beteiligt war auch ihr jüngerer Bruder, doch gegen den wird vor dem Jugendgericht verhandelt. Laut Staatsanwaltschaft sollen zwei der Täter Arbeitsstiefel mit Stahlkappen getragen haben, als sie ihrem Opfer gegen den Kopf und ins Gesicht traten. Trotzdem geht es in diesem Prozess nicht um versuchten Totschlag oder gar versuchten Mord. Angeklagt ist gemeinschaftliche gefährliche Körperverletzung.

Alles begann im November 2018 mit einem geparkten Wagen, der vor einem Friseursalon den Abtransport eines Baucontainers verhinderte. Der ältere der Brüder, der auf der Baustelle arbeitete, ging in das Geschäft und forderte den Besitzer des Fahrzeugs auf, seinen Wagen wegzufahren. Als der Friseur ihn bat, fünf Minuten zu warten, weil er dann ohnehin mit dem Kunden fertig sei, kam es zu einem lautstarken Streit.

Letztlich fuhr der Kunde seinen Wagen zwar weg, doch damit war die Sache nicht erledigt. Der 39-Jährige kam kurz darauf mit zwei Brüdern zurück. Es kam zu einer Schlägerei, an deren Ende der Friseur blutend am Boden lag. Die Angeklagten weisen alle Schuld von sich. Dreimal habe er darum gebeten, dass der Wagen weggefahren wird, erzählt der 39-Jährige. Es sei Freitagnachmittag gewesen, der Containerfahrer habe Druck gemacht. Deshalb habe er Stress gehabt und am Ende geschrien. Aber die Aggression sei allein von dem Friseur ausgegangen.

Der habe ihn beschimpft und beleidigt. Dies habe er anschließend draußen seinen Brüdern erzählt, und die hätten deshalb den Friseur zu einem klärenden Gespräch vor die Tür gebeten. „Er sollte sich nur entschuldigen, weil er meinen Bruder beleidigt hatte“, erklärt der 25-jährige Angeklagte. Doch stattdessen habe er sie angeschrien, mit einer Schere herumgefuchtelt und sie mit Gegenständen beworfen. Der jüngste Bruder habe ihm tatsächlich einen Schlag verpasst, dann habe es einen Tumult gegeben, an dem sich auch Angestellte und Kunden beteiligten. Unmöglich zu sagen, wer da genau wen geschlagen hat. Getreten hätten sie aber niemanden und zudem auch keine Arbeitsstiefel angehabt. „Wir waren komplett in zivil dort.“

Geladene Zeugen erschienen nicht

Aussage gegen Aussage also, aber es gab ja jede Menge Zeugen. Sieben von ihnen hatte das Gericht geladen, auf dem Gerichtsflur jedoch gähnende Leere. Nur ein Mitarbeiter des Friseursalons ist erschienen. Der weiß aber zumindest zu berichten, dass das Opfer der Schlägerei keine Ladung erhalten habe. Was auch die Angeklagten für ihren als Zeugen geladenen jüngeren Bruder reklamieren. „Ehrlich, Herr Richter, der hat keine Post bekommen.“ Als es bei der Vernehmung des einzigen Zeugen dann auch noch Probleme mit dem Deutsch des Dolmetschers gibt, legt der Richter kurzerhand eine zweistündige Pause ein. Zeit, um die Polizei zum Einsammeln von Zeugen loszuschicken und einen neuen Dolmetscher zu organisieren.

Um 13 Uhr hat sich der Gerichtsflur tatsächlich gefüllt: Seinen jüngeren Bruder telefonierte einer der Angeklagten herbei, drei weitere Zeugen wurden von der Polizei zu Hause angetroffen und in die Arrestzelle des Landgerichts verfrachtet. Das Opfer der Schlägerei ist schließlich ebenfalls da. Der Mann ist alleine ins Amtsgericht gekommen. Er hatte von seinen Nachbarn gehört, dass die Polizei ihn sucht.

Doch die Hoffnung, den Fall nun aufklären zu können, verpufft mit jedem gehörten Zeugen. Dass der jüngere Brüder nicht gegen seine Brüder aussagt, war vorhersehbar. Außerdem erwartet ihn selbst eine Anklage – gleich zwei Gründe für sein Aussageverweigerungsrecht. Das hat der nächste Zeuge nicht, ein Kunde des Friseursalons. Doch der offenbart schon vor der ersten Frage des Richters, was von ihm zu erwarten ist. „Ich hab' fast alles vergessen. Ist so lange her. Außerdem war ich an dem Tag nicht ganz wach.“

Ein Mitarbeiter des Geschäfts redet dagegen wie ein Wasserfall, nur nicht darüber, wonach er gefragt wird. Er entlastet die Angeklagten, doch immer wenn der Richter nachhakt, weicht er wortreich aus. Und lässt sich auch nicht aus der Fassung bringen, als ihm vorgehalten wird, dass er die Brüder bei der Polizei mit einer völlig anderen Geschichte schwer belastet hatte. Da habe es Schwierigkeiten gegeben. „Die Dolmetscherin kam aus Ägypten, ich bin Palästinenser.“

Auch Opfer bleibt in entscheidenen Punkten vage

Dann sagt das Opfer aus. Der Mann liefert eine vergleichsweise nachvollziehbare Geschichte, bleibt aber in den entscheidenden Punkten vage. Ob der ältere der Brüder ihn wirklich geschlagen habe? Könne er nicht genau sagen, aber gefühlt „so zu 90 Prozent“. Wer ihm ins Gesicht getreten hat? „Weiß ich nicht, ich hatte die Hände vorm Gesicht, um mich zu schützen.“ Ob es wirklich Arbeitsschuhe waren und ob er sie beschreiben könne? Nein, aber die Angeklagten arbeiteten schließlich auf einer Baustelle. Außerdem seien die Tritte brutal schmerzhaft gewesen.

Zeit für den Richter, die Reißleine zu ziehen. Eine kurze „Erörterung der Sach- und Rechtslage“ mit den Prozessbeteiligten, dann geht nach fast acht Stunden Verhandlung alles ganz schnell. Beim älteren der Angeklagten sei der Tatnachweis insgesamt schwierig, bei seinem 25-jährigen Bruder bleibe, wenn überhaupt, nur ein Faustschlag übrig, fasst der Richter zusammen. Nicht einmal die beiden verbliebenen Zeugen werden noch angehört – das Verfahren wird eingestellt. Gegen den älteren Bruder ohne Auflagen, für den jüngeren gegen Zahlung von 250 Euro an eine gemeinnützige Einrichtung.

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