Stadtteil-Check: Mitte Edith Ehlers: Stephaniviertel ist ruhig gelegen und doch stadtnah

Edith Ehlers lebt seit 61 Jahren im Stephaniviertel. Im Stadtteil-Porträt erzählt sie davon, was ihr Lieblings-Quartier so lebenswert macht.
01.09.2022, 06:00
Lesedauer: 4 Min
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Edith Ehlers: Stephaniviertel ist ruhig gelegen und doch stadtnah
Von Sigrid Schuer

Mitten in der Stadt findet sich im Stephaniviertel ein blühendes Garten-Paradies. Über eine runde Brücke, die einem Monet-Gemälde entsprungen sein könnte, führt der Weg vom Balkon in das idyllische Fleckchen grün. Hier stehen zwei gemütliche Strandkörbe nebeneinander, mit Ausblick auf einen kleinen Garten-Pavillon und einen Springbrunnen. Ringeltauben und Kohlmeisen geben sich an diesem sonnigen Spätvormittag ein Stelldichein. Für die drei Urenkel von Edith Ehlers steht ein Wasserbassin samt Schwimm-Muschel bereit. Der Garten ist ihr ein und alles, das ist auf den ersten Blick zu sehen. Kein Wunder, dass die mittlerweile 83-Jährige hier immer noch sehr gerne wohnt. 1965 zog sie mit ihrem Mann Erich Ehlers und Familie in diese Wohnung ein. Der 2014 verstorbene Professor Ehlers war von 1985 bis 1995 Landeskirchenmusikdirektor der Bremischen Evangelischen Kirche. Dieser Ort ist typisch für das Stephaniviertel. Die Atmosphäre sei familiär, der Zusammenhalt der Nachbarschaft gut, erzählt Edith Ehlers.

Ruhiges, stadtnahes Quartier

Trotz aller Veränderungen in den zurückliegenden Jahrzehnten (2008/2009 Umzug von Radio Bremen an die Weser, 2019 Abriss des ältesten deutschen Seemannsheimes, um Wohnraum zu schaffen): Das Stephaniviertel, das bis zur Eingemeindung in die Stadtmauern Steffensstadt hieß, ist ruhig und beschaulich geblieben. Hier zu wohnen habe viele Vorzüge, betonen Edith Ehlers und ihre Tochter Babette. Die Nähe zur Weser, die Innenstadt samt Kulturmeile und Glocke sei zudem auf der Weserpromenade schnell fußläufig zu erreichen, ebenso wie die Überseestadt in der entgegengesetzten Richtung. Dazu der kleine Bauernmarkt am Fangturm und der Anschluss an den öffentlichen Nahverkehr mit der Buslinie 25 und den Straßenbahnlinien 2 und 3. Früher sei hier durch die Faulenstraße noch die Linie 10 gefahren, die von hier direkt ins Hafenrevier abbog, erzählt Edith Ehlers. Babette ist eine von drei Ehlers-Schwestern, die im Stephaniviertel aufwuchsen. Außer ihr Gaby, die heute mit ihrer Familie im Viertel wohnt und Susanne, die es mit Familie zunächst nach Lemwerder und nun nach Garlstedt gezogen hat. Die Schwestern besuchten auch die Schule vor dem Stephanitor, 1970 erbaut, mit direktem Weserblick.

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Abriss des alten Gemeindehauses

2016 wurde die Schule abgerissen, zugunsten von Wohnen am Fluss, die Eigentumswohnungen liegen näher an den Stephani-Terrassen und an dem gerade frisch eingeweihten, neuen Außengelände der Kulturkirche St. Stephani. Ein Areal, das sich auch zu den Lieblingsplätzen der alteingesessenen Anwohnerschaft entwickelt hat. Auch Edith und Babette Ehlers wissen die Terrassenanlage zu schätzen. Die Sozialwohnungen auf dem Terrain liegen dagegen näher an die Stephanibrücke herangerückt. Dort, wo die Schulkinder einst seelenruhig auf dem Schulhof gespielt hätten, seien später im Zuge der Bauarbeiten mehrere Blindgänger-Bomben gefunden worden, die erst einmal entschärft werden mussten, erinnert sich Babette Ehlers. Kein Einzelfall im Stephaniviertel, das in der Nacht vom 18. auf den 19. August 1944 im Flammeninferno alliierter Bombergeschwader versank. Heute ist das Viertel bei Investoren sehr begehrt, unter anderem für die Errichtung von Eigentumswohnungen. Auch in Edith Ehlers Nachbarschaft. Dass dafür vor sechs Jahren das große, alte Gemeindehaus von St. Stephani weichen musste, das macht Edith Ehlers immer noch ein wenig traurig.

Neubeginn in der Nachkriegszeit

Als Erich Ehlers 1961 als Organist und Kantor für die St. Stephani-Kirche auserkoren wurde, war vieles im neuen Stephaniviertel noch im Aufbau begriffen, das galt auch für das Haus, in dem die fünfköpfige Familie 1965 eine Gemeindewohnung bezog. Der Vorteil daran: So sei es möglich gewesen, die eigenen Vorstellungen mit einfließen zu lassen, erzählt Edith Ehlers. Gleiches galt für die St. Stephani-Kirche, die, damals noch ohne Mittelschiff, eher einer Bahnhofshalle glich. Das Südschiff wurde nicht wieder aufgebaut, im Gegensatz zum Nordschiff, in dem bald nach der Zerstörung wieder Gottesdienste abgehalten werden konnten. Zunächst habe sich lediglich eine kleine Orgel in den Weiten der Kirche verloren. Das sei anders geworden, als der Hamburger Orgelbauer Rudolf von Beckerath in enger Abstimmung mit Erich Ehlers Mitte der 1960er-Jahre quasi dessen Wunschinstrument mit Registern für romantische, französische Orgelmusik konstruierte.

Heimweh nach dem Stephaniviertel

Bis es soweit war, wurde unter anderem ernsthaft darüber diskutiert, aus dem Querschiff eine Hochgarage zu machen. Babette Ehlers, die an der St. Michaels/St. Stephani-Kirche als Kirchenmusikerin und Pädagogin in dem von ihr konzipierten Kulturatelier Freiraum für Menschen mit Demenz in der Erinnerungsarbeit tätig ist, kam nach einem 15-jährigen Intermezzo in der Pfalz an die Weser zurück. "Ich bin sehr glücklich darüber, nun wieder hier zu leben. Ich hatte doch immer Heimweh nach dem Stephaniviertel", bilanziert sie. Mit den Wohlgerüchen des Quartiers ist sie aufgewachsen: Dem Kaffeeduft aus der Rösterei Münchhausen, dem Keksduft der Mälzerei von der gegenüberliegenden Brauerei, lange Jahre Beck's, die heute zum belgischen Inbev-Konzern gehört, und dem Duft des Bordeaux, den die Weinhandlung Eggers und Franke verströmte, die um die Jahrtausendwende in die Überseestadt zog. Hier, im alten Stephaniviertel standen einstmals die alten Speicherhäuser, auch rings um die 1524 errichtete Bastion Wichelnburg sowie kleine, bescheidene Wohnhäuser in den verwinkelten Gassen des ehemaligen Schifferviertels.

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