Notbremse greift seit Samstag

Wie die Bremer Polizei die Ausgangssperre kontrolliert

Ausgangssperre in Bremen: Am Samstag galt sie ab 22 Uhr. Die Polizei setzte für die Kontrollen starke Kräfte ein. Sie stieß meistens auf Einsicht, musste aber auch einschreiten.
25.04.2021, 21:24
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Wie die Bremer Polizei die Ausgangssperre kontrolliert
Von Jürgen Hinrichs
Wie die Bremer Polizei die Ausgangssperre kontrolliert

Ein Schwerpunkt der Kontrollen war in der Nacht von Samstag auf Sonntag der Rembertiring.

Frank Thomas Koch

Dirk Fasse macht klar, was gerade in Deutschland passiert, auch in Bremen. „Ich bin seit 1980 Schutzmann, so etwas hatte ich noch nicht, das ist heftig“, sagt der Polizist. Ausgangssperre, runter von der Straße, zu Hause bleiben. Keine Bitte, kein Vorschlag, sondern Pflicht, vom Staat verordnet. Das neue Mittel gegen die Pandemie, woanders bereits erprobt, in den meisten Gegenden aber noch nicht. Fasse, der demnächst vom Vize zum Präsidenten der Bremer Polizei aufsteigt, ist sich der Dimension bewusst: „Das betrifft eine Stadtgesellschaft, die viel Wert auf ihre Freiheit legt.“ Andererseits: „Meine Frau arbeitet im Krankenhaus, da weiß man, worum es geht.“

Der 59-Jährige steht mit einem Tross von Beamten am Rembertikreisel, es ist kurz vor zehn am Samstagabend, noch sind Autos unterwegs, viele sogar. Die Szenerie erinnert an ein Filmset, sie ist hell erleuchtet, keine Scheinwerfer, aber ein großer, eigens herbeigeschaffter Lichtpilz, die vielen Uniformierten könnten Komparsen sein. Um Punkt zehn fällt die Klappe, Film ab! Von da an beginnen die Polizisten mit der Kontrolle. Sie winken Autofahrer an den Straßenrand, die jetzt eigentlich nicht mehr unterwegs sein dürften. Es sei denn, sie haben einen triftigen Grund, und der wird nun erfragt, höflich, aber bestimmt.

Als Antwort kommt die ganze Palette von Erklärungen. Die einen haben nichts von der Ausgangssperre gewusst, behaupten das zumindest. Andere sagen, sie seien von der Arbeit auf dem Weg nach Hause. Das können die Beamten glauben oder nicht – bei diesen drei Männern zum Beispiel, die Mühe haben, sich auszudrücken. Deutsch sprechen sie kaum, Englisch noch weniger. Die Männer sitzen in einem Kleinwagen mit polnischem Kennzeichen, sie schauen etwas verwundert, das Licht, die vielen Menschen: Was ist hier los?

„Erst einmal die Masken auf, bitte“, sagt der Polizist. Dann geht es hin und her. Glauben oder nicht? Obwohl die Verständigung schwer fällt, siegt der Eindruck, dass alles seine Ordnung hat. Die Männer dürfen weiterfahren. „Schönen Abend!“, wünscht der Polizist zum Abschied.

Eine junge Frau, die angehalten wird, ist gut präpariert. Sie hat eine Bescheinigung ihres Arbeitgebers dabei mit den Daten zum Dienstschluss. Noch kurz den Ausweis gezückt, und schon geht es weiter, hinein in den Feierabend.

Bei Grund zu Verdacht muss ausgepackt werden

Beifang gibt es auch. Anlass für eine verstärkte Kontrolle, weil irgendetwas Verdacht erweckt hat. Dann muss der Kofferraum geöffnet werden, kurz checken, was drin ist. Per Funk geben die Beamten die Personalien durch, in einem Fall dauert das fast eine Viertelstunde. Der Fahrer steht draußen und schlottert in der Kälte, er hat nur ein T-Shirt an. Am Ende stellt sich heraus, dass nichts gegen ihn vorliegt, mit röhrendem Motor fährt er mit seinem Sportwagen davon. Woanders bellt ein Hund wie verrückt, er hockt hinten in einem Kleintransporter und ist verunsichert, als mit Taschenlampen hineingeleuchtet wird.

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Fasse berichtet von den Kontrollen in der Nacht zuvor, nach Beginn der Ausgangssperre um Mitternacht: „Bei rund 500 Menschen gab es nur eine Handvoll Ordnungswidrigkeiten.“ Die allermeisten seien einsichtig gewesen. „Wir gehen mit Fingerspitzengefühl vor“, erklärt Fasse. Strafe nur dann, wenn sich jemand gegen die Sperre sperrt, mit Mutwillen dagegen ist und jede Ermahnung in den Wind schlägt.

So einen Fall gibt es an der Sielwallkreuzung im Viertel. Anderer Ort, wieder viel Polizei. In den sozialen Netzwerken kursieren Aufrufe, dorthin zu kommen, um gegen den staatlichen Zwang zu protestieren. Um 23 Uhr sind die Kreuzung und die angrenzenden Straßen aber wie leer gefegt. Ein junger Mann kommt vorbei, er darf das, allein spazieren ist bis 24 Uhr erlaubt. Als er von den Beamten angesprochen wird, scheint es, als hätte er darauf gewartet. Der Mann sagt, er treibe gerade Sport, was erkennbar Unsinn ist. Die ganze Haltung ist ein Dagegen, auch der Aufdruck auf dem Beutel, den er trägt: „FCK CPS“, was so viel wie „Scheiß Polizei“ heißt. Er legt es drauf an und bekommt die Quittung: „So“, sagt der Beamte, „jetzt reden wir über eine Ordnungswidrigkeit.“ 50 bis 200 Euro, die fällig werden, je nachdem, wie die Behörde entscheidet. „Buh!“ schallt es aus einem geöffneten Fenster an der Kreuzung, „Buh!“

Schlachte völlig menschenleer

Die Stadt ist jetzt so still, dass diese Stille etwas Starres bekommt, unheimlich. An manchen Orten tritt das bereits vor der Ausgangssperre ein. Die Schlachte, oben und unten, liegt um kurz nach neun so gut wie verlassen da. „Vielleicht sind wir deshalb noch einmal raus“, sagt Sabine Künzel und lacht. Sie geht mit ihrem Mann Alexander an der Weser entlang. Luft schnappen im Mondschein. Auf der oberen Schlachte läuft niemand mehr, kein Mensch, aber eine Ratte, die von rechts nach links flitzt.

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Die Künzels, beide um die 60, sind mit der Ausgangssperre einverstanden. „Es nützt ja nichts, die Kontakte müssen eingeschränkt werden“, sagt er. „Woanders haben solche Sperren geholfen“, ergänzt sie. Arm in Arm verschwindet das Paar und geht nach Hause.

Info

Zur Sache

Stadt ahndet 120 Verstöße

Die Polizei hat am Wochenende eine große Zahl von Beamten aufgeboten, um zu kontrollieren, ob die nächtliche Ausgangssperre eingehalten wird. Nach eigenen Angaben überprüfte sie im Stadtgebiet knapp 850 Personen. Es seien dabei rund 120 Verstöße festgestellt worden, 114 davon allein in der Nacht von Samstag auf Sonntag

In der Nacht von Freitag zu Samstag, als die Ausgangssperre ab Mitternacht zum ersten Mal angewandt wurde, sprach die Polizei etwa 450 Menschen an, die nachts noch unterwegs waren. „Die meisten hatten angenommen, die Ausgangssperre würde erst in der folgenden Nacht gelten und zeigten sich einsichtig. Gegen fünf Unbelehrbare wurden Anzeigen wegen einer Ordnungswidrigkeit gefertigt“, heißt es in der Pressemitteilung von Sonntag.

Am Samstag führte die Polizei ab 22 Uhr verstärkt stationäre und mobile Kontrollen durch. Ein Schwerpunkt war der Rembertiring, wo mehr als 120 Fahrzeuge und 175 Insassen überprüft wurden. Darüber hinaus waren Einsatzkräfte mit Streifenwagen und zu Fuß in der Stadt unterwegs. Im Ganzen wurden knapp 400 Personen kontrolliert. 114mal setzte es eine Anzeige, weil die Menschen sich nicht an die Ausgangssperre gehalten haben. Geahndet wurden auch andere Verstöße gegen die Corona-Verordnung und diverse Verkehrsdelikte. Gegen einen Autofahrer wird jetzt wegen einer Trunkenheitsfahrt ermittelt. Auch in den kommenden Tagen werde es Kontrollen zur Einhaltung der Corona-Regeln geben, kündigt die Polizei an.

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