Nach Ausstieg des Hauptgesellschafters

Wie Studenten mit der unklaren Zukunft der Jacobs-Uni umgehen

Die Zukunft der Jacobs University ist ungewiss. Noch ist nicht geklärt, wie es weitergeht, wenn sich die Jacobs Foundation zurückzieht. Wie gehen die Studenten auf dem Campus in Bremen-Nord damit um?
27.06.2020, 05:00
Lesedauer: 4 Min
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Wie Studenten mit der unklaren Zukunft der Jacobs-Uni umgehen
Von Nico Schnurr
Wie Studenten mit der unklaren Zukunft der Jacobs-Uni umgehen

Die Zukunft der privaten Jacobs University ist ungewisser als je zuvor. Einige Studenten sind deshalb verunsichert.

Louis Kellner

Wenn der Sommer anbricht, gibt es normalerweise nicht viele Orte in Grohn, die so verlassen sind wie der Campus der Jacobs University. Im Juni packen viele Studenten ihre Sachen, putzen die Zimmer, geben die Schlüssel ab. Dann enden nicht nur die Kurse, sondern oft auch die Mietverträge der Wohnungen. Die Studenten ziehen los, Praktikum im Ausland, etwas Zeit mit der Familie, ein Sommer unterwegs. In der Nähe der Uni bleibt kaum jemand. In diesem Jahr ist das anders, lange Flüge fallen aus, viele Praktika auch. Wegen der Pandemie können Hunderte Studenten Bremen-Nord nicht verlassen, und so sind auf dem Campus in dieser Woche die Nachrichten auch von denen diskutiert worden, die davon direkt betroffen sein könnten.

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Die Zukunft der privaten Jacobs University ist ungewisser als je zuvor. Die Jacobs Foundation will nicht nur als Zuschussgeberin, sondern auch als Hauptgesellschafterin aussteigen. Einmalig will die Stiftung noch knapp 59 Millionen Euro zahlen. Wie sich die Uni danach finanzieren soll, ist unklar. Wie geht man damit als Student um?

Angst um zukünftigen Wert des Abschlusses

Am Tag, nachdem die Nachricht auf dem Campus die Runde gemacht hat, sitzt Jash Nishaant auf einer Holzbank, in seinem Rücken liegen die Sportplätze der Uni. Nishaant, 21, kommt aus Nepal, er ist in Kathmandu aufgewachsen, der Hauptstadt des Landes. Fürs Studium zog er nach Bremen-Nord, Bachelor in Computerwissenschaft. Gerade schreibt Nishaant seine Abschlussarbeit, es geht um Künstliche Intelligenz und Gesichtserkennung, in zwei Monaten will er fertig sein. Drei Jahre hat er in Bremen-Nord studiert. Nun sagt er: „Ich hoffe, dass mein Abschluss nicht entwertet wird.“ Nishaant weiß, dass die schwierige Lage der Uni sein Studium nicht mehr beeinflussen kann. Aber was, wenn die Personalchefs der High-Tech-Firmen seinen Bachelor irgendwann mit anderen Augen sehen? Nishaant fragt sich: „Wie viel wird mir ein Abschluss von einer Uni nutzen, die es vielleicht irgendwann nicht mehr geben wird, wenn es ganz schlecht läuft?“

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Wer nach Grohn kommt, macht das nicht, weil er irgendwo studieren will. Hauptsache, Uni, das gilt hier nicht. Die Jacobs University zieht Studenten an, die vorher Ranglisten wälzen und weltweit Hochschulen mustern, weil sie unter den besten Bedingungen lernen wollen. Dabei geht es auch ums Renommee. Wer in die globale Bildungselite aufsteigen will, begnügt sich nicht mit einer Uni, die auf den hinteren Plätzen der Rankings liegt. „Die unsichere Zukunft der Uni wird viele abschrecken“, sagt Nishaant, „auch unter denen, die hier jetzt studieren, wird es einige Leute geben, die sich fragen werden, ob sie ihre Zukunft noch an der Jacobs Uni sehen.“

Studenten haben bislang keine Information von der Uni erhalten

Anruf bei Benedict Luick Schulz, dem Vertreter der Bachelor-Studenten an der Jacobs Uni. Schulz, 19, studiert Biochemie, den Campus hat er wegen der Ferien schon verlassen. Man erreicht ihn in Hamburg, zu Hause bei seiner Familie. Schulz sagt, die Aufregung sei groß, seit Artikel zur ungewissen Zukunft der Uni in den Whatsapp-Gruppen der Studenten kursierten. „Das kam für viele sehr überraschend“, sagt Schulz, „einige machen sich sehr große Sorgen, wie es nun weitergeht.“ Schulz kritisiert, dass die Studenten bislang nur aus den Medien von der Situation erfahren würden. Anders als die Mitarbeiter hätten sie bislang keine Nachricht von der Uni erhalten. Vor allem die ausländischen Studenten seien nun verunsichert. „Sie sind für das Studium nach Bremen gekommen“, sagt Schulz, „wenn plötzlich die Zukunft der Uni gefährdet scheint, stellt das auch gleichzeitig die Grundlage ihres Aufenthaltes hier infrage.“

Maysanne aus Marokko hat Angst, dass die Universität zu einer "Uni für Reiche" werden könnte.

Maysanne aus Marokko hat Angst, dass die Universität zu einer "Uni für Reiche" werden könnte.

Foto: Louis Kellner

Wer sich auf dem Campus umhört, merkt schnell, dass längst nicht alle alarmiert sind. Li Ying, 20, Studentin aus Malaysia, sagt, sie habe von Älteren gehört, dass es ständig Gerede gebe, weiter gehe es mit der Uni dann aber trotzdem. Wenn der Standort wirklich vor Problemen stehe, sei das schade, aber die Folgen werde sie nicht mit mehr erleben. Dann dürfte sie die Uni schon mit einem Abschluss verlassen haben. Von anderen Studenten hört man, sie hätten erst gar nichts mitbekommen. „Ich bin hier isoliert, ich lebe fast schon im Labor“, sagt einer. Ein anderer meint: „Nachrichten? Lese ich hier nicht.“

Maysanne könnte zu den Verlierern gehören

Auf dem Campus trifft man aber auch Studenten wie Mayssanne, 18, aus Marokko. Sie sagt, wenn es der Uni mal schlechter gehen sollte, könnte sie zu den Verlieren gehören: „Ich befürchte, dass für Leute wie mich hier dann weniger Platz sein würde.“ Mayssanne hat ein Stipendium bekommen, „anders könnte ich mir das unmöglich leisten“. Sollte die Uni bald viel Geld sparen müssen, denkt sie, könnten solche Stipendien womöglich seltener werden. „Darunter würde die Vielfalt leiden“, sagt Mayssanne, „dann würde das hier zu einer Uni für Reiche werden.“

Paul Schumacher studiert im vierten Jahr Politik und Wirtschaft.

Paul Schumacher studiert im vierten Jahr Politik und Wirtschaft.

Foto: Louis Kellner

Auf einer Bank vor der Bibliothek sitzt Paul Schumacher, 27. Er studiert im vierten Jahr Politik und Wirtschaft an der Jacobs Uni, auch er wird mit einem Stipendium unterstützt. Ein paar Monate noch, dann ist er fertig. Er sagt: „Der Abschluss wäre nicht mehr vollwertig, falls es dazu kommen sollte, dass die Uni pleitegeht.“ Schumacher fände es auch deshalb schade, weil er ans Konzept der Uni glaubt. Vorher hat er an öffentlichen Hochschulen studiert, in Berlin und Leipzig, kein Vergleich zu Grohn, sagt er. In Bremen-Nord habe er in Ruhe arbeiten können, mit anderen hoch motivierten Studenten, ohne die Versuchungen der Großstadt. „Man ist hier abgeschottet.“ Schumacher weiß, dass man diesen Umstand nicht nur positiv auslegen kann. Er findet, die Uni müsste sich der Stadt stärker zuwenden, vielleicht mehr Stipendien an Bremer vergeben. „Das alles hat hier nach wie vor ein riesiges Potenzial“, sagt er, „bloß in Bremen kriegen zu wenig Leute davon mit.“

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